Darum gehts
- Dieselpreise in der Schweiz auf Rekordhoch: 2.41 Franken pro Liter.
- Steigende Preise belasten Firmen, die bis zu 20'000 Franken jährlich mehr zahlen.
- Ein Viertel der Schweizer Autos tankt Diesel, Kritik an fehlenden Massnahmen.
Europa steht unter Schock. Unter Diesel-Schock. In Italien, Frankreich und allen voran in Deutschland brennts: An Autobahnraststätten sind die Literpreise für Diesel über 3 Euro gesprungen. Das Herz der Autolobby blutet. Wer auf deutschen Strassen unterwegs ist, zahlt für Benzin und Diesel so viel wie noch nie zuvor, klagt der Automobilclub ADAC. Erste Hilferufe an die Politik werden laut, Autofahrer fordern eine Entlastung. Deutschland ist beileibe nicht das einzige Hochpreisland.
Schweizer Fahrzeughalter schieben ebenfalls Dieselpreis-Krise. «Die Schmerzgrenze ist mehr als erreicht», sagt Claudio Salogni (59) zu Blick. Der selbständige Weinhändler tankt gerade seinen Lieferwagen bei der Tankstelle Etzelpark in Pfäffikon SZ voll. Nebenan Martin Kleiner (36), Familienvater und Unternehmer. Auch ihn belastet der steigende Dieselpreis: «Meine Familie ist auf das Auto angewiesen. Irgendwie muss es gehen, auch wenn es eng wird.»
Der Treibstoff für Verbrenner ist am Freitag mit einem Durchschnittspreis von 2.41 Franken pro Liter auf einen Rekordstand geklettert, meldet der Touring-Club TCS. Auch der Preis für Bleifrei 95 hat bereits 2.10 Franken erreicht. Blick hat bereits Tankstellen ausgemacht, wo der Dieselpreis gar über 2.50 Franken gestiegen ist.
Von den in der Schweiz immatrikulierten Personenwagen tankt jeder vierte Diesel. Wer etwa sein VW-T6-Büssli mit TDI-Motor voll befüllt, lässt bei einem Tankvolumen von 70 Litern mal eben 175 Franken liegen. Das sind 50 Franken mehr fürs Volltanken als noch Anfang dieses Jahres.
Transporteure in Aufruhr
Die Explosion beim Dieselpreis treibt nicht nur Privatpersonen um. Auch Unternehmen sitzen wie auf heissen Nadeln. Die Raffineriekapazitäten für Diesel sind weltweit knapp, weil durch den Iran-Krieg Anlagen am Persischen Golf zerstört wurden. Weiteres Ungemach droht: Saudi-Arabien liefert auch im Oktober kein Öl nach Europa.
In der Logistik, Baubranche oder auf dem Recycling-Hof: Wo schwere Maschinen und LKW zum Einsatz kommen, braucht es Diesel. Dieser ist bei grossen Fahrzeugen effizienter als Benzin.
So auch bei Giezendanner Transport. Geschäftsführer und SVP-Nationalrat Benjamin Giezendanner (44) rechnet die Mehrkosten vor: «Wir haben jeden zweiten bis dritten Tag eine grosse Diesellieferung. Pro Lieferung zahle ich heute 15’000 bis 20’000 Franken mehr als noch vor ein paar Monaten.»
Treibt der Diesel-Schock auch Schweizer mittelständische Betriebe in die Pleite, wie der deutsche Bundesverband Güterverkehr in einem offenen Brief an den Bundeskanzler warnt? Reto Jaussi (58), Direktor vom Schweizerischen Nutzfahrzeugverband (Astag), ist besorgt: «Mit diesen Mehrkosten aufgrund der hohen Dieselpreise werden die Gewinne der Firmen quasi vernichtet und stellen eine reale Bedrohung für deren Existenz dar.» Mit den aktuellen Dieselpreisen würde der Betrieb eines einzigen Fahrzeugs pro Jahr 20'000 Franken mehr kosten.
Blick weiss: Der Verband hat am Freitag einen Brief mit Forderungen an die zuständige Bundesrätin Karin Keller-Sutter (62, FDP) gerichtet. Unter anderem verlangt die Branche Steuergutschriften sowie die Einführung eines Gewerbediesels, der günstiger im Einkauf ist. «Im Vergleich zum Ausland ist die Schweiz das einzige Land, das bisher keine staatlichen Massnahmen kennt», kritisiert Direktor Jaussi.
Elektrifizierung als Lösung?
Wo die Not gross ist, sind alternative Lösungen gefragt: Unternehmer wie Giezendanner, aber auch Paketlieferdienste wie Planzer, DPD oder die Post betonen gegenüber Blick, dass sie in Zukunft noch mehr auf elektrische Fahrzeuge setzen wollen.
Auch Markus Gasser (58) will bei der Elektrifizierung seiner Fahrzeugflotte vorwärtsmachen, um unabhängiger von den Preisen an der Zapfsäule zu sein. Der Unternehmer betreibt in Dagmersellen LU einen Recycling-Hof mit 25 Lastwagen und einer eigenen Diesel-Tankstelle. «Nächste Woche muss ich den Preis wohl auf 2.37 Franken erhöhen», sagt Gasser. Für andere Tankstellenbetreiber, die verteuern, hat er Verständnis. Von hohen Margen profitiere da gegenwärtig niemand.
In der Baubranche ist Elektrifizierung kaum eine Wahl: Bei Baggern, Raupenfahrzeugen und Walzen bleibt Diesel am praktikabelsten. Ob die Bauunternehmer die Mehrkosten weitergeben?
Hart trifft der Diesel-Schock die Flussschifffahrt. «Für uns bedeuten die aktuellen Energiepreise Mehrkosten im siebenstelligen Bereich», sagt Daniel Pauli-Kaufmann (40) zu Blick. Er ist Chef des Familienunternehmens Thurgau Travel, das Flusskreuzfahrten anbietet. Die Preise will Pauli-Kaufmann dieses Jahr noch nicht anheben: «Uns ist Vertrauen der Gäste wichtiger als kurzfristige Margenoptimierung.»
Preise überwälzen ist dagegen im Gütertransport angesagt. Hier können die Reedereien die Kosten einfacher weitergeben, etwa die niederländisch-schweizerische Reederei Danser. Geschäftsführer Kay Metzger (50) schwant Böses: «Bleiben die Dieselpreise aber länger hoch, besteht das Risiko, dass unsere Kunden auf die Bahn wechseln.»
Dieselpreise unter Beobachtung
Preisüberwacher Stephan Meierhans (58) kündigt unterdessen an, die Dieselpreise nun genauer unter die Lupe zu nehmen. Er prüfe, ob die Tankstellenbetreiber ihre Margen erhöht haben, heisst es auf Anfrage. Er weiss: Preiserhöhungen werden tendenziell schneller an die Konsumentinnen und Konsumenten weitergegeben als Preissenkungen. Meierhans: «Preise steigen schnell wie eine Rakete, sinken aber langsam wie eine Feder.»
Eine Blick-Umfrage bei betroffenen Unternehmen von Freitag ergibt: Der Grossteil will die Diesel-Mehrkosten an die Konsumenten weitergeben. Als Gewinner sieht sich keiner. Wer sich einzig freuen darf, ist der Bund. Über die Mehrwertsteuer verdient er kräftig mit. Handlungsbedarf wie in den Nachbarländern sieht Bern gegenwärtig noch nicht.