Darum gehts
Dieser Tage ist Basel im Ausnahmezustand. Es ist Art Basel. Die wichtigste Kunstmesse der Welt füllt Hotels, Messehallen und Trams. Die Schweizer Kleinstadt wird für ein paar Tage zu einer globalen Metropole, zum Gravitationszentrum für Kunst und Kommerz. Selbst Ye, der umstrittene Rapper, der sich früher Kanye West nannte, war schon in der Stadt, zusammen mit Gattin Bianca Censori, die sich ja – durchaus zum Anlass passend – als lebendes Gesamtkunstwerk inszeniert.
Courant normal an der Art also? Vordergründig ja. Schliesslich ist der globale Kunstmarkt wieder gewachsen, auf rund 60 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr. Doch hinter den Kulissen sieht die Sache anders aus. Da arbeitet die Veranstalterin der Kunstmesse intensiv an ihrer grössten Erneuerung seit fast einem Jahrzehnt: Die Messebetreiberin MCH will endlich wieder mehr sein als nur die Firma, welche die Art Basel in die Welt – zuletzt nach Katar – exportiert. Sie will zurück zu alter Grösse.
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Gleich zwei neue Eventformate sollen es richten: eine Art Wiedergeburt der früheren Leitmesse der Uhrenindustrie, der Baselworld, und eine Veranstaltung, die als Alternative zum WEF in Davos gehandelt wird. «Basilia» heisst die eine, «Futurific Basel» die andere.
Der Milliardeneinbruch
Eine Erneuerung hat MCH dringend nötig. Die letzten zehn Jahre waren geprägt von Schrumpfung und Stagnation. Besonders deutlich macht das ein Blick auf die Börse. 2017 wurden die MCH-Aktien zeitweise noch für deutlich über 65 Franken gehandelt, das Unternehmen war mit mehr als 2 Milliarden Franken bewertet. Aktuell sind die Titel keinen Fünfliber mehr wert, die Marktkapitalisierung liegt bei rund 150 Millionen Franken.
Auch der Einstieg des amerikanischen Milliardärs James Murdoch – er hält gegenwärtig knapp 42 Prozent am Unternehmen – hat der bis dahin von staatlichen Aktionären dominierten Firma keine neuen Impulse verliehen. Im Gegenteil: In der Ära von Murdoch – sie begann im Sommer 2020 – hat sich der Aktienkurs halbiert. Und das, obwohl MCH beim Gewinn der Turnaround gelungen ist. Noch im Geschäftsjahr 2023 schrieb die Firma rote Zahlen, 2024 und 2025 dann ordentliche Gewinne. Den Investoren aber scheinen die Impulse zu fehlen; sie können nicht abschätzen, wohin die Reise bei MCH künftig gehen soll.
«Basilia», die neue Uhren- und Schmuckmesse
Doch genau das ändert sich nun. Bereits angekündigt ist eine «neue internationale Plattform, ausgerichtet auf die heutigen Anforderungen der Schmuck- und Uhrenbranche». Sie hört auf den Namen «Basilia» und soll – MCH-Exponenten liessen an der Präsentation keine Gelegenheit aus, dies zu betonen – ganz anders sein als die Baselworld selig.
«Basilia» soll «Asien und Europa verbinden» – und ein bisschen natürlich auch die USA mit Europa und Asien. Für die neue Messe tut sich MCH mit dem ungleich grösseren britischen Unternehmen Informa Markets zusammen. Informa veranstaltet auf der ganzen Welt Fachmessen für diverse Branchen – etwa für Elektromotoren, Flugzeugtriebwerke oder Lebensmittelzusätze. Etabliert hat die Firma ausserdem diverse Schmuckmessen in Asien. Der in Europa wohl bekannteste Event von Informa ist die glamouröse Monaco Yacht Show, die jeweils im September stattfindet; sie zieht ähnlich viele Prominente und Superreiche an wie das Formel-1-Rennen im Fürstentum.
Klar ist: Die Chefs von einzelnen Schweizer Uhrenfirmen wurden bereits in die Planung des neuen Events einbezogen. Und die Tatsache, dass mit Marine Lemonnier-Brennan die wahrscheinlich wichtigste Strippenzieherin der Uhrenindustrie involviert ist, macht deutlich, dass MCH und Informa nicht mit der kleinen Kelle anzurichten gedenken. Die erste Ausgabe ist für April 2027 geplant. Zeitlich könnte dies zu Komplikationen mit der «Watches and Wonders» in Genf führen.
