Löhne fehlen auf Konto, Personal mit Kameras gefilmt
25 Angestellte laufen Sturm gegen Schweizer Zalando-Retouren-Partner

Dicke Luft beim Zalando-Retouren-Partner: Ex-Angestellte von MS Direct fordern ausstehende Löhne ein und klagen über Kamera-Überwachung während der Arbeit. Schlichtungsverfahren laufen. MS Direct dementiert die Vorwürfe und spricht von unbegründeten Einzelfällen.
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Eliane M. arbeitete fast zwei Jahre in der Retourenverarbeitung bei Zalando-Dienstleister MS Direct.
Foto: Thomas Meier

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Über 25 Ex-Angestellte fordern ausstehende Löhne von MS Direct ein
  • Ex-Mitarbeiterin Eliane M. verlangt 25’000 Franken und redet von psychischem Druck
  • Mirko T. spricht von einem weit grösseren Ausmass

«Ich weiss heute auch nicht mehr, warum ich das so lange mitgemacht habe», sagt Eliane M.* (24) im Gespräch mit Blick. Die junge Frau wirkt gefasst. Doch immer wieder kochen ihre Emotionen hoch.

M. geht derzeit rechtlich gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber MS Direct vor, den Retourenpartner von Zalando in der Schweiz. Es geht ihr um fast 25’000 Franken offene Lohnforderungen. Sie hat alles dokumentiert und Blick vorgelegt. «Mir wurde ein Monatslohn von 3500 Franken versprochen. So viel Geld habe ich auf meinem Konto noch nie gesehen», kritisiert sie.

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M. ist kein Einzelfall: Mittlerweile machen über 25 Personen gegen die Firma MS Direct Lohnforderungen geltend, wie Anwalt Nico Gächter auf Anfrage von Blick bestätigt. Über 20 von ihnen gehen bereits gegen MS Direct vor. «Der Umfang der Forderungen meiner Klienten insgesamt ist nur schwer einzuschätzen. Die MS Direct weigert sich, die jeweiligen Unterlagen herauszugeben. Die Akteneinsicht muss gerichtlich durchgesetzt werden», sagt Gächter, der für die Kanzlei RTWP in St. Gallen arbeitet.

Bei MS Direct arbeiten in der Retourenverarbeitung über 600 Personen, vorwiegend Frauen. Die Firma kümmert sich vor allem um die Retouren des deutschen Moderiesen Zalando, unter anderem an Standorten in Arbon TG sowie in St. Gallen.

Bereits in der Vergangenheit hat der Zalando-Partner MS Direct für negative Schlagzeilen gesorgt. Angeblich soll das Unternehmen monatlich Tausende Artikel vernichtet haben, anstatt die Retouren wieder in den Verkauf zu bringen. Auch bei sogenannten Fehlsendungen soll getrickst worden sein. Statt Waren nachzuverzollen, sollen Produkte in geheime Retourenlager verbracht worden sein.

Zwangspausen und fehlende Kommunikation

M., die anonym bleiben will, hat rund zwei Jahre als Mitarbeiterin in der Retourenverarbeitung in Arbon TG gearbeitet. Jeden Tag verarbeitete sie zurückgeschickte Klamotten, Schuhe und Schmuck.

Normalerweise dauert eine Schicht acht Stunden. Ein verbindlicher Arbeitsplan muss gemäss anwendbarem GAV zwei Wochen im Voraus abgegeben werden. M. kritisiert: «Wenn keine Pakete da waren, wurde ich regelmässig zu früh nach Hause geschickt – zum Teil bereits nach drei Stunden.» Blick liegen Chats vor, die das Vorgehen des Unternehmens bestätigen. 

Wenn MS Direct die Angestellten nach Hause schickt, ist die Firma gemäss GAV trotzdem dazu verpflichtet, die Löhne für sogenannte Fehlstunden auszubezahlen. M. fordert mit ihrem Anwalt über 1000 solcher Stunden ein. Zum Teil sei der Arbeitsplan auch ohne ihr Wissen angepasst worden: «Ich stand morgens um 6 Uhr mehrfach vor verschlossenen Türen.»

