Darum gehts
- Iran-Krieg drückt globales Ölangebot um 11 bis 15 Prozent
- ETH Zürich: Schweizer Wirtschaft wächst bis 2027 um 0,6 Prozent weniger
- Brent-Ölpreis aktuell über 107 US-Dollar pro Fass
Die Hoffnungen auf einen kurzen Krieg im Nahen Osten schwinden. Sie weichen den Stimmen, die vor der Gefahr eines Ölpreisschocks für die globale Wirtschaft warnen. US-Ökonom und Harvard-Professor Kenneth Rogoff (73) macht gegenüber «Bild» eine düstere Prognose: «Der Iran-Krieg, der auf den Zollkrieg und den anhaltenden Ukraine-Krieg folgt, zeichnet sich als der grösste Schock für Wachstum und Preise ab, der die Weltwirtschaft seit fünf Jahrzehnten getroffen hat.»
Damals in den 1970er Jahren wurde die Wirtschaft heftig von stark steigenden Ölpreisen durchgerüttelt. Ein Krieg im Nahen Osten führte dazu, dass das globale Ölangebot um 7 bis 8 Prozent sank. Die Folgen: In vielen Industrienationen schrumpfte die Wirtschaft. Dazu kamen eine hohe Inflation und deutlich steigende Arbeitslosigkeit. Die Zahlen der Gegenwart unterstützen Rogoffs düstere Prognose: Wegen des Iran-Kriegs fällt das Ölangebot je nach Schätzung zwischen 11 und 15 Prozent geringer aus.
Schweizer Wachstum droht erheblicher Dämpfer
Wird es also wieder so schlimm wie damals? «Der Energieschock ist also noch grösser als in den 1970er-Jahren», ordnet Raiffeisen-Chefökonom Fredy Hasenmaile (58) die Zahlen ein. Die Ausgangslage unterscheide sich jedoch massgeblich. Denn: Die Energieabhängigkeit der westlichen Länder ist kleiner als damals. Zudem bestand beim Öl zum Zeitpunkt des Kriegsausbruchs ein Überangebot. Also doch alles halb so wild? «Rogoff ist bekannt dafür, als grosser Warner aufzutreten. Ganz so drastisch wie er schätze ich die Lage nicht ein. Der aktuelle Ölpreis ist aber dennoch ein Schock für die Wirtschaft», so Hasenmaile.
Das zeigen auch die neusten Daten: Die Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich rechnet damit, dass die Schweizer Wirtschaft bis Ende 2027 um 0,6 Prozent weniger wächst, falls der Ölpreis langfristig 30 Prozent über den Prognosen vor Kriegsausbruch bleibt. Das wäre bei 90 Dollar pro Fass der Fall. Derzeit kostet ein Fass der Marke Brent sogar über 107 Dollar.
Situation für die Tech-Industrie besonders bitter
Das Problem aus Schweizer Sicht: Ein Krieg über den Sommer hinaus wird die Inflation in vielen Ländern deutlich antreiben. «Einige Notenbanken müssten Zinserhöhungen ins Auge fassen, was die Wirtschaft zusätzlich abwürgt», so Hasenmaile. Das kriegt die Schweiz als Exportweltmeisterin unmittelbar zu spüren.
Besonders bitter ist die aktuelle Lage für die Schweizer Tech-Industrie. Die Industrie steckt seit drei Jahren in einer Krise. Erst überfiel Russland die Ukraine, dann zettelten die USA mit dem Rest der Welt einen Zoll-Krieg an. «Nun hat sich eine langsame Erholung abgezeichnet und schon folgt der nächste Rückschlag», sagt Hasenmaile. Ein eskalierender Krieg erhöht zudem den Aufwertungsdruck auf den Franken, was den Exportfirmen zusätzlich schaden würde.
Auch Luxusgüterhersteller und Tourismussektor betroffen
Die höheren Energiepreise treiben verzögert auch die Stromkosten in die Höhe und das belasten energieintensive Unternehmen im Bereich Papier- oder Metallerzeugung, aber auch Bäckereien und Hotels oder Bergbahnen.
Ein Dämpfer für die Wirtschaft trübt mittelfristig auch die Konsumstimmung ein. Und gespart wird am ehesten bei Produkten, die man nicht unbedingt braucht. «Das trifft die Hersteller von Luxusgütern wie die Uhrenbranche, aber auch Dienstleistungen wie den Tourismussektor», so Hasenmaile.
Die Hoffnungen auf eine zeitnahe Verhandlungslösung leben weiter. Aber: Selbst wenn diese ausbleiben sollte, rechnet Hasenmaile nicht mit einer Rezession in der Schweiz oder gar global.