Darum gehts
- Swiss-Flug LX147 von Neu-Delhi nach Zürich: Vollbremsung wegen Triebwerksproblem
- Die Evakuierung über Notrutschen verursachte Verletzungen bei fünf Personen
- 230 Passagiere wurden evakuiert, es gab Entschädigungen für Zusatzkosten wie Hotelübernachtungen und Arztrechnungen
Schock-Moment im Swiss-Flieger LX147 von Neu-Delhi nach Zürich am letzten Sonntag! Statt abzuheben, legt der Kapitän eine Vollbremsung ein – irgendetwas mit dem Triebwerk stimmt nicht. Später gehen Videos viral, die eine verletzte Passagierin und schreiende Flugbegleiterinnen zeigen. Was war da los? Oliver Buchhofer (49) ist Swiss-Pilot und in der Geschäftsleitung für den operativen Betrieb zuständig.
Herr Buchhofer, warum musste Ihr Kapitän in Delhi eine Vollbremsung einlegen?
Oliver Buchhofer: Im Cockpit wurde angezeigt, dass es an einem Triebwerk eine Fehlfunktion gibt. Daraufhin hat der Kapitän den Start abgebrochen. Das ist ein trainiertes Standardverfahren, das wir regelmässig im Simulator üben.
Passagiere berichten von einem Knall, von einem Triebwerksbrand und von sprühenden Funken.
Wir haben noch keine gesicherten Informationen. Eine Fehlfunktion kann alles bedeuten: ein Totalausfall eines Triebwerks, eine reduzierte Leistung wegen eines technischen Defekts oder wegen eines Fremdkörpers. Das müssen wir nun genau untersuchen. Klar ist: Es war in so einer Situation die richtige Entscheidung, den Start abzubrechen.
Laut einem Leserreporter ist dann zehn Minuten lang nichts passiert. Erst dann wurde entschieden, über Notrutschen den Flieger zu verlassen.
Wie lange das tatsächlich gedauert hat, ist Gegenstand der Untersuchung. Zunächst einmal müssen Sie als Pilot das Flugzeug zum Stehen bringen. Dann verschaffen Sie sich gemeinsam mit dem Copiloten ein Bild der Lage. Sie checken die Anzeigen im Cockpit, sprechen mit der Kabinencrew, mit dem Tower, der Feuerwehr. Es war nach ein Uhr morgens und stockfinstere Nacht. Die Kommunikation in Indien ist anspruchsvoll – gerade auch über Funk. In dieser sehr komplexen Lage und mit wenig Informationen hat der Kapitän entschieden: Es ist für alle am sichersten, das Flugzeug über die Notrutschen zu verlassen.
Es war keine Gefahr im Verzug, sonst hätten Ihre Piloten doch sofort gehandelt und nicht erst nach zehn Minuten.
Ob keine unmittelbare Gefahr bestand, konnte unsere Crew in diesem Augenblick nicht mit Sicherheit wissen. Solche Entscheidungen muss man schnell und oft nur mit unvollständigen Informationen treffen. Es ist leicht, das im Nachhinein und vom Sofa aus zu analysieren. Im richtigen Leben sieht die Sache jedoch anders aus. Wir sind dabei, alles zu rekonstruieren. Eine Evakuierung über die Notrutschen ordnet man nicht leichtfertig an, sie führt fast immer zu Verletzungen. Sicherheit steht an erster Stelle – bei einer unklaren Gefahrenlage kann eine Evakuierung das beste Vorgehen sein.
Eine Evakuierung muss schnell gehen. Sie haben sich Zeit gelassen und noch eine Treppe angefordert. Warum?
Als praktisch alle Passagiere draussen waren, hat der Kapitän beim Durchgang gemerkt: Eine schwangere Frau hat Angst um ihr Baby. Sie wollte die Rutsche nicht benutzen, um ihr ungeborenes Kind zu schützen. Inzwischen hatte der Kapitän mehr Infos. Er wusste, dass weder das Flugzeug noch das Triebwerk brennt und es noch Zeit gibt, um auf eine Treppe zu warten. So konnte die schwangere Passagierin den Flieger über eine Treppe verlassen. Er hat also das Risiko neu eingeschätzt und sich für die Sicherheit der Schwangeren entschieden. Verständlich und nachvollziehbar.
War es also übertrieben, die Notrutschen zu aktivieren?
Hinterher ist man immer klüger – und mit allen Informationen ist die Lage immer klar und eindeutig. Aber zunächst gab es ganz viel Ungewissheit.
