Konkurrenten werden zu Partnern
Neuer Deal mischt die Schweizer Headhunter-Branche auf

Es ist eine Zäsur in der kleinen Schweizer Headhunter-Szene: Bjørn Johansson schliesst sich mit Spencer Stuart zusammen. Die Hintergründe zum Deal.
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Spencer-Stuart-Schweiz-Chefin Sigrid Artho begrüsst Bjørn Johansson in der Partnerschaft.
Foto: Thomas Meier für BILANZ

Darum gehts

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Dirk Schütz
Bilanz

Der Veteran gab sich selbstkritisch. Als Bjørn Johansson Bilanz vor vier Jahren für ein Interview zu seinem 75. Geburtstag in seinem Büro am Utoquai in Zürich empfing, zeigte er sich nach dreissig Jahren erfolgreicher Selbstständigkeit zufrieden («Ich bin glücklich, weil ich nichts mehr will»). Doch eines müsse er zugeben: «Es ist mir nicht gelungen, die Nachfolge zu regeln. Ich habe viele Kandidaten probiert, doch niemand hat es geschafft. Die Messlatte liegt hoch.»

Dreieinhalb Jahre später sitzt er in den frisch bezogenen Büros von Spencer Stuart im gerade umgebauten Zürcherhof am Limmatquai 4, dreissig Meter vom Bellevue entfernt, neben dem legendären Café Odeon. Die US-Headhunting-Firma ist hier gerade erst eingezogen, im Treppenaufgang stapeln sich noch Kabelrollen – und jetzt bekommt die 18-Personen-Truppe zehn neue Mitarbeiter, mit einem noch immer unternehmungslustigen 78-jährigen Norweger an der Spitze. Er hat seine Nachfolge doch noch geregelt – die Firma Bjørn Johansson Associates, 1993 in Zürich gegründet, geht in Spencer Stuart auf. Für Johansson ist es der ultimative coole Deal. «Sigrid ist für mich die perfekte Nachfolgelösung», lacht er. «Nur mit ihr wollte ich das machen.»

Artikel aus der «Bilanz»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Bilanz» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du unter bilanz.ch.

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Blaue Ledersessel

Sigrid Artho ist seit fünf Jahren Länderchefin von Spencer Stuart Schweiz, hinter dem Platzhirsch Egon Zehnder die Nummer zwei im lukrativen und deshalb hoch umkämpften Schweizer Markt. Die neuen Kollegen kennen sich seit Langem: Beide studierten und doktorierten in St. Gallen, und als Johansson 2002 in Interlaken die erste HSG-Alumni-Konferenz ins Leben rief, war Artho, damals noch Chefin ihrer eigenen Beratungsfirma Digma, so begeistert, dass sie bei den nächsten Treffen stets dabei war und sechs Jahre später die Organisation der Konferenz in Flims als Präsidentin übernahm, in durchaus historischen Zeiten: Der Konkurs von Lehman Brothers sendete Panikwellen über den Atlantik. Direkt neben ihr am Tisch beim abendlichen Galadinner: Bjørn Johansson.

Johansson und Artho stehen seit vielen Jahren in engem Austausch.
Foto: Thomas Meier für BILANZ

Der Kontakt blieb über all die Jahre eng – und nachdem sich Mitte letzten Jahres abgezeichnet hatte, dass seine letzte von ihm als Nachfolgekandidatin aufgebaute Mitarbeiterin Sandra Klein die Firma verlassen würde, intensivierte Johansson den Austausch mit dem Ziel, Artho als Nachfolgerin zu gewinnen: «Ich habe ihr das schönste Büro am Zürichsee angeboten.» Auf den legendären blauen Ledersesseln in seinem Büro am Utoquai 29 mit ausschweifendem Blick über den See wurden zahlreiche gewichtige Berufsweichen in den höchsten Etagen gestellt.

Doch Artho drehte den Spiess um. «Wie wäre es, wenn du zu uns kommst?», fragte sie den Weggefährten. Für Johansson hatte die Lösung einen besonderen Reiz: Er hatte schon mit anderen Firmen über einen Zusammenschluss verhandelt, etwa mit Heads und deren deutschem Gründer Christoph Zeiss, doch man fand sich nicht.

