Darum gehts
- Migros-Chef Mario Irminger plant zentrale Genossenschaft und tritt 2027 zurück
- 2,3 Millionen Genossenschafter entscheiden 2027 über die umstrittene Reform
- Migros hinkt Coop 25 Jahre hinterher, Umstrukturierung gilt als dringend nötig
Mario Irminger (61) nimmt die grösste Reform seiner dreieinhalbjährigen Amtszeit als Migros-Chef in Angriff: Er schafft die zehn regionalen Genossenschaften ab – und führt sie in einer zentralen Genossenschaft zusammen. Die zehn Regionalfürsten hat Irminger überzeugt, sie stehen alle hinter der neuen Struktur. Das letzte Wort haben aber die 2,3 Millionen Genossenschafterinnen und Genossenschafter. Sie stimmen Mitte 2027 über die neue Organisation ab. Zeitgleich räumen Mario Irminger und Peter Diethelm (60), CEO der Supermarkt AG, ihre Büros. «Es braucht danach frische Kräfte», so der scheidende Migros-Chef, der den orangen Riesen seit 2023 radikal umkrempelt.
Die Migros gibt sich also die Struktur, die Rivale Coop bereits seit 25 Jahren hat. «Irminger hat intern immer gesagt, dass die Migros dem Beispiel von Coop folgen müsse und dringend eine schlankere Organisation braucht», sagt ein Topmanager der Migros, der anonym bleiben möchte. «Es ist der einzig richtige Weg», glaubt er, kritisiert aber: «Die Migros kommt mit der Einheitsgenossenschaft locker ein Vierteljahrhundert zu spät.» Bis die neuen, schlankeren Strukturen umgesetzt seien, dauere es noch einmal Jahre. «Das ist viel Zeit. Zeit, die die Migros im umkämpften Schweizer Wettbewerb nicht hat.»
Urabstimmung ist «herausfordernd»
Für Detailhandelsexperte Jörg Staudacher ist klar: «Die Einheitsgenossenschaft ist unausweichlich, um im zunehmenden Wettbewerb überhaupt noch eine Chance zu haben», sagt er zu Blick. Das allein genüge aber nicht. Denn: «Das Kernproblem ist die erodierende Beziehung zu den Kunden. Und es fehlen Ideen, wie sich die Migros gegenüber Coop und Lidl differenzieren kann.»
Dass die Umstrukturierung bei den 2,3 Millionen Genossenschaftern glatt durchkommt, hält Staudacher für «herausfordernd». Entscheidend sei, wie stark sich die einzelnen Genossenschaften dafür einsetzen. Und wie sie kommunizieren. «Da finden sicher bald Gespräche mit den Mitarbeitenden und an der Kasse mit Kunden statt», glaubt Staudacher.
Irmingers Rücktritt überrascht den Experten nicht. «Er ist ein Finanz-Mensch und hat in dieser Funktion schonungslos den Finger in alle Wunden gelegt und viele Initiativen angestossen», sagt Staudacher. Aber auch viele unangenehme Entscheidungen fällen müssen. Für ihn ist deshalb klar: «Mit Irminger als Gesicht der Einheitsgenossenschaft könnte die Abstimmung kippen.» Sein Rücktritt mache deshalb Sinn.
«Mitarbeiter hätten eine Vision gebraucht»
Irminger sei aber kein Stratege. Sich auf einen Preiskampf einzulassen, sei ein Fehler gewesen. «Für die Mitarbeiter wäre zudem eine Vision wichtig gewesen», so Staudacher. «Entlassungen, Kosteneinsparungen und der Druck auf Lieferanten bestimmten die Agenda der vergangenen Jahre. Und nicht, was die Migros 2030 sein soll.» Irminger sei aber «hoch anzurechnen», wie er sich für die Zukunft der Migros eingesetzt habe.
Irmingers Pläne kommen auch bei einem langjährigen Migros-Kadermann gut an. «Entscheidungen können so schnell und unkomplizierter umgesetzt werden», sagt der Insider. Er lobt den Leistungsausweis des abtretenden Migros-Chefs. «Er ist hart, macht aber immer klare Ansagen. Er ist gut für die Zukunft der Migros.» Dass er nun neuen Kräften den Vortritt lässt, versteht der ehemalige Migros-Kadermann. «Irminger wird kommendes Jahr 62, die Umsetzung wird viele Jahre dauern. Deshalb ist es für mich logisch, dass die nächste Phase dann neue Gesichter umsetzen.»