25 Jahre danach – so erlebte Blick-Journalist Peter Hossli den islamistischen Terror
9/11 – der Tag, der nicht zu Ende geht

Als die Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers rasten, war Blick-Journalist Peter Hossli vor Ort und wurde zum Reporter und Betroffenen zugleich. Er schrieb aus Manhattan über den Terror und bangte um seine Liebsten. 25 Jahre später wagt er den Rückblick.
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Der Morgen, der sich einbrannte: Rauch steigt am 11. September 2001 aus den brennenden Zwillingstürmen des World Trade Centers in New York.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Peter Hossli erlebte den Angriff auf das World Trade Center hautnah mit
  • Bis heute verfolgt ihn das Geschehene, privat wie beruflich
  • 25 Jahre später bleibt 9/11 ein globales Symbol für Terror und Veränderung
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Peter HossliReporter & Leiter Journalistenschule

Seit ich auf Instagram bin, habe ich mein Profilbild nie geändert. Es zeigt mich mit traurigen Augen. Aufgenommen wurde es heute vor 25 Jahren, am Nachmittag des 11. September 2001 in New York.

Was an jenem Tag geschah, bestimmt bis heute mit, wer ich bin. Und damit bin ich nicht allein.

Seit 25 Jahren gibt es die Generation 9/11.

Wer damals alt genug war, um den Angriff auf Amerika und damit auf die westliche Welt zu verstehen, erinnert sich an viele Details dieses Tages. Als hätte sich ein innerer Film eingebrannt.

Ein Film, der sich jederzeit abspielen lässt.

Zu sehen und zu hören ist darauf, wo man war, was man tat, mit wem man sprach, wie man erfuhr, dass islamistische Terroristen zwei entführte Passagierflugzeuge ins New Yorker World Trade Center steuerten und ein weiteres ins Pentagon. Und wie das vierte Flugzeug nach dem Widerstand von Passagieren und Crew auf einem Feld in Pennsylvania abstürzte.

Kein Ereignis hat sich so tief in das kollektive Gedächtnis jener eingegraben, die heute 35 Jahre oder älter sind.

Plötzlich Berichterstatter und Betroffener

Schon oft habe ich erzählt und geschrieben, dass ich an jenem klaren Herbstmorgen in Manhattan früher als sonst im Büro war, weil ich ein Interview mit einem Diktatorenjäger vorbereiten musste. Es hätte im Empire State Building stattfinden sollen.

Früh da war auch eine norwegische Layouterin, die mir gefiel. Wie aus dem Nichts erzählte sie, ihr Freund habe ihr am Telefon gesagt, ein Flugzeug stecke im World Trade Center. Sofort rief ich die Redaktion in Zürich an. Ein Redaktor teilte mir mit, sie hätten noch eine halbe Seite Platz. Als ich auf die Strasse eilte, sah ich, wie das zweite Flugzeug in den Südturm des World Trade Centers raste.

Statt zum Interview ins Empire State Building zu gehen, rannte ich in Richtung der brennenden Zwillingstürme, befragte und fotografierte Menschen, die wie ich mit dem Angriff auf die eigene Stadt umgehen mussten.

Als junger Reporter war ich nun beides: Berichterstatter und Betroffener.

Fünf Jahre nur zu 9/11 gearbeitet

Die Redaktion, die zuerst nur eine halbe Seite wollte, schickte mich in ein Fotogeschäft, um eine Digitalkamera zu kaufen. Sie hatte eine Auflösung von 3,5 Megapixeln und kostete 1400 Franken. Viel Geld für ein aus heutiger Sicht ziemlich lausiges Gerät.

Anfangs funktionierten die Telefone noch. «Geh raus und schreib auf, was du siehst, mach daraus einen Text», sagte der Auslandredaktor. Dieser Auftrag prägt mich noch immer. 9/11 hat mich gelehrt, Journalismus zu machen. Zu beschreiben, was passiert. Nicht mehr, nicht weniger. Nicht zu interpretieren, dem Geschehen keinen ideologischen Dreh zu geben. Sondern Menschen mit den Informationen zu versorgen, die sie brauchen.

Bis zum Abend hatte ich nicht eine halbe, sondern über ein Dutzend Seiten mit Texten und Fotos gefüllt. Fünf Jahre lang arbeitete ich fast ausschliesslich zu 9/11. Die Katastrophe hat mich geformt. Und als freischaffender Reporter verdiente ich gut daran.

