Herr Machuel, wann haben Sie zuletzt selber ein Bewerbungsschreiben verfasst?
Denis Machuel: Das war, als ich nach meinem Ausscheiden bei Sodexo nach einer neuen Stelle suchte und zu der Adecco Gruppe stiess. Ich musste meinen Lebenslauf aktualisieren, was ich schon länger nicht mehr getan hatte, da ich 14 Jahre bei Sodexo gearbeitet hatte.
Das war vor etwas mehr als vier Jahren …
Und ich habe es ganz allein geschafft.
Ohne KI!
Meine grösste Unterstützung war meine Frau, die mir sagte: «Dein Lebenslauf ist nicht gut.»
Also reine natürliche Intelligenz.
Genau. Damals gab es noch kein ChatGPT. Das war ab November 2022 verfügbar.
Durch die rasante Entwicklung in dem Bereich haben wir heute eine andere Welt als 2022. Wie beurteilen Sie das als Personalvermittler?
Das Tempo ist exponentiell, eine Herausforderung für uns alle. Ich glaube aber, dass das für uns als Branche insgesamt eine Chance sein wird. Es ist vielleicht beides – eine Disruption und eine Chance. Natürlich sind Arbeitsplätze betroffen, aber es werden grundlegend die Aufgaben innerhalb von Arbeitsplätzen verändert. Wir sind überzeugt, dass sich unsere Märkte vergrössern werden. Denn wir haben in der Vergangenheit bereits beobachtet, dass sich mit dem zunehmenden Einsatz von KI das Wachstum in den meisten Märkten wieder erholt. Das ist also positiv.
Die Kennzahlen Ihrer Firma und anderer Personaldienstleister – Umsatz, Gewinn, Aktienkurs – sehen alles andere als positiv aus.
Der Arbeitsmarkt wird stark vom makroökonomischen Umfeld geprägt. Wir hatten 2022, 2023 die Post-Covid-Ära und 2024 die Wahlen in Frankreich und in den USA. Also viel Unsicherheit. Nach Trumps ersten Reformankündigungen stieg die permanente Rekrutierung durch mehr Planungssicherheit, dann aber kam der «Liberation Day» …
Denis Machuel (62) wurde in Reims (F) geboren, studierte Informatik in Grenoble (F) und in Texas. Nach der Beratungsfirma Altran, wo er CEO der UK-Sparte wurde, heuerte er bei der Facility-Management-Firma Sodexo an, wurde CEO und wechselte 2022 als CEO zu Adecco.
Denis Machuel (62) wurde in Reims (F) geboren, studierte Informatik in Grenoble (F) und in Texas. Nach der Beratungsfirma Altran, wo er CEO der UK-Sparte wurde, heuerte er bei der Facility-Management-Firma Sodexo an, wurde CEO und wechselte 2022 als CEO zu Adecco.
Donald Trumps Zollkrieg …
Die Unsicherheit stieg stark. Gleichzeitig nahm flexible Arbeit zu, da die Wirtschaft stabil blieb. Insgesamt kehrt das Wachstum zurück. Was die Dynamik in der Branche erhöht.
Und jetzt die Kriege in Nahost und die Volatilität des Ölpreises.
Es stimmt, dass Unternehmen grundsätzlich Stabilität und Planbarkeit bevorzugen. Aber schauen Sie – wir leben schon über ein Jahr lang in ständiger Unsicherheit. Und ich bin wie viele andere CEOs überzeugt: Das bleibt so noch länger. Ich glaube sogar, dass Unsicherheit ein Wachstumsmotor für uns ist.
Schön und gut. Viele da draussen haben aber Angst, dass KI ihnen den Job raubt.
Ich verstehe die Angst der Menschen, möglicherweise ersetzt zu werden. Aber jede technologische Revolution hat mehr Arbeitsplätze geschaffen als vernichtet. Eine WEF-Studie prognostiziert, dass bis 2030 netto 78 Millionen neue Arbeitsplätze entstehen werden. Es geht also nicht darum, ob Menschen ihre Arbeit verlieren und keinen neuen Job finden, sondern darum, wie wir sie in diesem Übergang unterstützen können. Denn es ist ein Übergang. So wie sich die Menschen im 19. Jahrhundert an Maschinen angepasst haben, müssen sie sich auch an KI anpassen.
