Darum gehts
Persönlich mit dem CEO sprechen zu können, ist bislang ein Privileg Weniger. Doch für die 78'000 Angestellten des US-Konzerns Meta soll es bald zum Alltag gehören. Denn Chef Mark Zuckerberg lässt gerade mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI) einen digitalen Doppelgänger von sich anfertigen. Dieser soll nicht nur aussehen und klingen wie er, sondern sich auch so verhalten. Trainiert wird die KI mit öffentlichen Auftritten und Aussagen des Facebook-Gründers. Mit dem digitalen Mark sollen die Mitarbeitenden künftig wie mit anderen Kollegen chatten können.
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Zuckerberg, der das Projekt angeblich persönlich überwacht, ist mit der Idee nicht allein. Auch Sebastian Siemiatkowski, CEO des Finanzdienstleisters Klarna, hat einen KI-Klon von sich erschaffen. Kunden und Kundinnen können ihn über eine Telefon-Hotline erreichen, um Fragen zu stellen oder Verbesserungsvorschläge zu machen. Beim Fahrdienst Uber haben die Mitarbeitenden ihren Chef Dara Khosrowshahi digital nachgebaut – als Sparringspartner. Bevor sie ihrem echten Chef eine Idee präsentieren, können sie mit «Dara AI» üben. Gehört der persönliche KI-Klon bald auch für Schweizer CEOs zum Alltag?
Bislang ist das Feedback zurückhaltend. Ein persönlicher CEO-Chatbot sei weder im Einsatz noch geplant, heisst es beispielsweise von der Swisscom. Grundsätzlich sei KI jedoch sehr wichtig, um Kommunikation zu unterstützen und zu skalieren, sagt CEO Christoph Aeschlimann. «Gleichzeitig lassen sich persönliche Führung, Haltung und gelebte Glaubwürdigkeit nicht automatisieren. Durch Authentizität entsteht Vertrauen als wichtige Voraussetzung für erfolgreiche Innovation.»
KI kann Führungsarbeit unterstützen
Wissenschaftler halten Zuckerbergs Projekt durchaus für chancenreich. «Ein Grossteil von Führungsarbeit besteht doch aus dem Verbreiten von Informationen – dabei kann KI gut unterstützen», sagt Niels Van Quaquebeke, Professor für Leadership and Organizational Behavior an der Kühne Logistics University in Hamburg. Sein Argument: Bislang werden Informationen von Hierarchiestufe zu Hierarchiestufe weitergeleitet, was nicht nur lange dauert, sondern auch zum Flüsterpost-Effekt führen kann. Künftig füttert der CEO seinen digitalen Zwilling mit den Neuigkeiten – und Tausende von Mitarbeitenden können sich jederzeit informieren, unabhängig von Zeitzonen und Terminkalender. «Es bedeutet ja nicht, dass sich der CEO zurückzieht», betont Van Quaquebeke. «Im Gegenteil: Man gewinnt mehr Zeit für tieferes Denken in persönlichen Gesprächen.»
Sita Mazumder, Professorin für Business und IT an der Hochschule Luzern, sieht ebenfalls Chancen. «CEO-Kommunikation wird so skalierbar», meint die studierte Informatikerin, die unter anderem Mitglied des Verwaltungsrats der Helsana ist. Daneben senke ein Chatbot die Kommunikationsschwellen, so Mazumder. «Mitarbeitende, die sich nicht trauen, den CEO direkt anzusprechen, können anonym Fragen stellen.» Anders ausgedrückt: Mit dem KI-Klon lässt sich das einlösen, was viele Führungskräfte schon lange versprechen, nämlich dies: «Meine Tür steht immer offen.»
Eine weitere Chance könnte darin liegen, dass der CEO-Chatbot Informationen von unten nach oben weiterleitet. So wäre es möglich, in Echtzeit in die Organisation hineinzuhorchen. Der Mann oder die Frau an der Spitze kann in Zukunft einfach den eigenen Chatbot fragen, um herauszufinden, welche Themen die Mitarbeitenden gerade umtreiben oder welche ungewöhnlichen Ideen kursieren. «Das dürfte besser sein als die meisten derzeit eingesetzten Unternehmensumfragen», sagt Organisationswissenschafter Van Quaquebeke. «Muster und Trends lassen sich so schneller erfassen, und das Entstehen von blinden Flecken kann eher verhindert werden.»
Ein abschreckendes Beispiel
Einen digitalen Stellvertreter einzusetzen, birgt jedoch auch Risiken, das zeigte vor zwei Jahren der Fall Tamedia. Jessica Peppel-Schulz, CEO der Zürcher Mediengruppe, hatte einen KI-Avatar erstellen lassen, der interne Informationen für Mitarbeitende in der Romandie auf Französisch übersetzen sollte; sie selbst beherrscht die Sprache laut Medienberichten nicht. Das Tool, das als Ergänzung zur Live-Präsenz gedacht war, kam allerdings zu einem ungünstigen Zeitpunkt zum Einsatz: Tamedia kündigte im August 2024 den Abbau von 290 Stellen an, auch in der Westschweiz. Dass Peppel-Schulz ausgerechnet in dieser Lage die simulierte Doppelgängerin einsetzte, kam bei einigen Mitarbeitenden dort nicht gut an.
Solche Fälle machen deutlich, dass beim Auslagern an die Maschine Fingerspitzengefühl gefragt ist. «Entlassungen, Fusionen, Skandale – hier zählt die menschliche Präsenz, nicht der Algorithmus», betont Verwaltungsrätin Mazumder. Wenn jemand intern ein Problem meldet oder Bedenken hat, brauche es ebenfalls echtes Zuhören. Und individuelle Anerkennung sei auch kein Job für den Chatbot. «Ein ‹Danke, das war grossartig› bewegt nur, wenn es ein echter Mensch sagt.»
Angestellte könnten sich über eigenen Chef hinwegsetzen
Damian Borth, KI-Experte von der Universität St. Gallen, sieht noch eine weitere Gefahr: Ein CEO-Chatbot könnte das Hierarchiegefüge durcheinanderbringen. «Es entsteht ein neuer Kommunikationskanal von unten nach oben, der unter Umständen an den jeweiligen Vorgesetzten vorbeigeht.» Das könne für Konflikte sorgen, zum Beispiel wenn sich Teammitglieder mit ihren Bedenken direkt an den CEO wenden anstatt an die Teamleitung.
Daneben sieht der Wissenschafter die Gefahr, dass der Chat mit dem KI-CEO zu einer Art Pflichtübung verkommt, nach dem Motto: Nur wer schreibt, der bleibt. Das könne ungewollte «Kreativität» freisetzen, warnt KI-Veteran Borth und schmunzelt. «Dann bauen sich Mitarbeitende einen eigenen Chatbot, der sich regelmässig beim CEO-Bot meldet …»
In der Tech-Szene hat Mark Zuckerbergs Plan vom KI-Klon ein durchwachsenes Echo hervorgerufen. Einige Silicon-Valley-Manager finden ihn zukunftsweisend, andere nahmen ihn zum Anlass, sich über den oft roboterhaft wirkenden Facebook-Chef lustig zu machen. Die «Financial Times» druckte dazu folgende Leserzuschrift ab: «Wann baut Meta eine menschliche Version von Mark Zuckerberg?»