Ein Tag der Stille

Abgesehen von meinen Kindern hat mich nichts so sehr geprägt wie 9/11. Als meine Stadt angegriffen wurde, traf es auch meine Freunde, meine Liebsten, letztlich mich. Es macht etwas mit einem, wenn man einen Tag lang Menschen sucht, die in unmittelbarer Nähe des World Trade Centers wohnten, und erst am Abend Gewissheit hat, dass niemand, den man kannte, ums Leben gekommen ist.

Bis heute ist der 11. September für mich ein Tag der Stille. Seit 25 Jahren bekomme ich Hühnerhaut, schiessen mir Tränen in die Augen, wenn dieser Film abläuft – besonders um 8.46 Uhr und um 9.03 Uhr New Yorker Zeit. Genau dann schlugen das erste und das zweite Flugzeug in das World Trade Center ein.

Der Wunsch, den ich Jahr für Jahr in diesen Minuten äussere, ist ein einfacher geblieben: Frieden.

Der radikale Schnitt

Mich hat der 11. September 2001 verändert. Aber hat der Tag auch die Welt verändert? Gibt es neben dem persönlichen Vorher und Nachher auch ein historisches?

Vieles, was damals prognostiziert wurde, traf nicht ein. Die Wirtschaft erholte sich rasch. Die Einführung des iPhones sechs Jahre später hat die Welt stärker verändert. Die Lancierung von ChatGPT im November 2022 und der nachfolgende KI-Boom dürften unsere Gesellschaft tiefgreifender umgestalten.

Und doch war 9/11 ein radikaler Schnitt. Die Leichtigkeit des Seins der 1990er-Jahre sackte in sich zusammen, als die beiden Türme des World Trade Centers zu Staub zerfielen.

Der Terror beraubte uns der Unbekümmertheit, die wir zwölf Jahre zuvor gewonnen zu haben glaubten, als die Berliner Mauer fiel. Der Kalte Krieg als Fortsetzung des Zweiten Weltkriegs schien vorbei. Der Westen hatte gesiegt. Demokratie und Kapitalismus waren auf dem Vormarsch. Amerika war die unangefochtene Supermacht. Und ein Ziel des Menschseins – Freiheit – erreicht.

Der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama (73) sah das «Ende der Geschichte» gekommen: Die liberale Demokratie erschien ihm als Endpunkt der ideologischen Entwicklung der Menschheit. Es war eine These, die zum Optimismus jener Jahre passte. Viele glaubten an eine Welt mit ewigem Frieden.

Dann entführten 19 islamistische Terroristen vier Flugzeuge und zerstörten diese Zuversicht.

Wie 9/11 die Medienbranche veränderte

Auch für die Medienbranche war 9/11 ein Wendepunkt. Die digitale Fotografie erlebte ihren Durchbruch. Und seither läuft der Newsticker. Weil gleichzeitig so viele Informationen eintrafen, blendeten die Sender am unteren Bildrand ein Laufband ein. Darauf stand, was der Moderator nicht erzählen konnte. Fox News begann um 10.49 Uhr, CNN um 11.11 Uhr, MSNBC am frühen Nachmittag.

Aus der Notlösung wurde das Symbol einer neuen Art von Echtzeitjournalismus. Mittlerweile hat sich der Ticker auf Onlineportalen und in den sozialen Medien festgesetzt.

Die Geschwindigkeit, die uns damals überwältigte, ist heute Normalität.

Alle tragen eine Kamera in der Tasche. Nachrichten erreichen uns Sekunden nach einem Ereignis. Kriege werden auf Tiktok übertragen, Terroranschläge auf Smartphones gefilmt. Künstliche Intelligenz produziert Bilder, Texte und Videos.

Kostenpunkt: 3000 Milliarden Dollar

Wie verletzlich das hochgerüstete Amerika war, gehörte zu den verstörendsten Erkenntnissen dieses Tages. Einige der Attentäter liessen sich zu Piloten ausbilden. Mit einfachen Messern brachten die Entführer Passagierflugzeuge in ihre Gewalt und machten sie zu Waffen. Der materielle Aufwand war verschwindend klein im Verhältnis zum angerichteten Schaden.

Die Anschläge sollen die Terroristen 400’000 bis 500’000 Dollar gekostet haben. Die Wirkung war kolossal, finanziell wie symbolisch. Die Kosten für die USA summierten sich über die Jahre auf mehr als 3000 Milliarden Dollar. Das sind rund sieben Millionen Dollar für jeden Dollar, den die Terrorbande Al Kaida ausgab.