Manche Firmen nehmen KI einfach als Vorwand, um Stellen abzubauen. Stichwort: AI Washing.
Es gibt zwei Arten von AI Washing. Erstens übertreiben die KI-Anbieter meiner Meinung nach derzeit die Produktivität, die KI ermöglicht. Die eigentliche Schwierigkeit der KI-Revolution liegt nicht in der Technologie selbst, sondern in der Bereitschaft der Arbeitskräfte. Wie eine Studie des MIT (Massachusetts Institute of Technoloy, Anmerk. der Redaktion) zeigt, scheitern 95 Prozent der KI-Pilotprojekte in Unternehmen. Sie scheitern nicht, weil sie technisch nicht solide sind. Sie scheitern, weil KI in einer Organisation, die nicht darauf vorbereitet ist, und in Prozessen, die nicht sauber sind, nicht funktioniert. Viele KI-Projekte starten zwar, lassen sich jedoch kaum skalieren – sie treiben schöne Blüten, aber bringen keine Früchte hervor.
Und die zweite Art von AI Washing?
Der zweite Aspekt des AI Washing betrifft all die Unternehmen, die behaupten: «Es funktioniert so gut, dass ich dank KI haufenweise Leute entlassen kann.» Betrachtet man die Realität, sind viele dieser Veränderungen jedoch ganz normale Anpassungen der Belegschaft. Wir haben einen überzeugenden Beweis, denn wir sind weltweit führend im Bereich Outplacement-Services. Wir fragen die Betroffenen, ob sie aufgrund von KI entlassen wurden und ob sie die Stelle neu besetzt haben. Letztes Jahr gaben nur 1,4 Prozent der Entlassenen an, dass ihre Entlassung unmittelbar auf KI zurückzuführen sei. Das wird also übertrieben dargestellt.
Laut Palantir-Chef Alex Karp werden nur noch zwei Berufsgattungen an Wert gewinnen: die verrückten, kreativen Köpfe und jene, die körperliche Jobs ausüben wie Handwerker. Ihre Meinung?
Zunächst einmal glaube ich nicht, dass Büroberufe verschwinden werden. Sie werden sich verändern. Zu den Berufen, die immer gefragter werden, gehören aber tatsächlich die Fachkräfte im gewerblichen Bereich. Elektriker, Sanitärinstallateure, Schweisser, Pflegekräfte – diese Berufe sind definitiv gefragt, vor allem hier in der Schweiz. Vor etwa zwei Jahren gab es in New York an einem im Bau befindlichen Haus ein grosses Banner mit der Aufschrift «ChatGPT, vollende dieses Gebäude!» (lacht).
Was würden Sie Jugendlichen bei der Berufswahl empfehlen?
Die Berufswahl ist eine sehr individuelle Angelegenheit. Gerade weil es so persönlich ist, würde ich sagen: Versuchen Sie zunächst herauszufinden, was Sie wirklich gerne tun möchten. Denn wenn Ihnen Ihre Arbeit Spass macht, sind Sie besser darin. Seien Sie sich aber auch bewusst, welche Auswirkungen Technologie und KI haben können. Ich würde also strategisch vorgehen und diese beiden Aspekte berücksichtigen.
Was eher gegen White-Collar-Jobs spricht.
Ich bin überzeugt, dass die Geisteswissenschaften im Vergleich zu Mathematik, Informatik und ähnlichen Fächern immer wichtiger werden. KI macht Information überall verfügbar, aber Glaubwürdigkeit und Vertrauen kann sie nicht liefern. Ein gutes Verständnis von Geschichte und Kultur, die Fähigkeit, zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen, Vertrauen zu schaffen und kritisches Urteilsvermögen zu beweisen – all diese Eigenschaften werden meiner Meinung nach immer wichtiger werden. Und zwar in jeder Position.