Darum gehts
Denis Machuel hat ein ungewöhnliches Hobby für einen CEO: In seiner Kindheit verschlang er Comics aus dem französischen Sprachraum wie «Tim und Struppi», «Asterix» oder «Lucky Luke». Im Freundeskreis legte man sich ein einziges Bild vor, die anderen mussten erraten, aus welchem Band es war. Heute liest der Franzose noch immer mit Begeisterung Comics, hauptsächlich solche, die im Mittelalter spielen, in der Zukunft oder im Wilden Westen. In seinem Ferienhaus in der französischen Provinz hat er sogar ein eigenes Comiczimmer eingerichtet. Rund tausend Bände lagert er dort, verbringt Stunden mit der Lektüre. «Das ist das Kind in mir», lacht der 61-Jährige.
Viel weniger Freude macht es Denis Machuel, wenn er die Bilanzen seines Arbeitgebers Adecco liest. Seitdem er im Juli 2022 den CEO-Posten übernommen hat, ging der Umsatz um eine halbe Milliarde Euro zurück, sanken Margen und Gewinn, stürzte der Aktienkurs um rund 45 Prozent ab. Letztes Jahr musste die Dividende um 60 Prozent reduziert werden, heuer kam man um eine weitere Kürzung nur haarscharf herum. Hauptgrund ist die Marktschwäche. Das Brot-und-Butter-Geschäft Zeitarbeit steckt seit Jahren in Schwierigkeiten wegen der ständigen Unsicherheit: Ukraine-Krieg, Trump, Mittlerer Osten, Trump, Energiepreise, Trump. Entsprechend haben auch die beiden grössten Konkurrenten von Adecco auf dem Weltmarkt, Randstad und Manpower, wenig Grund zum Jubeln.
Seit Jahren baut Machuel deshalb Adecco um. Die Strategie hat er von seinem Vorgänger Alain Dehaze übernommen: den Konzern von der niedrigmargigen Vermittlung von Zeitarbeitern (rund 80 Prozent des Umsatzes) ins profitablere Consulting (14 Prozent) und Outplacement (6 Prozent) überzuführen. «Das war die definitiv richtige Entscheidung», nennt Machuel diese Strategie. Wichtigster Schritt war dabei die Übernahme der französisch-belgischen Akka für zwei Milliarden Euro vor vier Jahren. Sie legte Machuel mit der Adecco-eigenen Sparte Modis zusammen, deren IT- und Engineering-Consultinggeschäft mit 1,5 Milliarden Euro Umsatz unterkritisch klein war. Zusammen entstand daraus die Sparte Akkodis, die auf dem Weltmarkt nun die Position drei innehat – wichtig in einem Geschäft, in dem es auf Grösse und Skaleneffekte ankommt. «Es ist jetzt ein sehr solides Business», sagt Machuel. Zudem ist es komplementär zum Zeitarbeitsgeschäft, weil im Gegensatz zu diesem spät im Konjunkturzyklus. Das Problem jedoch: Akkodis ist in Deutschland stark, und hier besonders in der Automobilindustrie. Doch die geht derzeit durch eine schwere Krise, eine Entlassungswelle jagt die andere.
Künstlerpech
Auch im Kerngeschäft versucht sich Adecco durch kleinere Bolt-on-Akquisitionen neue, lukrativere Geschäftsfelder zu erschliessen. Wie mit der Übernahme der amerikanischen Advantis Medical Staffing, die zwar nur einen höheren zweistelligen Millionenumsatz erzielt, aber bei der Vermittlung von Ärzten und Krankenhauspersonal attraktive Wachstumschancen verspricht. Im Outplacement- und Coaching-Geschäft – die Sparte heisst im Konzern Lee Hecht Harrison (LHH) – ist Machuel jedoch bisher noch nicht richtig vom Fleck gekommen.