Beim Verlassen des Flugzeugs kam es zu Verzögerungen. Manche wollten ihren Handgepäckkoffer mitnehmen, andere haben gefilmt.
Dieses Verhalten ist für mich unverständlich. Natürlich kann ich nachvollziehen, dass man sein Telefon, seinen Pass oder das Kuscheltier des Kindes mitnehmen möchte. Das ist wohl ein menschlicher Reflex. Aber in einer Evakuierung zählt jede Sekunde. Es gibt Fälle, in denen Menschen im Flieger verbrannt sind, weil andere die Anweisungen nicht befolgt haben. Das darf nicht sein. Deswegen sagen wir in jedem Flug: Im Falle einer Evakuierung lassen Sie bitte Ihr Handgepäck zurück. Das erwähnen wir im Sicherheitsvideo vor dem Start und auch nochmals beim Landeanflug.
Warum darf kein Handgepäck mitgenommen werden?
Wenn 230 Menschen zuerst in die Gepäckfächer greifen, blockieren sie Gänge und Ausgänge während langer Minuten. Stolpergefahr, Verzögerungen – all das kann im Ernstfall über Leben und Tod entscheiden.
Auch beim Inferno von Crans-Montana haben Jugendliche gefilmt. Psychologen sagen: Ein Griff zum Handy kann eine Möglichkeit sein, um mit Überforderung umzugehen.
Dieses Phänomen kommt nicht nur bei jungen Menschen vor und ist vielleicht ein Reflex. Ich denke, es ist ihnen in diesem Moment nicht bewusst, dass sie mit ihrem Verhalten eine Evakuierung verzögern und damit Menschenleben gefährden. Hinzu kommt: Wer filmt, hat keine Hände frei, um sich beim Runterrutschen abzustützen oder anderen zu helfen. In so einer Situation muss der Fokus auf Selbstschutz und Hilfe für andere liegen, nicht auf Aufnahmen fürs Internet. Deswegen sind unsere Crews geschult, mit ganz unterschiedlichem Verhalten umzugehen.
Warum haben sich fünf Menschen bei der Notrutsche verletzt?
Eine Notrutsche ist keine Spielplatzrutsche. Sie ist sechs Meter hoch, relativ steil – und man landet unten mit hoher Geschwindigkeit auf der Betonpiste. Da kann man sich verletzen, selbst wenn alles nach Vorschrift läuft – erst recht mit einem Handy in der Hand.
Im Internet sind Flugbegleiterinnen zu sehen, die in militärischem Ton schreien.
Das muss so sein, ist aber für viele ungewohnt: Man kennt unsere Flight-Attendants gastfreundlich, charmant und lächelnd – doch im Ernstfall müssen sie laute, sehr klare und auch strenge Kommandos geben. In einer Ausnahmesituation geben sie den Ton an. Da darf man nicht zimperlich sein. Wenn jemand in Schockstarre verfällt, muss unsere Crews den Betroffenen an die Hand nehmen, damit er das Flugzeug schnell verlässt. Das trainieren unsere Crews regelmässig, denn im Ernstfall kann so etwas über Leben und Tod entscheiden.
Wie werden die betroffenen Passagiere entschädigt?
Wir übernehmen sämtliche Zusatzkosten – Umbuchungen, Hotels, Taxis, Verpflegung, Telefonkosten, aber auch alle Kosten für die medizinische Versorgung und Betreuung, wenn jemand zu Schaden gekommen ist. Das ist für uns selbstverständlich.
Warum sind Sie nicht grosszügiger und erstatten den vollen Ticketpreis? Ein gutes Restaurant stellt doch auch nichts in Rechnung, wenn der Service nicht geklappt hat.
Pauschalen werden in der Realität nur selten allen gerecht. Für uns ist wichtig, dass wir auf den einzelnen Passagier eingehen und ihn entsprechend entschädigen. Es gibt Fälle, in denen mehr Entschädigung entrichtet wird, als eine Pauschale leisten könnte, etwa wenn lange Behandlungen nötig sind. Da würde eine Pauschale zu kurz greifen. Wir finden es fairer, die Menschen individuell zu entschädigen, statt blind einen Betrag über alle zu stülpen. Wir helfen unseren Passagieren unkompliziert weiter und sind mit ihnen individuell in Kontakt – die Quittungen können sie im Nachhinein an uns weiterleiten. Dies war auch in Delhi der Fall.