Inkasso-Boss packt über seine Branche aus
So treiben wir bei Schweizer Haushalten heute Schulden ein

Die Finanzbildung nimmt ab, die Schulden zu: Schweizer zwischen 20 und 40 Jahren bestellen immer öfter auf Rechnung, verlieren aber den Überblick. Inkassofirmen sprechen von Rekordschulden in Milliardenhöhe. Ein Inkasso-Boss berichtet.
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Der Onlinehandel boomt: Immer wieder werden jedoch Waren bestellt, die man sich eigentlich nicht leisten kann.
Foto: Getty Images

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Jeder sechste Schweizer Haushalt hat Zahlungsrückstände, oft bei Steuern oder Krankenkassenprämien
  • Offene Inkassobeträge stiegen bis Ende 2025 auf 13 Milliarden Franken
  • 20- bis 40-Jährige sind bei Coeo Hauptschuldner, häufig durch Onlinekäufe überfordert
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Martin SchmidtRedaktor Wirtschaft

Es ist ein Schreckgespenst, das in vielen Köpfen herumgeistert: Man liegt bei einer Zahlung im Rückstand, da klingelt es plötzlich an der Tür. Breitschultrige Männer tauchen auf und wollen das geschuldete Geld eintreiben. Was früher tatsächlich vorkam, ist heute die Ausnahme. «Dieses Image hängt der Branche aber immer noch nach», sagt Christian Giehler (40) im Gespräch mit Blick. 

Giehler ist Geschäftsführer der Coeo Group in der Schweiz, einer der grössten Inkassogruppen Europas. Der Wandel der Branche zeigt sich darin, dass sich die Unternehmen heute als Dienstleister verstehen. Sie wollen die säumigen Zahler möglichst nicht als «Kunden» verlieren, damit für die Firmen möglichst geringe Zahlungsausfälle resultieren.

Bei den Inkassobüros läuft ein grosser Teil der Arbeit online ab. Doch die erste Kontaktaufnahme per E-Mail erweist sich häufig als schwierig. «Die Hoffnung scheint zu sein, dass das Problem verschwindet, wenn man nicht reagiert», so Giehler. Zum Teil brauche es deshalb 10 bis 15 Anläufe bis zu einer Reaktion des säumigen Zahlers.

Zahlungsrückstände nehmen zu

Zahlungsrückstände sind auch in der Schweiz ein wachsendes Problem: Mittlerweile ist jeder sechste Haushalt davon betroffen. Am häufigsten haben sie Steuerschulden oder unbezahlte Krankenkassenprämien. In diesen Fällen kommen meistens die Betreibungsämter zum Zug. 

Bei offenen Handyrechnungen, Konsumkrediten, Auto-Leasing oder Onlineeinkäufen sind jedoch private Inkassofirmen am Drücker. Auch hier sind die Zahlungsausstände in den letzten Jahren deutlich gestiegen. «Wir stellen vor allem eine Zunahme im Bereich E-Commerce fest. Das liegt auch am stark veränderten Konsumverhalten», sagt Giehler. Beim offiziellen Branchenverband Inkasso Suisse türmen sich die offenen Beträge per Ende 2025 auf knapp 13 Milliarden Franken. Das entspricht einer Zunahme von knapp zwei Milliarden Franken gegenüber 2022.

Schweizerinnen und Schweizer bestellen riesige Warenmengen über Anbieter wie Amazon, Zalando, Shein oder Temu. Bezahlt wird zunehmend auf Rechnung. «Manche bestellen Waren im Wert von 10'000 Franken, da geht rasch der Überblick verloren», so der Coeo-Chef. Besonders beliebt: Kleider und Elektronik.

«Schamgefühl nimmt ab»

Die 20- bis 40-Jährigen bestellen häufig online und machen bei Coeo den grössten Teil der Schuldner aus. Giehler führt dies auch auf eine abnehmende Finanzbildung zurück. «Immer mehr Menschen tun sich schwer damit, ihre Einnahmen und Ausgaben systematisch gegenüberzustellen und so den Überblick über ihr Budget zu behalten», sagt er. Der Onlinehandel lässt auch die Hemmschwelle sinken. «Das Schamgefühl, etwas Falsches zu tun, nimmt ab.»

Giehler spricht von einer Art «Trotzreaktion». Menschen aus der unteren Mittelschicht leiden besonders stark unter den steigenden Mieten und Krankenkassenprämien und müssen den Gürtel enger schnallen. Manche blenden ihre Bedenken aus und bestellen sich plötzlich eine teure Tasche oder Uhr. «Früher hat man die Rolex noch im Laden und gegen Barzahlung gekauft. Heute ist sie online rasch bestellt. Diese Entwicklung macht es einfacher, grössere Anschaffungen zu tätigen, was dazu führen kann, dass finanzielle Entscheidungen weniger sorgfältig abgewogen werden.»

Sofern das Inkassobüro den Schuldner erreicht, wird ein Rückzahlungsplan vereinbart. Trotzdem bleiben die Unternehmen oft auf ihren Rechnungen sitzen. «Viele Schuldner brechen die Zahlungen ab», sagt der Inkasso-Chef. Entsprechend sind etwa zwei Drittel der Forderungen bei Inkasso Schweiz sogenannte Verlustscheine, die jedoch erst nach 20 Jahren erlöschen.

Kritikpunkt: Inkassogebühren

Ein grosser Kritikpunkt an den Inkassobüros hält sich aber bis heute. Coeo hat eigentlich sehr gute Google-Bewertungen, doch es werden immer wieder hohe Gebühren moniert.

«Verzugszinsen sind die einzige Gebühr, die rechtens ist», sagt Konsumentenschützerin Sara Stalder (59). Diese belaufen sich auf 5 Prozent pro Jahr. «Oft werden aber noch ein Verzugsschaden oder andere, hohe Gebühren in Rechnung gestellt. Hier sollte schriftlich mitgeteilt werden, dass diese ungerechtfertigten Zuschläge nicht bezahlt werden», führt sie aus. Ein Verzugsschaden muss klar belegbar sein, damit er gerechtfertigt ist. 

Giehler wehrt sich gegen die Vorwürfe: «All unsere Prozesse und Forderungen stehen im Einklang mit dem geltenden Rechtsrahmen.»

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