Vor allem versucht der Mann aus Reims, den Mindset der Belegschaft zu ändern. Jahrelang war Adecco nur auf Profitabilität fokussiert, obwohl die DNA der Gruppe eigentlich das Erobern neuer Märkte ausmacht. Jetzt impft Machuel dem Management bei jeder Gelegenheit ein, wie wichtig Wachstum sei. Dass genau dann die Märkte zusammenbrachen, als er damit anfing: Künstlerpech.
Marschhalt
Auch intern hat Machuel Adecco durchgeschüttelt. Unter seiner Führung verliessen der Finanzchef, der Marketingchef, der HR-Leiter und gleich zwei CIOs die Konzernleitung. «Bis auf den Finanzchef waren das alles meine gezielten Entscheidungen», umschreibt er die Rausschmisse. Im Konzern reduzierte Machuel die Belegschaft um über zehn Prozent, von 39’000 auf 35’000 Angestellte. Das Ziel, die Verwaltungskosten um 150 Millionen Franken zu kappen, übererfüllte er, es wurden 174 Millionen. Machuel, der Elefant im Personalladen. In Zukunft aber will er sich zurückhalten. «Es gibt keinen Plan für einen weiteren signifikanten Abbau. Es besteht keine Notwendigkeit, wir haben jetzt die richtige Dynamik», sagt Machuel: «Aber es gibt immer noch kleine Bereiche, in denen man optimieren kann.»
Die grösste Herausforderung freilich droht Adecco durch die künstliche Intelligenz (KI). Klar, als Erstes werden dadurch White-Collar-Jobs bedroht, also Bürotätigkeiten. Adeccos Hauptgeschäft liegt bei Blue-Collar-Jobs, körperlichen Tätigkeiten. Doch unberührt von KI werden auch diese Arbeitskräfte nicht bleiben, weil sie nun mit Werkzeugen und Maschinen arbeiten werden müssen, die dank KI leistungsfähiger sind. Das erfordert Weiterbildung der Betroffenen. Das könnte immerhin auch eine Chance sein für Adecco. Aber wie viele Stellen durch KI-Einsatz ganz entfallen, also durch Adecco auch nicht mehr besetzt werden können, ist noch gar nicht absehbar. Die Studien reichen von 6 bis 7 Prozent (Goldman Sachs) bis zu 30 Prozent (McKinsey).
Selber setzt Adecco natürlich ebenfalls KI ein. Etwa beim ersten Screening der Kandidaten im Zeitarbeitsgeschäft. Bisher fragte ein Rekrutierer die Bascis ab, ob etwa der Kandidat gerade verfügbar sei, ob er Zugriff auf ein Auto habe etc. Nun erledigen das KI-Agenten. Das Ergebnis: Es geht 24 Prozent schneller, bis dem Kunden die ersten Lebensläufe geeigneter Kandidaten vorliegen. Bei LHH wiederum hat man eine KI-Plattform namens Career Studio aufgebaut, die von Entlassung Betroffenen hilft, sich auf eine neue Stelle vorzubereiten, etwa Jobinterviews zu trainieren. Wer Career Studio benutzt, so die Erkenntnis, findet 32 Tage schneller eine neue Beschäftigung als andere Kandidaten. Rund 600 Millionen Euro investiert Adecco jährlich ins Thema Digitalisierung, mehr soll es auch für KI nicht werden, unter anderem weil deren Kosten beständig sinken. Insgesamt ist KI für Adecco dabei eher ein Weg in neue Geschäfte als ein Tool, um eigene Leute abzubauen: «Es hilft uns mehr bei neuen Umsätzen als bei den Kosten.»
Die Milliardenfrage ist dabei natürlich, ob Adecco selber durch KI ersetzt werden kann – wenn die Algorithmen Kandidaten und Arbeitgeber direkt vernetzen und so den Konzern überflüssig machen. Machuel winkt ab: Zu komplex sei das Geschäft mit Hunderttausenden Klienten auf der einen Seite und Dutzenden Millionen Kandidaten auf der anderen. Die Kundenbeziehungen seien stark, und viele Leistungsangebote wie Um- oder Weiterbildung könne ein Computer wohl noch lange Zeit nicht übernehmen.