Die unwahrscheinliche Renaissance
Dass es mit «Basilia» zu einer veritablen Renaissance der Baselworld kommen könnte, ist unwahrscheinlich. Erstens, weil mittlerweile die «Watches and Wonders in Genf die Rolle als Leitmesse der Branche übernommen hat und sich diverse kleinere Events in deren Windschatten in Genf etabliert haben. Zweitens, weil die neue Plattform ein globales Zugpferd bräuchte. Nur die Swatch Group könnte diese Rolle übernehmen – also ausgerechnet jenes Uhrenunternehmen, das mit seinem Rückzug von der Baselworld am Ursprung des Niedergangs von MCH steht. Patron Nick Hayek müsste mehrfach über seinen eigenen Schatten springen, um der Messebetreiberin nun wieder zur Seite zu stehen. Und drittens, stellt ein Kenner der Uhrenbranche fest, «gibt es aktuell eher zu viele als zu wenige Events, insbesondere für die Profis der Branche».
Realistischer ist es da für MCH, mit einem Event zu punkten, der an den Erfolg des WEF in Davos anknüpft. Und genau so etwas wird bereits geplant. «Futurific Basel» soll es heissen, wie Lucia Uebersax, Sprecherin von MCH, bestätigt. Allerdings lässt sie sich nicht genauer in die Karten schauen: «Zum aktuellen Zeitpunkt können wir noch keine weiteren Angaben machen. Wir freuen uns aber bereits sehr auf die erste Ausgabe von Futurific Basel und darauf, zu gegebener Zeit mehr dazu bekannt zu geben.»
Kathryn Murdoch goes Basel
Federführend bei Futurific ist die Ehefrau von James Murdoch, Kathryn Murdoch. Sie hat zusammen mit dem Zukunftsforscher Ari Wallach die Organisation gleichen Namens in den USA gegründet, die aktuell Filmprojekte realisiert, welche zum Nachdenken über positive Utopien anregen sollen. Futurific unterstützt auch wissenschaftliche Studien, die eine solche Denkweise untermauern können. Und jetzt will Futurific noch grösser anrichten: mit einem Event in Basel, der in die ganze Welt ausstrahlen soll. Dafür wurde im amerikanischen Steuerparadies Delaware eigens eine Gesellschaft namens Basel Future gegründet, an der MCH zur Hälfte beteiligt ist, wie aus dem Geschäftsbericht hervorgeht.
Über das Projekt informiert und darin involviert ist auch der Kanton Basel-Stadt als zweiter grosser Aktionär des Unternehmens, wie Sonja Körkel vom Departement für Wirtschaft, Soziales und Umwelt bestätigt. «Der Regierungsrat ist darüber informiert, dass die MCH Group am Projekt Futurific Basel und an weiteren neuen Projekten arbeitet. Initiativen, die den Standort stärken, begrüsst der Kanton Basel-Stadt.»
Die Frage ist nur: Stärkt Futurific Basel den Standort wirklich? Wird es gelingen – parallel zur Entwicklung einer neuen Schmuck- und Uhrenmesse –, einen weiteren Fixpunkt in der Jahresagenda globaler Entscheidungsträger zu etablieren? Und was braucht es dazu?
«Mut, Drive, Craziness»
«Mut und Drive, eine gehörige Portion Craziness und einen langen Atem – auch finanziell», sagt Michel Loris-Melikoff, der einst Direktor der Baselworld war und aktuell das Zürcher Kongresshaus leitet. «Plus natürlich ein Alleinstellungsmerkmal.» Es gebe bereits viele Anlässe weltweit, welche die globale Elite versammeln würden, so der Experte. «Ergo muss man sich fragen: Was machen wir besser als die Konkurrenz?»
Klar ist: MCH würde nicht bei null beginnen. Allein das Ehepaar Murdoch verfügt über ein breites Netzwerk, aus dem sich Keynote-Speakerinnen rekrutieren lassen. Auch unter den regelmässigen Besuchern und Besucherinnen der Art Basel – sei es in Basel, Miami, Paris, Hongkong oder Katar – dürften sich viele Menschen finden, die nicht nur in Sachen Kunst etwas zu sagen haben. Diese Leute aber zweimal im Jahr nach Basel zu holen, dürfte eine Knacknuss sein. Und es kostet Geld. Ein Speaker der Topliga – sagen wir der ehemalige US-Präsident Barack Obama – nimmt eine sechsstellige Gage. Mit allem Drum und Dran können für ein solches Engagement ohne Weiteres Kosten von 500'000 Franken oder mehr entstehen. «In den ersten fünf Jahren muss man investieren, kräftig investieren», sagt Loris-Melikoff. «Man muss zeigen, dass der neue Event ein Place to be ist.»
