Sohn von UBS-Chef
Edo Ermotti startet als Investor durch

Edoardo Ermotti ist der jüngste Sohn von Überbanker Sergio Ermotti – und Venture Capitalist. Er setzt auf Fintech und künstliche Intelligenz.
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Schon während des Finanzstudiums in London investierte Edoardo Ermotti in Start-ups.
Foto: Thomas Meier

Darum gehts

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Stefan Barmettler
Handelszeitung

Am Familientisch der Ermottis ging es schon mal ziemlich hoch zu und her. Sergio Ermottis Herz schlägt seit Kindsbeinen für den FC Lugano, der ältere Sohn, Matteo, schwärmt für die AC Milan, der jüngere, Edoardo, für den Stadtrivalen Inter Mailand.

Heute trifft man sich immer noch regelmässig am Familientisch, aber die Passion für den Lieblingsklub ist gewichen; nun sind Vater, Mutter und die beiden Söhne glücklich, wenn sie einen Termin für ein gemeinsames Nachtessen finden.

Artikel aus der «Handelszeitung»

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Ausgelastet sind sie alle: Ermotti senior führt mit der UBS einen weltumspannenden Finanzkonzern, Matteo («Teo») ist Musikproduzent und DJ und tritt mit seinen Techno-Kreationen weltweit auf – von der Bühne auf dem Monte Brè bis zum Club in Melbourne. Edoardo («Edo») ist Eigentümer und Chef einer Investfirma und pendelt zwischen Zug, Miami, London, New York und Zürich.

Das Tessin verbindet – bis heute

Die Ermottis sind global unterwegs, doch Heimat ist das Tessin. Familie und beste Freunde wohnen in der Gegend, zum Grillieren trifft man sich am Luganersee, Feste feiert man im Grotto; die Familienstiftung Fondazione Ermotti unterstützt Kultur, Soziales und Sport, «vorzugsweise im Kanton Tessin», wie es im Stiftungszweck heisst. Beim FC Collina d’Oro fungiert Ermotti senior als Präsident, und das seit 17 Jahren. Mehr Welt und Ticino geht kaum.

Zu reden gibt Edo Ermotti aktuell, weil er kürzlich auf der «Bilanz»-Liste der «100 Reichsten unter 40» auftauchte – mit einem geschätzten Vermögen von 5 bis 10 Millionen Franken. Viel spannender ist allerdings, wie der passionierte Kitesurfer als Risikokapitalinvestor die Welle der künstlichen Intelligenz reitet. Er ist schon lange im Geschäft: Sein erstes Investment tätigte er mit 21 Jahren.

Heute späht er als professioneller Venture Capitalist (VC) nach Jungfirmen, die Wachstum und Wertzuwachs verheissen. Wer frühzeitig aufs richtige Pferd setzt, zieht das grosse Los. Die Zeiten sind allerdings herausfordernd: Es fliesst zwar wieder mehr Risikokapital in die Gründerszene, aber das Angebot schrumpft. «Mehr Kapital jagt weniger Unternehmen mit Potenzial», resümiert er. Entsprechend steigen die Preise – und das Risiko.

Lieber 15 Partner als 100

Pre-Seed-Financing heisst die Disziplin, in der er agiert. Er stellt Jungunternehmern, die noch am Businessplan feilen, Fremdkapital zur Verfügung. Die Wette beim Frühphasen-Investieren ist nichts für Amateure, denn die Erfahrung zeigt: Ein Drittel aller Jungfirmen bleibt irgendwann auf der Strecke, zwei Drittel rechnen sich mehr oder minder, bloss ein Zehntel wird zur echten Erfolgsstory. Die Ausfallquote ist enorm; gefragt sind Fachwissen und ein waches Auge.

Ins Banking zog es Ermotti nicht, das wusste er früh. Sein Entscheid war ein Bruch mit der Familientradition. Da war Grossvater Emilio Ermotti, ein einfacher Bankangestellter bei der Cornèr Bank in Lugano. Er zog mit seiner Frau drei Kinder gross, eine Tochter und zwei Söhne. Und da war das mittlere der drei Kinder: Sergio. Auch er absolvierte eine Banklehre, ebenfalls bei der Cornèr Bank in Lugano, doch dann ging es steil nach oben. Über Citibank, Merrill Lynch und Unicredit schaffte er eine Traumkarriere, die ihn bis an die Weltspitze der Finanzbranche führte – und zum Hoffnungsträger der letzten Schweizer Grossbank machte.