Dass Machuel im Board von Kyndryl sitzt, einer ehemaligen IBM-Sparte, die sich auf den Betrieb und das Management von IT-Infrastrukturen spezialisiert hat, hilft ihm bei der KI-Implementierung. Vor seiner Zeit bei Adecco war Machuel beim Technologieberater Altran, dann 14 Jahre bei der französischen Sodexo, knapp vier davon als CEO. Der Milliardenkonzern liefert Catering und Gemeinschaftsverpflegung und macht Facility Management. Diese Vergangenheit drückt bei Machuel manchmal noch durch: Als er beim Betreten des Meetingraums im Adecco-Hauptquartier einen Kaffeefleck auf dem Sitzungstisch entdeckt, eilt er davon, um die Hinterlassenschaft mit Lappen und Küchenpapier zu beseitigen. Auch wenn es zwei verschiedene Branchen sind, haben Adecco und Sodexo durchaus Gemeinsamkeiten. Beide sind B2B, beide menschenzentriert, bei der einen müssen zum richtigen Zeitpunkt Hunderte Menüs parat sein, bei der anderen Hunderte Schichtarbeiter. Machuel lasse die Leute an der langen Leine, hört man, Empowerment sei sein Führungsstil. «Ich versuche, nicht allzu viele Entscheidungen zu treffen», nennt er es selbst. Auch deshalb hat er die Entscheidungsgewalt von der Zentrale in die lokalen Märkte gedrückt, ähnlich, wie Björn Rosengren dies bei ABB getan hat. Die Überlegung war in beiden Fällen die gleiche: Die Manager vor Ort wissen besser, was gerade gefragt ist und wie man darauf am besten reagiert.
Langer Weg
Nach dreieinhalb Jahren zeigt Machuels Radikalkur nun endlich Wirkung. Im letzten Quartal fand die Firma zu vernünftigem Wachstum zurück, dank rigoroser Kostenkontrolle arbeiteten alle drei Sparten profitabler, die Schulden konnten reduziert werden. Die Resultate fielen insgesamt besser aus als von Analysten erwartet. Und die jüngsten Zahlen zeigen noch etwas: Im ewigen Duell mit der niederländischen Randstad um Platz eins im Zeitarbeitsmarkt lag Adecco seit 2018 hinten. 2025 ist man erstmals wieder gleichauf mit 23,1 Milliarden Umsatz, im letzten Quartal sogar ein My voraus. In 12 der letzten 14 Quartale performte Adecco besser als Randstad und Manpower. «Wir rennen schneller», drückt es Machuel aus, aber wahr ist auch, dass Adecco dank Akkodis und LHH ein anderes Portfolio hat als die Konkurrenz. Wobei Machuel, wie er sagt, die Nummer-eins-Position im Markt weniger wichtig ist: «Mir ist wichtiger, besser zu performen. Denn das zeigt, dass wir unsere Kunden besser bedienen.»
Doch es bleibt noch viel zu tun. Zuallererst im wichtigen US-Markt: «Da haben wir uns viele Wunden selber beigefügt», sagt Machuel. Als nach Corona der Markt massiv schrumpfte, entschied das lokale Management aus Profitabilitätsüberlegungen, die Anzahl der Filialen um 120 oder 50 Prozent zu reduzieren. Entsprechend verlor man Kunden gerade im KMU-Bereich, die Umsätze sanken noch weiter, man musste noch mehr sparen, baute noch mehr Filialen ab: ein Teufelskreis. Nun schaltet auch das US-Team wieder in den Wachstumsmodus: Das Verkaufsteam für Grosskunden wurde verstärkt, für die KMUs eröffnet man langsam wieder Filialen. Auch deshalb stiegen die Umsätze im letzten Quartal um knapp ein Viertel. Aber der Weg ist noch lang, denn der US-Markt erholt sich nur langsam. Auch in Deutschland hat der Turnaround erst begonnen. Bei Akkodis fiel der Umsatz auch im letzten Quartal, wenn auch weniger stark als noch zuvor. Hauptursache bleibt die massiv kriselnde Automobilindustrie. Die Ländergesellschaft wird gerade saniert, das Gros, so Machuel, sei geschafft. Und quer über alle Geografien muss er die Abhängigkeit vom Zeitarbeitsgeschäft reduzieren.