Mit dem World Trade Center trafen die Terroristen nicht einfach Türme aus Glas, Beton und Stahl. Sie zerstörten ein Symbol des westlichen Kapitalismus, der Freiheit und Stärke. Und sie verunstalteten die New Yorker Skyline.

Auf einen Schlag fühlte sich der mächtigste Staat der Welt Menschen ausgeliefert, die mit Teppichmessern bewaffnet waren.
Die Geschichte war nicht zu Ende. Die Welt hatte den islamistischen Terror unterschätzt oder verdrängt.

Der technologische Schub

Nach dem Angriff auf Pearl Harbor 1941 waren die USA in den Zweiten Weltkrieg eingetreten, den sie mit dem Abwurf von zwei Atombomben beendeten. Nach 9/11 zogen sie erneut in den Krieg. Zugleich weiteten sie die Überwachung im eigenen Land aus. Freiheiten wurden beschnitten. Der Patriot Act gab den Behörden neue Befugnisse. Sicherheitskontrollen wurden verschärft, Misstrauen institutionalisiert. Muslime gerieten unter Generalverdacht. Fliegen wurde zum Hindernislauf.

Der Schock von 9/11 gab der technologischen Aufrüstung neuen Schub. Die plötzlich sichtbare Verwundbarkeit befeuerte den Glauben, Sicherheit lasse sich durch immer mehr Technik herstellen. Peter Thiel (58) und Alexander Karp (58) gründeten 2003 Palantir mit dem Anspruch, Hightech gegen künftige Lowtech-Angriffe einzusetzen.

Militär, Geheimdienste und Sicherheitsbehörden setzten auf diese Technologie. Daten sollten Zusammenhänge sichtbar machen, bevor Menschen sie erkannten. Präzisionswaffen und künstliche Intelligenz wurden zu zentralen Instrumenten amerikanischer Macht. Von 9/11 lässt sich demnach eine Linie zur heutigen KI-Welle ziehen.

Auf den nachvollziehbaren Feldzug in Afghanistan folgte der Irakkrieg: ein Angriffskrieg, gerechtfertigt mit Massenvernichtungswaffen, die es gar nicht gab. Wohl eine der verheerendsten politischen Entscheidungen der jüngeren amerikanischen Geschichte. Er destabilisierte den Nahen Osten auf Jahre hinaus und schuf Voraussetzungen für neue Gewalt und weitere Radikalisierung.

Der IS wäre ohne die Folgen des Irakkriegs kaum in dieser Form entstanden. Die Erschütterungen der Region wirkten bis zum Arabischen Frühling und zu den grossen Fluchtbewegungen, die Europa 2015 erreichten.

Permanente Unsicherheit

Man muss vorsichtig sein mit Kausalketten. Geschichte funktioniert selten wie eine Reihe von Dominosteinen, in der einer zwangsläufig den Nächsten umwirft. Und doch ist es schwer, zu übersehen, wie viele Entwicklungen der vergangenen 25 Jahre mit jenem Septembermorgen verbunden sind.

Für meine Generation begann eine Epoche permanenter Unsicherheit.

Bittersüss ist die Erinnerung an die Solidarität jener Tage. Für einen kurzen Moment stand fast die ganze Welt hinter Amerika. Die Bilder von New York lösten keine Schadenfreude aus, sondern Mitgefühl. Menschen in Europa, Asien, Südamerika, Afrika und – mit Ausnahmen – selbst im Nahen Osten standen den Opfern und den USA bei.

Amerika besass nach dem 11. September nicht nur militärische Macht, sondern etwas noch Wertvolleres: moralisches Kapital.

Viel davon ging in den Jahren danach mit dem Irakkrieg verloren. Hatte 9/11 das Land und grosse Teile der Welt vereint, spaltete US-Präsident George W. Bush (80) sie mit seinem Krieg wieder. Lange bevor Donald Trump (80) die Gräben weiter vertiefte.

New York geht es ein Vierteljahrhundert nach 9/11 gut, die Stadt wirkt fröhlich, die Immobilienpreise sind höher denn je. Und der Bürgermeister ist ein Muslim.

Zu Ende ist der 11. September damit nicht.

Und nein, die Norwegerin habe ich nie mehr gesehen.

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