Das WEF in Davos mag in Sachen Relevanz und Seriosität nach wie vor die Benchmark sein, bezogen auf die Wichtigkeit der Teilnehmenden sowieso. Aber im Windschatten von Davos haben sich in Europa und in den USA auch andere Events etabliert.
- Brilliant Minds Stockholm: An dieser Konferenz trifft sich nicht bloss die wirtschaftliche Elite von Schweden, auch wenn Spotify-Gründer Daniel Ek und Vertreter der Familie Wallenberg immer dabei sind und Brilliant Minds grosszügig finanzieren. Die Konferenz zieht regelmässig auch engagierte Prominente an. Vor wenigen Tagen war etwa die britische Schauspielerin Emma Watson, die sich für Frauenrechte starkmacht, in Stockholm zu Gast, wo sie auf die ehemalige finnische Premierministerin Sanna Marin traf – und auf den bekannten Musiker Will.i.am. Der Reiz von Brilliant Minds liegt in der Programmierung und am intimen Abendprogramm in der Villa von Daniel Ek auf einer Schäreninsel vor Stockholm.
- SXSW: Was als Filmfestival in der texanischen Stadt Austin begann, ist heute eine mehrtägige Konferenz, die Tech, Wirtschaft, Kultur, Musik und Film vereint. Was Rang und Namen hat in der amerikanischen Wirtschaft, ist auch an der SXSW. Die ganze Stadt Austin verwandelt sich während des Events in ein Strassenfestival aus Musik, Film und Denkanstössen. On-Chef David Allemann nahm schon teil, Reddit-Chef Alexis Ohanian ist regelmässig dabei, aber auch bekannte Investoren wie Mark Cuban oder Joshua Kushner, die dann auf Hollywood-Grössen wie Demi Moore, Elle Fanning oder Uma Thurman treffen. Mittlerweile hat SXSW auch einen Ableger in London. Anfang Juni trat dort unter anderem Chelsea Clinton als Rednerin auf. Das Motto von SXSW: «Great ideas grow in good company.»
- Allen & Company Sun Valley Conference: Seriöser, aber sehr informell geht es an der alljährlichen Konferenz der Investmentfirma Allen & Company zu und her. Sie lädt handverlesene Chefs und Präsidenten der obersten Liga in die abgelegene Provinzstadt Sun Valley im Bundesstaat Idaho ein. Alles ist streng vertraulich, ohne jegliche Öffentlichkeit. Der Schweizer Milliardär Jorge Lemann (Bild) war bereits mehrfach ein Gast, genau wie Mark Zuckerberg von Meta, Jeff Bezos von Amazon oder Sam Altman von Open AI. Dieses Jahr sind auch Apple-Chef Tim Cook, Alex Karp von Palantir und Dario Amodei von Anthropic mit von der Partie. Aus Europa lässt Allen & Company Kering-Präsident François-Henri Pinault einfliegen. Die Konferenz findet Anfang Juli statt.
Das WEF in Davos mag in Sachen Relevanz und Seriosität nach wie vor die Benchmark sein, bezogen auf die Wichtigkeit der Teilnehmenden sowieso. Aber im Windschatten von Davos haben sich in Europa und in den USA auch andere Events etabliert.
- Brilliant Minds Stockholm: An dieser Konferenz trifft sich nicht bloss die wirtschaftliche Elite von Schweden, auch wenn Spotify-Gründer Daniel Ek und Vertreter der Familie Wallenberg immer dabei sind und Brilliant Minds grosszügig finanzieren. Die Konferenz zieht regelmässig auch engagierte Prominente an. Vor wenigen Tagen war etwa die britische Schauspielerin Emma Watson, die sich für Frauenrechte starkmacht, in Stockholm zu Gast, wo sie auf die ehemalige finnische Premierministerin Sanna Marin traf – und auf den bekannten Musiker Will.i.am. Der Reiz von Brilliant Minds liegt in der Programmierung und am intimen Abendprogramm in der Villa von Daniel Ek auf einer Schäreninsel vor Stockholm.
