Es regnet in Brooklyn. Zwei Frauen in schwarzen Vollschleiern gehen Hand in Hand über die Kreuzung von 5th Avenue und Bay Ridge Avenue. Ein älterer Mann in langer Dschallabija trägt eine Einkaufstasche über das nasse Trottoir. Die Läden sind auf Arabisch und Englisch beschriftet. Ein Rechtsberater wirbt für Eheschliessungen und Scheidungen nach der Scharia – und betont: Das Standesamt beglaubige die Heirat, ein US-Gericht wickle die Scheidung ab.
Arabischer Alltag und amerikanische Institutionen Tür an Tür.
Vor 25 Jahren wäre das in New York anders gelesen worden. Damals, am 11. September 2001, entführten 19 islamistische Terroristen vier Passagierflugzeuge und setzten sie als Waffen ein. Zwei davon steuerten sie in die Türme des World Trade Centers, eines ins Pentagon; das vierte stürzte in Pennsylvania ab.
Die Islamisten ermordeten knapp 3000 Menschen. New York verlor seine vertraute Skyline und das Gefühl von Sicherheit.
Bereits am Tag danach gerieten Muslime unter Generalverdacht. Ob Araber, Südasiate oder Sikh: Ein Bart oder ein Kopftuch genügte. Wer nahöstlich aussah, wurde beschimpft, bedroht, sogar angegriffen. Landesweit stieg die Zahl der vom FBI registrierten antimuslimischen Hassverbrechen von 28 im Jahr 2000 auf 481 im Jahr 2001.
Ein Vierteljahrhundert später regiert ein Muslim New York aus der City Hall, dem Rathaus der Stadt. Zohran Mamdani (34) gewann im November 2025 die Wahl und wurde am 1. Januar 2026 als Bürgermeister vereidigt.
Ein bekennender Muslim steht einer Stadt vor, in der das Trauma des schwersten islamistischen Terroranschlags der amerikanischen Geschichte bis heute spürbar ist.
Vor ein paar Wochen widmete das «New York Magazine» seine Titelgeschichte den Arabern und Muslimen der Stadt und nannte New York «Habibi City». Vor einem halben Jahrhundert hatte dasselbe Blatt noch gefragt, ob Araber es im Big Apple je schaffen würden. Nun beantwortete es die Frage selbst und löste prompt einen neuen Streit darüber aus, wem New York gehört.
Kritiker warfen den Journalisten vor, die jüdische Identität der Stadt auszublenden, das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 in Israel zu verharmlosen und allein den Gazakrieg zu kritisieren. Zudem habe das Magazin nicht erwähnt, dass antisemitische Vorfälle seit der Wahl Mamdanis stark zugenommen hätten und dass an New Yorker Universitäten immer wieder jüdische Studenten bedroht würden.
Der Onkel von Bay Ridge
In einem ehemaligen Ladenlokal in Bay Ridge, Brooklyn, klebt auf einem Aktenschrank ein grüner Gaza-Sticker, daneben eine kleine amerikanische Fahne. Untergebracht ist hier ein muslimisches Sozialzentrum. An den Haken hängen Regenschirme. Nach hinten zieht sich eine Reihe von Tischen mit Wachstüchern, auf jedem eine Vase mit frischen Sonnenblumen. Mittendrin steht Zein Rimawi (72), in Sandalen, mit weissen Bartstoppeln. Er lacht, selbst wenn er Dinge sagt, über die andere nicht lachen würden.
Rimawi kam 1982 mit einem Stipendium für ein Bauingenieurstudium aus dem Westjordanland in die USA. Kaum war er hier, gründete er eine Schule, eine Moschee, zuletzt eine gemeinnützige Organisation. Woche für Woche versorgt er rund 700 bedürftige Familien mit Lebensmitteln. «Die meisten von ihnen nennen mich Onkel», sagt er. «Auch Zohran Mamdani nennt mich Onkel.»
Er kenne den neuen Bürgermeister gut, sagt Rimawi. Seine Wahl beweise aber nicht, dass die Vorbehalte gegenüber Muslimen in New York überwunden seien. «Er ist klug, er weiss, wie man mit den sozialen Medien umgeht, und der Krieg in Gaza hat junge Menschen mobilisiert.» Muslime stellten weniger als zehn Prozent der Stadtbevölkerung, betont er. Nicht sie hätten Mamdani zum Bürgermeister gemacht, sondern die Jungen. «Sie wissen nichts über 9/11.»
