Darum gehts
- Handys beeinflussen Zeitgefühl stärker als Armbanduhren, zeigt psychologische Analyse
- Social-Media-Scrollen verkürzt Zeitwahrnehmung um ein Drittel laut Studie
- Auch mit dem Alter verändert sich unser Zeitempfinden
Liest du die Uhrzeit lieber auf deinem Handy oder von einer Armbanduhr ab? Eine Frage, die mehr über dein Zeitgefühl verraten könnte, als du vielleicht denkst. Denn wie eine Analyse der US-Psychologen William J. Matthews und Warren H. Meck zeigt, kann sich die Wahl des Geräts ganz unterschiedlich auf die Wahrnehmung von Zeit auswirken.
Unsere subjektive Wahrnehmung hängt laut der Analyse von drei Faktoren ab: Sinneseindrücken, Aufmerksamkeitsverteilung und der Vertrautheit einer Situation. Wer auf die Uhr am Handgelenk schaut, lenkt seine Aufmerksamkeit für einen Moment auf die Zeit. Danach geht es meist ohne Umwege mit der aktuellen Aufgabe weiter. Schliesslich zeigt die Armbanduhr nichts anderes an als die Zeit. Ganz anders beim Smartphone.
Zeitgefühl wird durch Ablenkung beeinflusst
Ein kurzer Blick auf die Uhrzeit auf dem Handydisplay endet oft mit minutenlangem Scrollen durch Nachrichten, Social-Media-Feeds oder E-Mails. Denn neben der Uhrzeit werden auf dem Bildschirm zahlreiche App-Benachrichtigungen angezeigt.
Dahinter steht das sogenannte Attentional-Gate-Modell, bei dem das «Tor» im Gehirn, das zeitliche Informationen verarbeitet, durch die Ablenkung geschlossen wird. Die Folge: Das Zeitgefühl gerät durch den Aufmerksamkeitswechsel durcheinander, und die wahrgenommene Zeit scheint kürzer zu sein, als sie tatsächlich ist.
Eine Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München aus dem Jahr 2024 fand heraus, dass Social-Media-Scrollen die Zeitwahrnehmung signifikant verkürzt. Versuchspersonen, die 40 Sekunden durch Inhalte scrollten, schätzten die Dauer auf nur 27 Sekunden – also um ein Drittel weniger. Selbst nach dem Weglegen des Smartphones blieb ein Teil der Aufmerksamkeit an der vorherigen Aktivität hängen – ein «Aufmerksamkeitsrest», der bis zu 20 Minuten andauern kann, wie der Forscher Zhuanghua Shi in der Studie erklärte.
Generell gilt: Wer es gezielt schafft, auf dem Handydisplay nur die Zeit abzulesen und das Smartphone direkt danach wieder wegzulegen, hat am Ende kein Zeitverschwendungsgefühl. Doch es gibt noch weitere Faktoren, die unser individuelles Zeitempfinden beeinflussen können.
Verstreicht die Zeit im Alter schneller?
Je älter man wird, desto eher fühlt es sich an, als würde die Zeit verfliegen. Unser Gehirn ist darauf ausgelegt, Veränderungen zu registrieren. Im Kindesalter durchleben wir viele Dinge zum ersten Mal – etwa das erste Mal auf dem Velo, der allererste Tag in der Schule oder das erste Mal allein zu Hause. Diese ersten Male speichert das Gehirn dabei als besonders einprägsame Momente ein, heisst es in einem Beitrag des ARD-Fernsehmagazins «Quarks».
Wenn im Alter Routine einkehrt, verarbeitet das Gehirn weniger neuartige Reize. Rückblickend fehlen dem Gedächtnis diese Ankerpunkte, wodurch sich grosse Abschnitte wie im Zeitraffer anfühlen.
Hinzu kommt auch die proportionale Relation: Für ein fünfjähriges Kind stellt ein Jahr 20 Prozent seines bisherigen Lebens dar. Bei einer 50-jährigen Person entspricht ein Jahr nur noch zwei Prozent der gelebten Zeit. Im Verhältnis fühlt sich der Zeitabschnitt daher unbedeutender an.
Bei Langeweile zieht sich die Zeit wie ein Kaugummi
Je langweiliger eine Aufgabe, ein Meeting oder ein Gespräch, desto langsamer scheint die Zeit zu vergehen. Auch hier spielt das Attentional Gate eine Rolle. Denn bei Langeweile wird die Aufmerksamkeit nicht abgelenkt, das «Tor» steht also offen. Das heisst: Der Fokus der Aufmerksamkeit liegt ganz auf dem Verstreichen der Zeit – wodurch sich jede Minute endlos anfühlen kann.
Beim Vergnügen vergeht die Zeit wie im Flug
Ein geselliger Abend mit Freunden, ein fesselnder Film oder ein monatelang erwartetes Konzert – und plötzlich rauscht die Zeit nur so vorbei. Das Glückshormon Dopamin steuert im Gehirn die Frequenz der inneren Uhr, wie die Forscher Warren H. Meck und Catalin V. Buhusi 2005 in einer Studie beleuchteten. Wird viel Dopamin ausgeschüttet, etwa durch Belohnung, Spass oder Überraschung, lässt das die innere Uhr scheinbar schneller ticken, wodurch Zeitintervalle unterschätzt werden.
Auch das Attentional Gate spielt eine Rolle. Wenn man sich bei einer Aktivität gut amüsiert, wird fast die gesamte kognitive Kapazität darauf verwendet – das Attentional Gate bleibt geschlossen. Somit bleibt keine Kapazität mehr übrig, um das Verstreichen der Zeit aktiv zu überwachen. Die Zeit scheint dem Empfinden nach schneller zu vergehen.