Spencer Stuart war dagegen fast eine Art Heimat – nicht nur für ihn, sondern für die gesamte Schweizer Headhunter-Szene. Der Namensgeber hatte die Firma 1956 nach seiner Zeit im US-Militär und einigen Jahren bei der Beratung Booz Hamilton 1956 in Chicago als eine der ersten Executive-Search-Firmen gegründet und suchte einen Statthalter in Europa, wo es derartige Firmen nicht gab. Er fand ihn in einem Zürcher Harvard-Absolventen, der in seiner Heimatstadt für die Werbeagentur McCann Erickson arbeitete: Egon Zehnder.

Egon Zehnder, Gründer der einzigen europäischen Search-Firma mit Weltrang.
Foto: Emiliano Capozoli

Erfolgreichste Boutique

Stuart lud ihn zu einer dreiwöchigen Überzeugungsphase in sein Büro in der Innenstadt von Chicago ein. «Ich hatte keine Ahnung, was Executive Search war», erinnerte sich Zehnder später in der Unternehmenschronik «Spencer Stuart: The First 50 Years». Doch viel Bedenkzeit brauchte er nicht: Statt mit Werbekunden hatte er plötzlich mit CEOs und VR-Präsidenten zu tun. Nach einer Woche wusste er: «Gee Spence, das ist meine Welt.» Und so kam die amerikanische Industrie nach Europa. 1959 eröffnete Zehnder an der Bahnhofstrasse 1 in Zürich das erste Executive-Search-Büro des Kontinents.

Doch die Harmonie hielt nicht lang. Zehnder stiess sich daran, dass Stuart bei der Bezahlung wie die anderen amerikanischen Wettbewerber vorging: ein Prozentsatz (normalerweise ein Drittel) vom ersten Jahressalär, unabhängig von Dauer und Komplexität des Auftrags – eine amerikanische Jägermentalität, weshalb sich die neuartigen Vermittler auch Headhunter nannten. Zehnder hasste diese Bezeichnung, sie biss sich mit seinem Anspruch des verantwortungsvollen Kundendienstleisters. 1964 gründete der damals 34-Jährige in Zürich seine eigene Firma Egon Zehnder International, die bis heute mit fixen Honoraren und dem strikten Verbot der Berufsbezeichnung Headhunter arbeitet – «Executive Search Consultants» nennen sich die Berater, die vor fünf Jahren von ihrer Gründungsvilla am Zürichberg an den Utoquai zogen, einen Steinwurf von Johanssons bisherigem Büro entfernt.

Doch Freunde wurden sie nie – obwohl auch Johansson aus der Spencer-Stuart-Schule stammt. Auch er war Harvard-Absolvent, auch er sammelte seine ersten Erfahrungen bei Spencer Stuart: Er begann 1980 im Zürcher Büro und blieb fünf Jahre, die ihm genügend Rüstzeug verschafften, um für den Konkurrenten Korn Ferry die Niederlassungen in Zürich und Genf aufzubauen und dann 1993 seine eigene Firma zu gründen. Johansson pflegte direkte Kontakte zu dem Gründer, der 2011 verstarb, zehn Jahre vor Egon Zehnder: Stuart schenkte ihm ein Foto von sich aus dem Jahr 1976 mit dem damaligen US-Präsidenten Gerald Ford und dem Schauspieler Bob Hope.

Spencer Stuart (Mitte) 1976 mit dem damaligen US-Präsidenten Gerald Ford (rechts) und dem Schauspieler Bob Hope.
Foto: zVg

Es waren zwei gegensätzliche Erfolgsgeschichten. Zehnder wurde zur einzigen europäischen Firma unter den globalen Top 5, Johansson führte die erfolgreichste Boutique des Kontinents, ohne Grössenziele. «Ich hatte bei der Gründung zehn Mitarbeiter, und ich habe heute zehn Mitarbeiter. Grösse hat mich nie interessiert, nur Topleistung», betonte er stets. Das gab ihm Freiheiten, die bei Zehnder auf dem Index stehen: Auftritte in der Öffentlichkeit, Einschätzungen zu aktuellen Themen, publikumswirksame Mitgliedschaften in zahlreichen Netzwerkorganisationen – er wurde über all die Jahre zum schillerndsten Vertreter einer Zunft, für die Verschwiegenheit die höchste Tugend ist.