Die Aktienkursentwicklung ist mit minus 45 Prozent unter Machuel ein Trauerspiel. «Wir werden von den Finanzmärkten nicht angemessen gewürdigt», stellt er nüchtern fest. Dass man seit der Akka-Übernahme zwei Milliarden Schulden vor sich herschiebt, hilft ebenso wenig wie die Dividendenkürzung letztes Jahr von 2.50 auf 1 Euro. Dabei waren die 2.50 Euro lange Zeit von Adecco garantiert. Machuel schnitt diesen Zopf ab: «Es macht keinen Sinn, eine Untergrenze zu haben in einem zyklischen Geschäft», sagt er.
Frischer Wind
Grösster Adecco-Aktionär ist Silchester International Investors mit 15 Prozent der Anteile. Es ist Machuels Glück, dass der Value Investor unter Gründer und Chairman Stephen Charles Butt sehr langfristig denkt (Silchester ist seit 2018 an Adecco beteiligt) und dem Management Zeit gibt, die Strategie umzusetzen. Zwar hat der Grossinvestor klare Vorstellungen, wie die Firma geführt werden soll, und konferiert regelmässig mit dem Topmanagement. Aber er gilt nicht als aktivistisch, einen VR-Sitz zur direkten Einflussnahme hat die Beteiligungsgesellschaft nie verlangt. «Wir haben ein gutes Verhältnis, sie glauben an unsere Industrie und an unseren Plan», sagt Machuel. Silchester selber will sich nicht zu Adecco äussern, gerüchteweise aber soll man in London trotz der miserablen Aktienperformance zufrieden sein mit dem erzielten Fortschritt.
Instabilität droht allerdings demnächst von den sich anbahnenden Veränderungen im Verwaltungsrat. Im April werden gleich drei neue Gesichter ins Board gewählt: Matthias Rebellius, demnächst abtretender CEO von Siemens Smart Infrastructure und Mitglied des Vorstands von Siemens, Jacques Sanche, CEO von Bucher Industries, und Tobias Knechtle, Finanzchef bei Geberit. Nächstes Jahr tritt zudem der langjährige VR-Präsident Jean-Christophe Deslarzes zurück, sein Nachfolger steht noch nicht fest. Viel frischer Wind also dann im Board – und nicht ausgeschlossen, dass es Gegenwind ist.
Weiterhin schneller zu wachsen als der Markt, ist daher Machuels Priorität für dieses und nächstes Jahr, gleichzeitig die Profitabilität zu verbessern und die Schulden zu reduzieren. Das rigorose Kostenmanagement muss er also aufrechterhalten. Das alles, während die KI-Integration beschleunigt umgesetzt werden muss. Geht alles nach Plan, soll Adecco Ende 2027, wenn Machuel fünf Jahre im Amt war, nur noch mit 1,5-mal statt wie heute mit 2,4-mal dem EBITDA verschuldet sein. Das Zeitarbeitsgeschäft soll dann über vier Prozent Marge aufweisen, Akkordis und LHH um die zehn Prozent. Und der Aktienkurs sich dann wieder erholt haben.
Möglicherweise wird die Lektüre seiner Bilanzen Denis Machuel dann genauso viel Spass machen wie die seiner Comics.