Darum gehts
Beinahe sieben Jahrzehnte ist es her, dass ein britischer Monarch in die USA reiste, um die Beziehung der beiden Länder zu kitten.
1957 landete Queen Elizabeth II. (1926–2022) in Washington – nach der Suez-Krise, in der Grossbritannien gemeinsam mit Frankreich und Israel militärisch gegen Ägypten vorging, um die Kontrolle über den strategisch wichtigen Suezkanal zurückzuerlangen. Der international scharf kritisierte Einsatz endete in einem politischen Fiasko und isolierte London diplomatisch. US-Präsident Dwight D. Eisenhower (1890–1969) war alles andere als «amused». Doch am Ende des Staatsbesuchs klirrten die Gläser, Eisenhower sprach plötzlich wieder von seinem «unerschütterlichen Glauben an die gemeinsame Zukunft». Die Krise war nicht gelöst – aber entschärft.
Heute ist es ihr Sohn King Charles III. (77), der in Washington landet. Und wieder soll ein Royal kitten, was Politiker zerlegt haben. Nur: Für Charles könnte der Besuch nach hinten losgehen!
Die Geschichte wiederholt sich – fast
Diesmal ist die Rollenverteilung eine andere. Nicht London steht isoliert da, sondern Washington. Der Iran-Krieg von US-Präsident Donald Trump (79) hat tiefe Gräben aufgerissen, auch innerhalb des westlichen Bündnisses. Grossbritannien verweigert die militärische Gefolgschaft, Premier Keir Starmer (63) wird in der Reaktion von Trump öffentlich abgekanzelt.
Die Folge: ein offener diplomatischer Schlagabtausch, wie man ihn zwischen diesen beiden Ländern lange nicht gesehen hat.
Was der König kann – und was nicht
Offiziell hat dieser Besuch mit all dem nichts zu tun. So zumindest die Linie aus London: Der König steht über der Tagespolitik, kommentiert nicht, vermittelt nicht, entscheidet nicht. Inoffiziell ist genau das der Plan.
Die Erwartungen an Charles sind entsprechend hoch. Staatsbankett, Rede vor dem Kongress, Kranzniederlegungen, Begegnungen mit US-Bürgern. Inhaltlich dominieren Geschichte, Werte, Kontinuität.
In und um Downing Street setzt man darauf, dass Pomp, Zeremonielles und Show etwas bewirken, was der Politik derzeit nicht gelingt: Trump und sein Umfeld daran zu erinnern, was beide Länder verbindet – im Jahr, in dem die USA ihr 250-jähriges Bestehen feiern.
Die Risiken sind konkret
Genau darin liegt aber das Problem. Diese Art Diplomatie funktioniert nur, wenn alle das Spiel mitspielen. Und einer tut das notorisch nicht: Trump.
Das grösste Risiko liegt im vermeintlich harmlosesten Programmpunkt: dem Treffen im Oval Office. Offiziell ist nur ein kurzer Fototermin vorgesehen, ohne Fragen. Inoffiziell sind das genau jene Momente, in denen Trump erfahrungsgemäss improvisiert – und politische Botschaften platziert. Der Besuch von Wolodimir Selenski (48) Ende Februar 2025 hat gezeigt, wie schnell solche Begegnungen kippen können.
Ein Satz über Starmer, ein Seitenhieb zur britischen Militärpolitik oder eine spontane Iran-Einlassung – die Situation könnte schnell eskalieren. Für den König ist das ein diplomatisches Dilemma: Schweigt er, wirkt er wie Dekoration. Reagiert er, verlässt er seine Rolle.
Politische Instrumentalisierung
Dazu kommt: Trump hat bereits begonnen, Charles politisch einzurahmen. Er liess durchblicken, Charles hätte im Iran-Konflikt «eine ganz andere Haltung» als die britische Regierung – nur, dass er sie nicht äussern dürfe. Ziemlich clever: ein Versuch, den Monarchen subtil gegen die eigene Regierung auszuspielen – ohne dass dieser widersprechen kann.
Auch abseits der grossen Bühne lauern Risiken. In den USA werden Proteste erwartet – gegen Trump ebenso wie gegen die Monarchie. Besonders heikel ist der Epstein-Komplex rund um Charles' Bruder Andrew: Forderungen nach einem Treffen mit Opfern stehen im Raum, der Palast hat bereits abgewunken. Doch allein die Debatte kann den Besuch überschatten.
Die Chancen sind begrenzt – aber vorhanden
Und trotzdem reisen Charles und seine Frau Camilla in die USA. Aus einem einfachen Grund: Es gibt derzeit kaum funktionierende politische Kanäle. Charles bietet etwas, das Starmer fehlt: Zugang. Trump liebt die britische Monarchie, liebt die Inszenierung. Laut CNN war der US-Präsident sogar höchstpersönlich in die Organisation des Banketts involviert. «Er ist ein grossartiger und mutiger Mann», sagt der US-Präsident über den König – und stellt in Aussicht, der Besuch könne die Spannungen reduzieren.
Genau hier setzt Charles' Mission an: eine klassische Charme-Offensive, fast schon eine höfische Schleimer-Strategie, die weniger auf harte Inhalte als auf Nähe, Eitelkeit und persönliche Chemie zielt. Im besten Fall entsteht daraus wieder Gesprächsbereitschaft – im schlechtesten bleibt es bei schönen Bildern und warmen Worten.
Die Zeichen stehen gut: Schon 1939 reiste George VI. (1895–1952) in die USA, um ein zögerliches Amerika im Schatten des drohenden Weltkriegs auf britische Seite zu ziehen. Die Mission: Sympathien schaffen, Vertrauen aufbauen – und ganz nebenbei die politische Stimmung drehen. Der Erfolg war überschaubar, aber die Strategie gesetzt: Wenn Politik blockiert, schickt man die Royals.