Doch es funktionierte – und vergrätzte die edle Zehnder-Konkurrenz, die einen Gesichtsausdruck wie nach einem Zitronenbiss zeigte, wenn der Name Johansson fiel. Dass er den Platzhirschen so manches Mandat wegschnappte, von Topbesetzungen bei Nestlé bis zu lukrativen Zusammensetzungen neuer Verwaltungsräte, war oft sogar mehr als ein Nadelstich. Zehnder und Johansson hatten die gleichen Wurzeln. Doch ein Zusammengehen war ausgeschlossen – für beide Seiten. Eine Rückkehr zu den Anfängen für den Norweger aber schon.

So schliesst sich der Kreis – und Spencer Stuart sieht die Chance, den Abstand zu Zehnder zu verkleinern. «Bjørn ist bei der Suche nach CEOs und VR-Mitgliedern so gut positioniert wie keine andere Person in der Schweiz», betont Artho. «Jetzt können wir sein Netzwerk mit unseren Evaluations- und Assessment-Angeboten auf höchstem Niveau kombinieren.»

Allerdings: Bei der Bezahlung übernahm er den Zehnder-Ansatz – fixes Antrittshonorar (175’000 Franken) statt Provision. Da werden sich beide Seiten finden müssen, wobei Artho betont: «Wir sind da sehr flexibel und richten uns nach den Kundenwünschen.» Und Johannson fügt hinzu: «Bjørn is not getting cheaper – on the contrary.»

Lohnende Übernahme

Natürlich lohnt sich die Übernahme für ihn. Beide Seiten geben sich bei Fragen nach dem Verkaufspreis erwartbar schmallippig. Die Schätzungen liegen bei einem tiefen zweistelligen Millionenbetrag. Johansson hielt bis zuletzt 100 Prozent der Anteile seiner Firma, ein Teilverkauf an die Mitarbeiter wurde nie realisiert. Im Gegenzug muss er sich in die globale Spencer-Stuart-Partnerschaft einkaufen, sie zählt 280 Teilhaber, davon bislang drei in der Schweiz. Er steigt als «Direct Admit Partner» direkt ein, das wurde in der Firmengeschichte weniger als zehn Personen gestattet. Artho flog nach New York in die Zentrale, um dem Nominationskomitee den Zukauf schmackhaft zu machen.

Der Kreis schliesst sich: Bjørn Johansson ist nun Teil von Spencer Stuart.
Foto: Thomas Meier für BILANZ

Doch viel Überzeugungsarbeit brauchte es nicht. Der Alumni Johansson hatte bei der Firma und in der Branche einen klingenden Namen. «Du siehst 20 Jahre jünger aus als dein chronologisches Alter», gratulierte ihm der langjährige Spencer-Stuart-Chef Tom Neff 2018 zu seinem 70. Geburtstag.

Dass er letzten November von der Branchenorganisation AESC mit dem Lifetime Achievement Award ausgezeichnet wurde, förderte die Reputation – und dass gleichzeitig Artho von derselben Organisation den Award of Excellence für ihre Expertise bei «Nachfolgeplanung, Firmenkultur-Analyse und Teameffizienz» erhielt, war ein weiterer Kontaktpunkt – und für das Duo ein zusätzliches Zeichen.

Es ist eine Zäsur für die kleine Schweizer Headhunter-Szene. Die Anzahl der Führungskräfte, die Johansson vermittelt hat, ist beeindruckend: Die Liste der mehr als 1500 Platzierungen reicht von ehemaligen Bundesräten über hochkarätige CEOs wie Mark Schneider bei Nestlé oder Sergio Ermotti bei der Swiss Re bis zur Besetzung von komplett neuen Verwaltungsräten wie Sandoz oder Alcon. «Bjørn hat sich über Jahrzehnte ein einmaliges Netzwerk aufgebaut. Die Übernahme ist eine Win-win-Lösung für ihn und Spencer Stuart», sagt Schneider, der nächstes Jahr Aufsichtsratspräsident von Siemens wird. «Wir werden kombiniert eine neue Dimension in der Schweiz erreichen», betont Artho.

