Nach Schwabs Abgang
Wie Co-Chef André Hoffmann das WEF reformieren will

Nach dem Ausscheiden des Gründers Klaus Schwab muss die Macht beim World Economic Forum neu justiert werden. WEF-Co-Chef André Hoffmann will dazu den Stiftungsrat stärken.
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Roche-Erbe André Hoffmann (Bild) leitet gemeinsam mit Blackrock-Chef Larry Fink das WEF. Sie müssen Reformen aufsetzen und ihre Nachfolge klären.
Foto: Keystone

Darum gehts

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Holger Alich
Handelszeitung

Von sommerlicher Ruhe kann beim World Economic Forum (WEF) keine Rede sein. Eher von gespannten Erwartungen. Denn am 18. August tagt der 28-köpfige Stiftungsrat des WEF physisch in den eigenen Räumlichkeiten im Genfer Villenvorort Cologny. Das Spitzengremium des Forums beugt sich einmal mehr über die Frage: Wie soll es nach der Ära Klaus Schwab weitergehen? Welche Reformen müssen angepackt werden?

Mit ersten Vorschlägen war die WEF-Spitze um Blackrock-Chef Larry Fink und Roche-Erbe André Hoffmann bei einer virtuellen Sitzung Ende Juni aufgelaufen: Die Idee war zunächst, den Stiftungsrat zu verkleinern und die Macht in weniger Händen zu konzentrieren. Davon wollte der Stiftungsrat aber nichts wissen.

Artikel aus der «Handelszeitung»

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Komplexe Strukturen

Weil das 28-köpfige Gremium als zu schwerfällig gilt, gibt es bereits das Governing Board. Das Gremium besteht derzeit aus Hoffmann und Fink, dem Ex-Vize-Chef des IWF Zhu Min, dem Siemens-Aufsichtsratschef Jim Hagemann Snabe, Axa-Chef Thomas Buberl und Orit Gadiesh, Partnerin und Chair Emeritus der Unternehmensberatung Bain & Company. An diesen Ausschuss hat der Stiftungsrat per Statuten wichtige Aufgaben delegiert, etwa, Mitglieder der operativen Geschäftsleitung zu benennen und das Budget zu beschliessen.

Bei der anstehenden Sitzung im August will die WEF-Spitze nun eine neue Runde Reformvorschläge diskutieren. Im Gespräch mit der Handelszeitung erklärt der WEF-Co-Vorsitzende André Hoffmann die Stossrichtung: «Ich sehe bei zwei Punkten Anpassungspotenzial», erklärt er. «Die Governance des WEF muss transparenter werden, und der Stiftungsrat muss besser einbezogen werden.»

Im Zentrum der Überlegungen steht eine Neujustierung des Verhältnisses zwischen dem Stiftungsrat und dem Governing Board: «Ich halte es für sinnvoll, einige Aufgaben wieder dem Stiftungsrat zu übertragen, denn das Schweizer Stiftungsrecht setzt der Delegation von Aufgaben des Stiftungsrates enge Grenzen», sagt Hoffmann. «Die Idee ist nicht, dem einen oder anderen Komitee mehr Macht zu geben», ergänzt er.

Heikle Machtbalance

Wie genau die Macht zwischen dem Stiftungsrat, dessen Vorsitzenden und dem Governing Board in Zukunft verteilt werden soll, ist laut Hoffmann noch Gegenstand der Debatten. «Es gibt zwei Extreme», erklärt er. «Das eine ist, dass der Vorsitzende alles entscheidet, das andere, dass der Stiftungsrat permanent konsultiert wird. Auf dieser Achse müssen wir ein gutes Modell finden, damit die Zusammenarbeit mit der Geschäftsleitung und dem gesamten Forum optimal funktioniert.»

Soll der Stiftungsrat stärker eingebunden werden, stellt sich die Frage, ob das Gremium mit derzeit 28 Mitgliedern dafür zu gross wäre. Daher hat sich Hoffmann nicht von der Idee verabschiedet, den Stiftungsrat zu schrumpfen: «Damit der Stiftungsrat mehr Leadership leisten kann, ist eine Option, das Organ zu verkleinern.» Eine optimale Mitgliederzahl nannte er nicht. Klar ist aber, dass dann auf die einzelnen Stiftungsräte mehr Arbeit zukommen würde.

Bisher ist das Organ ein Mix aus Promis aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Politik: Zu den 28 Mitgliedern zählen etwa die Königin von Jordanien, Ex-US-Vizepräsident Al Gore, der Cellist Yo-Yo Ma, aber auch Wirtschaftsgrössen wie Axa-Chef Thomas Buberl, Siemens-Energy-Präsident Joe Kaeser und Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB).

EZB-Chefin Christine Lagarde gilt als Schwabs Wunschkandidatin als WEF-Chefin. Doch möglicherweise hat die Französin andere Pläne?
Foto: keystone-sda.ch

Die Französin ist bekanntermassen die Wunschkandidatin von Klaus Schwab, die nächste WEF-Vorsitzende zu werden. Lagarde selbst hat sich dazu nie geäussert. Bei der jüngsten Medienkonferenz der EZB erklärte sie aber, dass sie «nicht vor 2027» zurücktreten werde – womit sie die Tür offenlässt, vor dem Ablauf ihres Mandats im Oktober 2027 zu gehen.