Edoardo, dessen Mittelname Emilio an den Grossvater erinnert, wählte einen anderen Weg: Statt einer Berufslehre setzte er auf eine akademische Ausbildung. Er besuchte das Gymnasium Montana in Zug, absolvierte ein Finanzstudium an der Hult Business School in London und schloss am renommierten King’s College mit einem Master in Banking & Finance ab. Bereits in diesen Londoner Tagen reizten ihn der rasante technologische Wandel und die Disruption angejahrter Geschäftsmodelle: «Diese Welle hat mich von Anfang an fasziniert.» An der Hult Business School widmete er seine Abschlussarbeit dem Börsengang von Facebook – es sei ein Fanal für seine Millennial-Generation gewesen, sagt er.

Auch bei seiner Rolle hatte er klare Vorstellungen. Er sah sich nicht in der Corporate-Welt mit unendlichen Sitzungen und Hierarchiestufen. Er wollte Unternehmer sein, entscheiden und hinstehen, am liebsten mit einem kleinen Team von Dynamikern im T-Shirt. «Ich war immer stärker interessiert an einem Fonds mit 15 Partnern als an einem mit 100.»

Eine Firma wie die höchsten Gipfel der Welt

Im April 2022 gründete er sein Investvehikel, 14 Peaks Capital. Zum Namen inspirierte ihn eine Netflix-Doku über Expeditionen auf die 14 Achttausender im Himalaya. Die akribische Vorbereitung beeindruckte ihn, auch das Einpreisen von Unvorhergesehenem, eines Wetterumsturzes oder Steinschlags. Was er auch weiss: Erst eine disziplinierte Umsetzung, klare Prozesse und ein hartes Risikomanagement erlauben den Gipfelsturm. Bei diesen Ansprüchen dürfte es auch bei einigen UBS-Kadern klingeln, denn es ist das Mantra von Sergio Ermotti, von dem der Filius so einiges mitbekommen hat, wie Familienkenner sagen.

Zum Ende der Corona-Pandemie brach Edoardo auf zu seinem Abenteuer und gründete den ersten Fonds. Damit begab er sich auf die Suche nach kapitalhungrigen Start-ups im Bereich Fintech und «Zukunft der Arbeit», und zwar in den USA und in Europa. Auch in der Schweiz wurde er fündig: Er investierte in den Lausanner Datenanalysten Tune Insight und ins Zuger Fintech Instimatch Global (siehe Box).

Privatpersonen, Family-Offices, Pensionskassen und Investfirmen aus aller Welt zeichneten im Fonds I insgesamt 30 Millionen Dollar, er wiederum steckte das ihm anvertraute Geld in ausgewählte Start-ups, zu Tickets von je 0,5 bis 2 Millionen. Nun legt er den Fonds II zum Zeichnen auf, dieser soll doppelt so schwer werden und ausschliesslich auf Fintech fokussieren. Dabei ist eines klar: «Als Tech-Investor kann man keinen Bogen um KI machen.»

Ermottis Investitionen

Edoardo Ermotti hat mit seinem Fund I bislang in rund 30 Start-ups investiert, die meisten in den USA, weitere in Italien, Dänemark und der Schweiz. Zu Letzteren gehören Tune Insight und Instimatch Global.

