Darum gehts
Eines kann man Novartis-Konzernchef Vas Narasimhan nicht vorwerfen: dass er nicht in die Vollen geht, wenn er überzeugt ist, dass eine Übernahme ihr Geld wert ist. So geschehen bei Avidity. Die bisher grösste Akquisition seiner mittlerweile neunjährigen Regentschaft schlug in Basel mit 12 Milliarden Dollar zu Buche – eine stattliche Summe, wenn man bedenkt, dass es bei den drei Pipelineprojekten, die die Amerikaner in die Heirat einbrachten, um seltene neuromuskuläre Krankheiten geht. Das sind zwar hochinteressante Märkte, die oft in den Genuss beschleunigter Zulassungsverfahren kommen, aber sie sind eben auch eher nischig.
Doch das ist womöglich nur ein Bruchteil der Story rund um die Grossübernahme. Letztendlich gehe es darum, die Technologie auf andere Indikationen wie etwa Parkinson und Alzheimer zu übertragen, sagte Bob Baloh kürzlich vor den Medien. Er leitet die Erforschung und frühe Entwicklung von Therapien gegen neurologische Erkrankungen bei Novartis und ist damit eine Schlüsselfigur im Team von Forschungschefin Fiona Marshall. Die Britin dockte 2022 von der amerikanischen MSD in Basel an.
Suche nach dem Heiligen Gral
Dazu muss man wissen: Alzheimer und Parkinson entsprechen derzeit dem Heiligen Gral in der Pharmaindustrie. Die Dimensionen sind gewaltig, weltweit leiden 55 Millionen Patienten an Demenz, bei 60 bis 70 Prozent lautet die Diagnose Alzheimer. Bis 2050 dürfte die Zahl auf fast 140 Millionen ansteigen. Bei kaum einer anderen grossen Indikation gibt es so wenig Konkurrenz und deshalb so viel zu gewinnen. Gegen Alzheimer ist bis jetzt trotz jahrzehntelanger, milliardenschwerer Forschung erst ein Antikörpermedikament auf dem Markt, das sich positiv auf den Krankheitsverlauf auswirkt; es kommt von Eli Lilly. Bei Parkinson ist das Terrain noch immer gänzlich frei.
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Die Knacknuss ist die sogenannte Blut-Hirn-Schranke. Es handelt sich um eine physiologische und zelluläre Barriere, die verhindert, dass Giftstoffe und Krankheitserreger ins Gehirn gelangen. Der Schutzmechanismus wird zum Problem, wenn man ebenda Krankheiten mit Medikamenten bekämpfen möchte.
Generalschlüssel fürs Gehirn braucht noch Zeit
Genau daran arbeiten nun die Novartis-Forscher. Es gehe darum, zu verstehen, wie sich die Transferrinrezeptor-Technologie (TfR) von Avidity – derzeit für die Verabreichung im Muskelgewebe optimiert – so anpassen lasse, dass eine effektive Abgabe über die Blut-Hirn-Schranke hinweg für Erkrankungen des zentralen Nervensystems ermöglicht werde, präzisiert das Unternehmen auf Nachfrage. Am weitesten fortgeschritten ist der Ansatz bei Parkinson. Es geht um einen präklinischen siRNA-Wirkstoff, der aus der Partnerschaft mit Arrowhead von 2025 stammt. Dieser zielt auf ein körpereigenes Protein ab, das bei Parkinson verklumpt und damit toxisch wird.
Bis klar ist, ob die neuen Wege zur Verabreichung taugen und Novartis damit den Generalschlüssel fürs Gehirn findet, wird es allerdings noch dauern. Man sehe zwar langfristig Potenzial, um damit Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson zu adressieren, aber die Arbeiten befänden sich in einem frühen Entwicklungsstadium, schreibt Novartis.