- SXSW: Was als Filmfestival in der texanischen Stadt Austin begann, ist heute eine mehrtägige Konferenz, die Tech, Wirtschaft, Kultur, Musik und Film vereint. Was Rang und Namen hat in der amerikanischen Wirtschaft, ist auch an der SXSW. Die ganze Stadt Austin verwandelt sich während des Events in ein Strassenfestival aus Musik, Film und Denkanstössen. On-Chef David Allemann nahm schon teil, Reddit-Chef Alexis Ohanian ist regelmässig dabei, aber auch bekannte Investoren wie Mark Cuban oder Joshua Kushner, die dann auf Hollywood-Grössen wie Demi Moore, Elle Fanning oder Uma Thurman treffen. Mittlerweile hat SXSW auch einen Ableger in London. Anfang Juni trat dort unter anderem Chelsea Clinton als Rednerin auf. Das Motto von SXSW: «Great ideas grow in good company.»
- Allen & Company Sun Valley Conference: Seriöser, aber sehr informell geht es an der alljährlichen Konferenz der Investmentfirma Allen & Company zu und her. Sie lädt handverlesene Chefs und Präsidenten der obersten Liga in die abgelegene Provinzstadt Sun Valley im Bundesstaat Idaho ein. Alles ist streng vertraulich, ohne jegliche Öffentlichkeit. Der Schweizer Milliardär Jorge Lemann (Bild) war bereits mehrfach ein Gast, genau wie Mark Zuckerberg von Meta, Jeff Bezos von Amazon oder Sam Altman von Open AI. Dieses Jahr sind auch Apple-Chef Tim Cook, Alex Karp von Palantir und Dario Amodei von Anthropic mit von der Partie. Aus Europa lässt Allen & Company Kering-Präsident François-Henri Pinault einfliegen. Die Konferenz findet Anfang Juli statt.
Das ist der Job von Rachel Goslins. Die Amerikanerin ist die Chefin des Futurific Institute und hat auf Linkedin schon einmal ziemlich vollmundig verkündet, was ihr vorschwebt: «Wir bauen etwas mit weltweiter Bedeutung, etwas Visionäres.» Futurific Basel, spekuliert das Magazin «Vanity Fair», «wird ein Festival, das den Fokus nicht auf Kunst, sondern auf eine breit verstandene Kultur legt – und diese dann mit der Tech-Welt, mit führenden Politikern aus ganz Europa und darüber hinaus sowie mit den einflussreichsten Wirtschaftsgrössen unserer Zeit verbindet». Die Wissenschaft soll eine wichtige Rolle spielen.
Das klingt nach einer interessanten Mischung aus Kunstbiennale, TED-Talks, Wirtschaftskonferenz und Burning Man. Und es klingt auch ein bisschen nach SXSW, der Konferenz, die von Austin aus expandiert und eine attraktive Mischung aus Filmfestival, Business- und Tech-Konferenz bietet und Grössen sowohl aus der Wirtschaft als auch aus der Kultur und dem Showgeschäft im weitesten Sinne anzieht.
Gross, teuer, ambitioniert
Zu hören ist, dass die erste Basel Futurific im Sommer 2028 stattfinden soll. Ebenfalls ist zu vernehmen, dass innerhalb von MCH alles versucht wird, um sich vom WEF in Davos abzugrenzen. Man plane kein WEF 2.0, sagt eine Quelle. Basel Futurific solle entspannter, frischer und unkonventioneller sein als die global wichtigste Konferenz, die auf Schweizer Boden stattfindet. «Vanity Fair» beschreibt es so: «Es ist eine zeitgemässe Interpretation des Konzepts der Weltausstellung.» Also: Gross, teuer, ambitioniert.
Die Vorbereitungen sollen jedenfalls schon auf Hochtouren laufen, wie «Vanity Fair» weiter schreibt. Futurific-Institute-Chefin Goslins arbeite von Basel aus bereits daran, einen Rat von Persönlichkeiten zusammenzustellen, um dann weltweit eine Reihe von exklusiven Dinnerveranstaltungen durchzuführen, an denen das Programm Gestalt annehmen soll. Goslins selbst nennt das, was sie mit MCH und den Murdochs machen will, «eine globale Plattform, um transformative Zukunftsideen zu entdecken und zu demonstrieren». Sie zitiert den Claim von Futurific: «We can only build what we can imagine.» Ergo gehe es darum, die eigene Vorstellungskraft zu erweitern.
Ob sich die gebeutelten Investoren von MCH von einem solch luftigen, unschweizerischen Konzept überzeugen lassen?