Bis heute sei in den Köpfen vieler New Yorker die Vorstellung verankert, Muslime hätten 3000 Menschen ermordet, erklärt Rimawi. «Also sind alle Muslime Terroristen.»
Nach den Anschlägen galten Muslime in New York nicht als religiöse Minderheit unter anderen, sondern als Ziel der Terrorabwehr. Viele muslimische Familien hätten die Namen ihrer Kinder geändert. «Es ist in Amerika in Ordnung, eine Katze oder eine Kuh anzubeten», sagt Rimawi und lacht. «Aber Muslim zu sein, gilt als merkwürdig. Begeht ein Muslim ein Verbrechen, beschuldigen sie unsere Religion statt den Täter.»
Nach 9/11 liessen die Behörden jahrelang Moscheen, Restaurants und Geschäfte in muslimisch geprägten Quartieren beobachten, etwa in Bay Ridge in Brooklyn oder in Astoria in Queens. Erst 2014 löste die NYPD diese Einheit auf. Ein Jahr später wurden Eid al-Fitr und Eid al-Adha zu offiziellen Feiertagen an den öffentlichen Schulen. 2016 lancierte die städtische Menschenrechtskommission die Kampagne «I Am Muslim NYC». Galten Muslime nach 9/11 als Gefährder, so erkennt die Stadt heute ihre religiösen Bedürfnisse an.
Wie viele Muslime in New York leben, ist nicht bekannt. Bei amerikanischen Volkszählungen wird nicht nach der Religion gefragt. Die Schätzungen reichen von 750'000 bis zu einer Million Muslime in einer Stadt mit acht Millionen Einwohnern.
Die Generation ohne Erinnerung
Ein Treffpunkt in Bay Ridge ist der Supermarkt Balady. Aus dem Lautsprecher erklingen nahöstliche Musik und Koranverse. In den Regalen stehen Tahina, Hummus, Falafelmischungen, arabischer Kaffee, Honig und Süssigkeiten. Das angebotene Fleisch ist halal, Schweinefleisch gibt es nicht. An den Kassen arbeiten Frauen mit Kopftuch.
Fatima Binani kauft hier ein. Sie ist 28, bedeckt ihr Haar, spricht offen mit dem Reporter, will sich aber wie viele Frauen nicht fotografieren lassen.
Sie kam 2018 aus Algerien nach New York. Heute ist sie Amerikanerin, hat einen vierjährigen Sohn und arbeitet im Verkauf. «In meinem Land sah ich keine Zukunft, deshalb kam ich in die USA, um sie mir hier aufzubauen.»
Erinnerungen an den 11. September 2001 hat sie keine. Sie war damals ein Kleinkind in Algerien. Verwandte, die seit langem in den USA leben, erzählten ihr von den Jahren danach. Frauen mit Hidschab seien beschimpft worden. «Geht in euer Land, ihr seid böse Menschen!» Manche gingen, «weil sie tiefen Schmerz empfanden». Erst nach etwa zehn Jahren sei diese Feindseligkeit verschwunden.
Mittlerweile sei das Leben als Muslimin in New York einfach geworden. «Ja, banal», sagt sie. «Man geht aus dem Haus, lebt sein Leben, geht zur Arbeit, ist frei.» Die einst harten Grenzen zwischen Amerikanern und Muslimen hätten sich aufgelöst. «Amerika ist mein erstes Land, noch vor Algerien.»
Zum Schluss sagt sie einen Satz, der ihr wichtig scheint: «Als wir hierherkamen, hatten wir nicht vor, die Vereinigten Staaten anzugreifen. Wir sind gekommen, um Amerikaner zu werden.»
«Ich mag Religion nicht»
Die Gegend rund um die Steinway Street in Astoria, Queens, heisst «Little Egypt», das kleine Ägypten. Auf einem Wiener Kaffeehausstuhl sitzt Ali El Sayed (72): ein freundlicher Mann mit weissem Haar und weissem Dreitagebart. Hosenträger halten seine karierte Kochhose. Spricht er, hebt er den Zeigefinger.