Zehnder bleibt gelassen

Ein weiterer Vorteil: Johansson lieferte ausschliesslich Search. Doch in den letzten Jahren war das am stärksten wachsende Feld die Evaluierung von Boards und Assessments von Führungskräften – es erzielt bei Spencer Stuart etwa ein Viertel des Umsatzes und wächst stärker als das klassische Search-Geschäft. Johanssons Boutique konnte diese Leistungen nicht bieten, seiner Firma entging viel Geschäft von finanzstarken Firmen. Jetzt kann er auf das globale Spencer-Stuart-Know-how zurückgreifen. Zudem schüttelt die KI-Revolution auch die Headhunter-Branche durch. Die fünf Grossen investieren hier grossflächig, Egon Zehnder hat etwa eine speziell adaptierte ChatGPT-Anwendung entwickelt. Dieses Investment konnte eine Boutique nicht leisten.

Egon-Zehnder-Schweiz-Chef Dominik Schaller steuert seine Firma auf Rekordkurs.
Foto: NR Production GmbH

Zehnder bleibt dann auch gelassen. «Wir sind und bleiben Marktführer in Europa und der Schweiz», betont Zehnder-Schweiz-Chef Dominik Schaller. «In unserem Heimmarkt wachsen wir seit Jahren deutlich über dem Markt und gewinnen entsprechend Marktanteile hinzu.» In den letzten Jahren konnte Zehnder seine Führung ausbauen, die Umsatzschätzungen – das Unternehmen liefert keine Zahlen für den Heimmarkt – liegen bei etwa 40 Millionen Franken.

Spencer Stuart wird als Nummer zwei etwa auf die Hälfte taxiert, die amerikanischen Rivalen Heidrick & Struggles und Russell Reynolds liegen in der Schweiz deutlich dahinter. Der Heimmarkt ist die Perle im Zehnder-Reich: Er lieferte letztes Jahr laut Schätzungen ein Rekordresultat, und das erste Halbjahr soll auf neuem Rekordkurs liegen. Die Zehnder-Berater haben im Heimmarkt die besten Netzwerke, und viele Konzerne geben das Geschäft im aktuellen Umfeld lieber einer Schweizer statt einer amerikanischen Firma.

Die US-Konkurrenz legt dafür global massiv zu: Lag Zehnder vor zwölf Jahren global noch auf Platz 2, belegt die Firma heute Rang 5. Allerdings haben die Rivalen auch ihren Geschäftsmix weiter ausgebaut und heftig akquiriert, bei Korn Ferry und Heidrick & Struggles ist zudem der Wachstumsdruck wegen der Börsenkotierung nochmals grösser. Zehnder setzt dagegen vor allem auf qualitatives internes Wachstum – die Übernahme der New Yorker Search-Boutique Prince Houston im letzten Jahr war eine Rarität.

Neues Kapitel

Für Johansson beginnt im zarten Alter von 78 Jahren ein neues Kapitel. Saunagänge zwei bis drei Mal die Woche («heilig»), ausgedehnte Golfrunden und nicht verhandelbare zehn Wochen Ferien halten ihn nach eigener Aussage frisch. Es gibt viel Vertrauen auf beiden Seiten: Haltefristen wurden nicht vereinbart, und dass alle seine Mitarbeiter übernommen wurden, bedeutet zusätzlich Ansporn und Verpflichtung. Als etwa der deutsche Headhunter-Doyen Dieter Rickert seine Firma vor fünf Jahren mangels Nachfolgelösung einfach schloss, standen alle Mitarbeitenden auf der Strasse. Das konnte Johansson abwenden. Das legendäre Büro am Utoquai hätte er ohnehin bald räumen müssen, das Gebäude wird saniert.

Die Frage ist: Kann er seine heilige Freiheit reduzieren und sich in das engere Partnerkorsett einfügen? Seine neue Chefin Artho sieht hier kein Problem: «Wir sind beide Unternehmer, und wir werden diese neue Partnerschaft unternehmerisch führen.»

Johansson setzt dann auch ehrgeizige Ziele: «Wir wollen die Besten sein im Topsegment: beim Eigentümer, beim Verwaltungsratspräsidenten, beim Chairman of the Nomination Committee und beim CEO.» Klingt nach einer Kampfansage.

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