Was macht Lagarde?

Mit dem WEF hat ihr möglicher vorzeitiger Abgang wohl weniger zu tun, sondern eher damit, dass sie dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron die Gelegenheit geben will, zusammen mit den EU-Staats- und Regierungschefs die EZB-Spitze neu zu besetzen, bevor im April 2027 in Frankreich ein neuer Staatspräsident oder eine Staatspräsidentin gewählt wird. Denn dann könnte die Rechtspopulistin Marine Le Pen an die Macht kommen. Der Nebeneffekt der Rochade an der EZB-Spitze: Damit wäre Lagarde für den Topjob beim WEF verfügbar. Es wird sogar spekuliert, dass Lagarde selbst als Kandidatin ins Rennen um den Elysée-Palast einsteigen könnte.

«Christine Lagarde ist eine sehr gute Kandidatin», sagt Hoffmann dazu. «Im Sinne von Transparenz und guter Governance gibt es aber keinen Automatismus. Es gibt auch bereits andere Kandidaten für den WEF-Vorsitz.» Wer das ist, das verrät Hoffmann nicht.

Die Nachfolge des Duos Fink/Hoffmann ist indes nicht die einzige Spitzenpersonalie, die es zu besetzen gilt. Auch die Nachfolge von CEO Alois Zwinggi muss geklärt werden. Statt in Pension zu gehen, rückte das WEF-Urgestein im Februar auf den Chefposten nach, nachdem sein Vorgänger Børge Brende das Ausmass seiner Kontakte zum Sexualstraftäter Epstein verschwiegen hatte und deswegen zurücktreten musste. Für Hoffmann ist dabei evident, dass zunächst die Frage des WEF-Vorsitzes geklärt werden muss. Danach soll ein neuer CEO gefunden werden. «Ich rechne damit, dass wir im kommenden Jahr einen neuen Vorsitzenden oder eine Vorsitzende wählen», sagt der WEF-Co-Präsident. Auch die Reform der Statuten soll erst erfolgen, wenn klar ist, wer dauerhaft den Stiftungsrat leiten wird.

Langwieriger Prozess

Sicher ist: Die Statuten des WEF brauchen Reformen. Das liegt allein daran, dass WEF-Gründer Schwab nicht mehr Teil der Organisation ist, er aber in den Statuten an vielen Stellen vorkommt. Laut dem Dokument hat der WEF-Gründer zum Beispiel das Recht, dass er selbst oder ein Familienmitglied im Stiftungsrat Einsitz nimmt. Auch über seinen Nachfolger als Stiftungsratsmitglied bestimmt laut Artikel 11 der Gründer selbst. Die grossen Umbauarbeiten an den Statuten sind dabei ein dickes Brett, denn diese müssen mit der Eidgenössischen Stiftungsaufsicht abgestimmt werden – das dauert. Daher sieht der Zeitplan vor, dass das WEF zunächst seine internen Reglemente zur Zusammenarbeit der Organe überarbeitet. «Eine Reform der Statuten macht erst Sinn, wenn die Frage des Stiftungsratsvorsitzes geklärt ist», so Hoffmann.

WEF-Gründer Klaus Schwab sorgt sich, dass das Forum zu einem rein kommerziellen Konferenzveranstalter verkommt.
Foto: © Fred Merz | lundi13

Schwab selbst wollte sich zu den Vorschlägen nicht äussern, schliesslich ist noch nichts beschlossen. Grundsätzlich stehe er aber jeder Entwicklung, «welche den Geist und die Idee des WEF weiterträgt, positiv gegenüber», lässt er über seinen Sprecher ausrichten.

Bekanntlich macht er sich Sorgen, was aus seiner Erfolgsgründung wird. In einem Gastbeitrag für die NZZ von Ende Juni mahnte er, dass das WEF seinen Charakter als «Institution mit öffentlichem Auftrag» behalten müsse. «Verliert das Forum diesen Charakter und entwickelt es sich zu einer rein markengetriebenen Organisation, verliert es nicht nur kulturell an Substanz, sondern büsst auch die Grundlage jener besonderen Anerkennung ein, die es von gewöhnlichen globalen Plattformen unterscheidet», schrieb Schwab. Hoffmann tritt diesen Befürchtungen entgegen: «Es gibt keine Überlegungen, das World Economic Forum anders zu gestalten. Das will auch im Stiftungsrat niemand.» Die Idee sei vielmehr, den Charakter des WEF zu stärken.

Und was wird nun Mitte August konkret entschieden? «Beim Treffen im August rechne ich nicht mit weitreichenden Beschlüssen, es stehen auch keine Personalentscheide an. Es geht darum, die Governance-Reformprozesse weiterzuführen», erklärt Hoffmann. Er weiss aber auch: Je schneller der Prozess beendet ist, desto eher gibt es die Chance, dass wieder Ruhe einkehrt. Das könnte indes ein frommer Wunsch bleiben, dazu gibt es zu viele Merkwürdigkeiten. So machte der «Blick» Anfang Juli publik, dass im Haus von Klaus Schwab Abhöreinrichtungen gefunden worden seien. Wer die dort angebracht hat, versucht jetzt die Polizei zu ermitteln.

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