Darum gehts
- Experte erklärt, wie Preise Trinkgeld beeinflussen können
- Preise über Schwelle erhöhen Trinkgeld
- Studie: Bargeldzahler sind grosszügiger als Kartenzahler beim Trinkgeld
Du sitzt gerade in deinem Lieblingscafé und bestellst einen Cappuccino. Ohne zu ahnen, dass der Wirt über den Preis für den morgendlichen Wachmacher dein Verhalten beim Bezahlen steuert. Denn je nachdem, wie der Preis angesetzt ist, lässt du dich zu mehr oder weniger Trinkgeld verführen.
Konkret: Kostet der Cappuccino 4.90 Franken, wirst du auf 5 Franken aufrunden. Ist der Beizer clever, verrechnet er 5.10 Franken, und du rundest beim Trinkgeld auf 5.50 auf. Das heisst, der billigere Cappuccino bringt fürs Personal 10 Rappen zusätzlich, der teurere dagegen 40 Rappen. Einfach, weil der Beizer die Gesetze des Marketings aushebelt. Diese sehen vor, ein Produkt möglichst immer unter einer bestimmten Preisschwelle anzubieten statt darüber.
Die Ausnahme von der Regel kann sich auszahlen: «Gerade bei kleineren Beträgen, die man einzeln konsumiert, kann es sich lohnen, den Preis leicht oberhalb einer Preisschwelle anzusetzen – und nicht unterhalb, wie es die klassische Preispsychologie vorsehen würde», erklärt der Zahlungsmittelexperte Markus Stadelmann (40) von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Er ist einer der Autoren der jüngsten Trinkgeldstudie der Bank Cler.
Risiko ausbleibende Kunden
In der Studie wurde unter anderem mit verschiedenen Szenarien getestet, wie der Preis das Trinkverhalten beeinflussen kann. Der Preistrick funktioniert auch, wenn zum Cappuccino noch ein Gipfeli konsumiert wird: Bei einem Preis von 7.90 Franken gibt es 60 Rappen Trinkgeld, bei 8.10 Franken fliessen 90 Rappen ins «Kässeli».
«Der Wirt kann mit dem Überschreiten der Preisschwelle Umsatz und Trinkgeld optimieren», so Stadelmann. Das kann allerdings auch ein gewisses Risiko beinhalten, warnt der Experte: «Denn es bleibt die Frage, ob die Kunden das akzeptieren oder das nächste Mal in ein anderes Café gehen.»
Beat Imhof (54), Präsident des Branchenverbands Gastrosuisse, wehrt sich gegen den Vorwurf der bewussten Trickserei: «Ich glaube nicht, dass die Wirte bewusst mit der Psychologie der Kunden spielen. Viel wichtiger sind die Preise im Umfeld und die Preissensibilität der Konsumenten.»
Ein guter Punkt, denn nicht überall kommt das Überschreiten einer Preisschwelle gleich gut an: «Regional können sich die Preisschwellen für einen Kaffee durchaus unterscheiden, im Tessin kommen die Leute nicht mehr, wenn der Preis als zu hoch empfunden wird.» Ein Espresso für mehr als 3 Franken – in der Südschweiz undenkbar. Würde ein Beizer auch nur 10 Rappen über diese Schwelle gehen, gäbe es statt mehr gar kein Trinkgeld! Weil die Kunden zur nächsten Cafeteria weiterziehen würden.
Was die Gäste noch weniger mögen, ist, bevormundet zu werden. Deshalb kommen bei vielen die prozentualen Trinkgeldvorschläge (5, 10, 20 Prozent und mehr) auf modernen Bezahlterminals gar nicht gut an und sorgen immer wieder für Ärger beim Bezahlen.
Aufrunden ist alles
Selbst bei einem ausgiebigen Abendessen in einem guten Restaurant funktioniert die Trinkgeld-Psychologie gut. Auch wenn hier der Wirt einen wesentlich geringeren Einfluss auf die Gesamtsumme hat, da er nicht wissen kann, was die Gäste genau bestellen werden.
Aber auch hier zeigt der Test: Je näher der Betrag bei der unteren Zehnerzahl liegt, desto üppiger fällt das Trinkgeld aus. Kostet ein ausgiebiges Nachtessen in einem gehobenen Restaurant 112 Franken, liegen 8 Franken drin. Bei einer Gesamtsumme von 109 Franken lediglich 6 Franken Trinkgeld.
Das hat mit einer tief in der DNA des Beizengängers verankerten Gewohnheit zu tun: dem Aufrunden! «Das Aufrunden stammt zwar noch aus dem Bargeldzeitalter, lebt aber in der Welt der digitalen Bezahlmittel aus Gewohnheit weiter», erklärt Stadelmann. «Kaum jemand will Münz als Wechselgeld, in der digitalen Welt, in der immer mehr Menschen ohne Portemonnaie unterwegs sind, schon gar nicht. Da wird bei Barzahlungen lieber grosszügig aufgerundet.»
Wenn also jemand im Restaurant mit den Nötli winkt, hüpft das Herz des Personals höher: Wer bar bezahlt – auch das zeigt die Studie –, ist meistens grosszügiger als ein Gast, der das Handy oder die Karte hinhält.