MS Direct streitet die Vorwürfe ab. Mediensprecherin Carolin Garbe betont auf Anfrage, sich an die arbeitsrechtlichen und vertraglichen Vorgaben zu halten. Die Mindestpensen und die Entlöhnung seien klar geregelt. Bei kurzfristigen Anpassungen der Schicht würden Mitarbeitende, die das wünschen, anderweitig im Betrieb eingesetzt. Die Lohnnachforderungen sieht MS Direct als unbegründet an. Die einzelnen Fälle seien aktuell Gegenstand laufender Schlichtungsverfahren.

Probleme haben sich offenbar verschärft

Mirko T.* (33) hat über ein Jahr im Management der Personalabteilung von MS Direct gearbeitet. «Immer wieder kamen Frauen zu mir und beschwerten sich über den Lohn», so T., der ebenfalls anonym bleiben will. Er stellte die Verträge aus, wusste aber nicht, wie viel Ende Monat auf dem Konto der Angestellten landete.

Bis er begann, die Mitarbeiterinnen nach ihren Lohnausweisen zu fragen. «Ich habe in diesem Jahr kaum eine Lohnabrechnung über 2000 Franken gesehen – es wurden ihnen aber 3000 bis 4000 Franken pro Monat versprochen», so T. Mit der Zeit hat sich das Problem weiter verschärft: «Ich hatte irgendwann täglich Frauen im Büro, die geweint haben, weil sie ihre Rechnungen nicht mehr zahlen konnten.» 

Eliane M. und Mirko T. sind froh, nicht mehr bei MS Direct zu arbeiten.
Foto: Thomas Meier

Daraufhin suchte T. mehrfach das Gespräch mit der Geschäftsleitung: «Sie sagten mir, das sei Teil des Geschäftsmodells.» Darauf verlässt T. die Firma: «Ich habe gemerkt, ich schütze das System für ein paar Tausend Franken pro Monat.» 

Vor seinem Abgang wies er einige Angestellte darauf hin, sich doch einen Anwalt zu suchen. Doch das wahre Ausmass sei gemäss T. noch viel grösser als die über 25 Personen, denn die Fluktuation im Unternehmen sei gross. «Es sind bis zu 2000 Betroffene – wir reden von potenziellen Lohnforderungen in Millionenhöhe. Das zeigen Daten, die ich einsehen konnte», so T. Blick liegen diese Daten ebenfalls vor.

«Es werden hier Leute ausgebeutet, die sowieso schon fast nichts haben. Das ist für mich persönlich moderne Sklaverei», sagt T. Von Ausbeutung sprechen auch zwei weitere ehemalige Kaderleute, mit denen Blick reden konnte. MS Direct bestreitet die Vorwürfe.

Hohe Leistung erwartet

T. sieht das Problem im Geschäftsmodell von MS Direct: Zalando bezahle seinen Dienstleister nach bearbeiteten Kleidungsstücken, nicht nach geleisteten Stunden. Je mehr Kleidungsstücke bearbeitet werden, desto mehr Umsatz mache MS Direct. Andersrum verdiene die Firma nichts, wenn keine Waren da sind – die Angestellten haben aber trotzdem Anrecht auf ihren Lohn. 

Überwachungsbilder aus der Retourenfirma MS Direct, die Blick zugespielt wurden.
Foto: zVg

Gemäss M. stiegen die Stückzahlen, die sie pro Stunde bearbeiten sollte, laufend: «45 Artikel pro Stunde war gerade noch so machbar. 60 Artikel pro Stunde sind ein Ding der Unmöglichkeit.»

Wer die Stückzahl nicht erreicht habe, sei sofort verwarnt worden, schildert M. weiter. Dabei habe sie jeweils eine Gesprächsnotiz auf dem Tablet unterschreiben müssen: «Dazu wurden wir praktisch gezwungen. Es gab auch immer mehr Kameras und Patrouillen», erzählt sie. Blick liegen solche Überwachungsbilder vor.

Gemäss MS Direct dienen die Kameras und weiteren Sicherheitsmassnahmen ausschliesslich dem Schutz von Personen, Waren und Infrastruktur. Es finde keine Überwachung der Mitarbeitenden statt, so das Unternehmen. 

M. ist froh, dem «Psychoterror», wie sie es selber nennt, entkommen zu sein. Jetzt hoffen sie und über 25 weitere, dass sie die nicht bezahlten Löhne retour bekommen. 

* Namen von der Redaktion geändert 

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