Tune Insight

Die Firma ist ein Spin-off der EPFL in Lausanne und entwickelt Software, um Gesundheitsdaten von Patienten zu sammeln, zu anonymisieren und zu analysieren – dies alles nach den Regeln europäischer Staaten. Die aufbereiteten Daten werden anschliessend der Pharmaindustrie für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt. Mit dieser Dateninfrastruktur soll die Branche befähigt werden, schneller und effizienter Medikamente zu entwickeln. Tune Insight arbeitet mit Spitälern, Behörden und Firmen wie Novartis zusammen. «Wir verbinden technisches Verständnis mit regulatorischem Wissen», sagt Co-Gründer Frédéric Pont. Er studierte an der EPFL und promovierte an der ETH, anschliessend leitete er bei Cisco das Innovationsteam und evaluierte Start-ups. 14 Peaks ist Leadinvestor, Ermotti ist nicht nur Investor, sondern sitzt auch im Verwaltungsrat. Weitere Geldgeber sind die Zürcher Kantonalbank und die Gebert Rüf Stiftung, die 150'000 Franken sprach. Letztes Jahr schaffte es Tune Insight ins Ranking «Top 100 Start-ups» der «Handelszeitung».

Instimatch Global

Das Start-up ist eine webbasierte Handelsplattform, die im institutionellen Geldmarkt aktiv ist. Sie bietet einen Platz, auf dem sich Kreditgeber und Kreditnehmer treffen und verhandeln können. Ziel ist ein effizientes Liquiditätsmanagement. Investoren gründeten die B2B-Firma 2017. Sie kooperiert mit Goldman Sachs Asset Management, der saudischen Investmentfirma Muqassa und dem Tech-Konzern SAP. Gemäss Firmenangaben zählt die Plattform 330 Gegenparteien in 32 Ländern, Banken, Pensionskassen, Finanzgesellschaften. Edoardo Ermottis 14 Peaks Capital und die Zürcher Kantonalbank beteiligten sich an der Finanzierungsrunde 2023. Die Fintech-Firma rangierte ebenfalls in den «Top 100 Start-ups» der «Handelszeitung».

Edoardo Ermotti hat mit seinem Fund I bislang in rund 30 Start-ups investiert, die meisten in den USA, weitere in Italien, Dänemark und der Schweiz. Zu Letzteren gehören Tune Insight und Instimatch Global.

Tune Insight

Die Firma ist ein Spin-off der EPFL in Lausanne und entwickelt Software, um Gesundheitsdaten von Patienten zu sammeln, zu anonymisieren und zu analysieren – dies alles nach den Regeln europäischer Staaten. Die aufbereiteten Daten werden anschliessend der Pharmaindustrie für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt. Mit dieser Dateninfrastruktur soll die Branche befähigt werden, schneller und effizienter Medikamente zu entwickeln. Tune Insight arbeitet mit Spitälern, Behörden und Firmen wie Novartis zusammen. «Wir verbinden technisches Verständnis mit regulatorischem Wissen», sagt Co-Gründer Frédéric Pont. Er studierte an der EPFL und promovierte an der ETH, anschliessend leitete er bei Cisco das Innovationsteam und evaluierte Start-ups. 14 Peaks ist Leadinvestor, Ermotti ist nicht nur Investor, sondern sitzt auch im Verwaltungsrat. Weitere Geldgeber sind die Zürcher Kantonalbank und die Gebert Rüf Stiftung, die 150'000 Franken sprach. Letztes Jahr schaffte es Tune Insight ins Ranking «Top 100 Start-ups» der «Handelszeitung».

Instimatch Global

Das Start-up ist eine webbasierte Handelsplattform, die im institutionellen Geldmarkt aktiv ist. Sie bietet einen Platz, auf dem sich Kreditgeber und Kreditnehmer treffen und verhandeln können. Ziel ist ein effizientes Liquiditätsmanagement. Investoren gründeten die B2B-Firma 2017. Sie kooperiert mit Goldman Sachs Asset Management, der saudischen Investmentfirma Muqassa und dem Tech-Konzern SAP. Gemäss Firmenangaben zählt die Plattform 330 Gegenparteien in 32 Ländern, Banken, Pensionskassen, Finanzgesellschaften. Edoardo Ermottis 14 Peaks Capital und die Zürcher Kantonalbank beteiligten sich an der Finanzierungsrunde 2023. Die Fintech-Firma rangierte ebenfalls in den «Top 100 Start-ups» der «Handelszeitung».

Ein Jugendfreund ist Mario Moscatiello, heute VC in Kalifornien. Man kennt sich von Partys aus Teenagerzeiten in Lugano, hat in derselben WG gewohnt und gemeinsame Studienjahre in London verbracht. Er sagt: «Edo ist zwar von Haus aus ein Finanzexperte, aber er hat mittlerweile ein tiefes Verständnis für Tech entwickelt.»