El Sayed schloss 1973 in Ägypten sein Studium ab und ging danach in die USA. Heute gehört ihm das Kabab Café an der Steinway Street. Er sagt, sein Café habe Little Egypt gegründet. «Es fängt immer mit Geschäften an, dann kommen die Menschen und mit ihnen die Religiösen.»
Warum kam er nach Amerika? «Alle kommen wegen der gleichen Scheisse wie ich: wegen des Geldes.» Der Glaube lasse ihn kalt. «Ich mag Religion nicht.» Auch deshalb sei er in Amerika: weil er das hier einfach so sagen dürfe. Ob er nach dem 11. September Anfeindungen gespürt habe? «Überhaupt nicht. Erstens, weil ich in einem gemischten Quartier lebe. Und zweitens hatten wir Glück, dass es in New York passierte. New York versteht die Welt besser als der Rest des Landes.»
Sein Lieblingsbürgermeister sei Ed Koch (1924–2013) gewesen, «ein kluger Jude», wie er sagt. Auch den neuen muslimischen Bürgermeister möge er, nicht weil er Muslim sei, «sondern weil er der einzige gebildete Politiker war, der sich um das Amt bemühte», so El Sayed. «Mamdani gewann, weil er der Beste war.» Ob er gut sei für New York? «Wahrscheinlich. Politik ist nicht einfach. Viele Politiker sind Idioten. Dafür haben wir Amerikaner ja die besten Beispiele.»
Nicht aus dem Nichts
Wer durch die Steinway Street geht, bewegt sich in Zohran Mamdanis altem Wahlkreis. Von 2021 bis Ende 2025 vertrat er Astoria im Parlament des Bundesstaates. Sein Aufstieg kam nicht aus dem Nichts: 2002 zog mit Robert Jackson der erste Muslim in den Stadtrat ein, 2021 mit Shahana Hanif die erste Muslimin. Eine jüngere Generation muslimischer New Yorker drängte in die Politik, in die Medien und in die Verwaltung.
Mamdanis Einzug in die City Hall gilt als vorläufiger Höhepunkt dieser Entwicklung.
Im Wahlkampf war seine Religion sichtbar, aber sie war nicht Programm. Er sprach vor allem über Mieten, Lebenshaltungskosten, öffentlichen Verkehr und Kinderbetreuung. Das unterstreicht die Normalisierung ein Vierteljahrhundert nach 9/11: Ein Muslim konnte Bürgermeister werden, ohne seinen Glauben zu verstecken und ohne allein als Muslim gewählt zu werden.
«Du bist, was du kannst»
Ein paar Häuser vom Kabab Café entfernt steht auf dem Trottoir eine Versammlung von Schaufensterpuppen: Köpfe mit Hidschab in Grau und Mintgrün, ein rosa Kaftan, eine Puppe mit Kufija. Über dem Eingang, in weissen Grossbuchstaben: Arabian Market. Ein Schild wirbt für «Importe aus Ägypten, Jemen und der Türkei». Verkäufer Marwan Abdo (26) steht in schwarzem T-Shirt und schwarzer Kappe am Eingang.
Für das Gespräch dreht er die Koranverse aus dem Lautsprecher leiser. «Wir spielen die Verse, weil der Koran uns Muslimen positive Energie gibt», sagt er.
Abdo ist Robotikingenieur. Studiert hat er in Ägypten. Vor zwei Jahren kam er mit einem Stipendium in die USA. Es gefiel ihm hier, also blieb er und macht nun einen Master. Nicht das Geld habe ihn dazu bewogen, sondern die gesellschaftliche Ordnung. «Ich liebe es, wie alle die Regeln respektieren, von den Kindern bis zu den Alten. Das gibt dir die Freiheit, unter dem Gesetz zu tun, was du willst.»
Hass gegen Muslime habe er nie erlebt. Nachwirkungen des 11. Septembers kenne er keine. «Die Menschen hier versuchen, die Person als Person zu sehen. Du bist, was du kannst, nicht, woher du kommst oder was du glaubst.»
Damit umschreibt er New York ziemlich genau. Die Stadt ist stolz darauf, ein Ort für all jene zu sein, die sich anstrengen und sich anständig verhalten. Glauben sollen sie, was sie wollen.