Seinen Blick für junge Firmenperlen schärfte er bereits in seinen Londoner Lehrjahren. Als Werkstudent heuerte er bei Bluegem Capital Partners an; als Junior Investment Analyst packte er im Portfoliomanagement an. Bei der ersten Joberfahrung dürfte er vom weltumspannenden Netzwerk seines Vaters profitiert haben. Denn der Mitgründer von Bluegem Capital, Marco Capello, ist ein Investmentbanker, der einst für Merrill Lynch Milliardendeals abwickelte. Bei der Grossbank kreuzten sich die Wege von Marco Capello und Sergio Ermotti, denn während Capello bei Börsengängen wirbelte, leitete Ermotti den weltweiten Aktienhandel der Wall-Street-Bank.

Rendite ist gefragt

Bei 14 Peaks ist Edoardo Emilio Ermotti, kurz EEE, der Dreh- und Angelpunkt. Er fungiert als sogenannter Solo General Partner. Er ist nicht nur der Mann der Investmententscheide, sondern auch Ansprechpartner der Investoren, die ihm Millionen fürs Anlegen anvertrauen. Obendrein steht er als aktiver VC den Jungunternehmern als Berater oder Verwaltungsrat bei. Frederic Pont ist ein gestandener Start-up-Kenner und Präsident des Start-ups Tune Insight, wo Edoardo Ermotti im Verwaltungsrat sitzt. Pont schätzt dessen Finanzwissen und sein hartnäckiges Pochen auf eine rigorose Finanzplanung und klare Prozesse. «Nur mit Olé-olé geht es nicht», weiss er.

Für einen VC ist es das ständige Suchen nach der Balance zwischen Innovation und Kommerz. Es prallen mitunter zwei Welten aufeinander: hier die Start-up-Techies, die mit Herzblut forschen und coden, dort der scharfe Rechner Ermotti, der Rendite aufs Fondskapital erzielen will. Ein ETH-Forscher und Jungunternehmer, der mit ihm Anfang Jahr zu tun hatte, erinnert sich mit gemischten Gefühlen. «Während wir von unseren technischen Finessen schwärmten, sagte er: Cool, aber kann man damit Geld verdienen?» Keine schlechte Frage für einen ambitionierten Investor.

Für deren Beantwortung ist er rund um die Uhr auf Draht. «Ich hätte es mit einem Job in einer Grossfirma vielleicht entspannter, aber die Verantwortung gibt mir Energie und macht obendrein Spass.» Sein Mehrwert: Er bringt in die Tech-Start-up-Welt Finanzwissen, das er sich im Studium oder dank Mentoren wie Capello angeeignet hat. Zudem ist er bestens verdrahtet in der Welt der Millionäre, besonders in den USA, dem grössten Risikokapitalmarkt weltweit.

Stets ist er auf Achse, mal taucht er in Miami auf, mal in Mailand, dann fliegt er in London ein. Stundenlang hängt er am Telefon oder in Videocalls, bespricht sich mit Privatinvestoren, Family-Offices und Finanzdienstleistern. Sein Netzwerk ist phänomenal, sagen alle, die ihn kennen. Hat er Fragen, muss er nur in seinen Kontakten blättern. «Er liebt den Austausch mit Leuten, am liebsten im Ausland», meint einer.

Im Gegenzug ist er stets erreichbar, beantwortet Mails innert Minuten, manchmal verschickt er – ein Liebhaber exklusiver Weine – eine kleine Aufmerksamkeit mit persönlicher Note. Beziehungspflege halt. «Er liefert stets, was er verspricht», sagt ein anderer. Daneben klappert der Vielbeschäftigte jährlich 500 Start-ups ab. Meistens wird aus den Treffen mit den Firmengründern nichts – zu riskant, zu wenig dynamisch, zu angreifbar. Aber immerhin akkumuliert Ermotti junior so neues Wissen, das ihm beim nächsten Deal weiterhilft. Nicht für Olé-olé, sondern um Rendite zu schaffen.

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