Darum gehts
Treffpunkt ist das Institute for Banking and Finance an der Universität Zürich. Hier lehrt und forscht Marc Chesney. Kritisch analysiert er seit Jahrzehnten komplexe und toxische Finanzprodukte. Zuletzt in seinem Buch «Stopp: Gegen Kasino-Finanzwirtschaft». Er hat auch im Fall der Credit Suisse CS lange vor der Pleite darauf hingewiesen, wie gefährlich das Geschäft der Bank ist. Für den Experten stehen die Warnzeichen rund um die UBS auf Rot.
Herr Chesney, der Bundesrat fordert von der UBS knapp 20 Milliarden Dollar mehr Eigenkapital. Geht er zu weit?
Im Gegenteil. Der Vorschlag ist wirklich minimal.
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Die UBS wehrt sich heftig.
Logisch! Aber für den Steuerzahler und für den Bürger ist dieser Widerstand inakzeptabel. Als die Bank 2008 fast bankrott war, hielt sie faule amerikanische Hypothekenpapiere in Höhe von 45 Milliarden Dollar. Und jetzt beschwert sich die UBS über zusätzliche 20 Milliarden.
Schlimmer noch: Die Bank ist too big to fail…
…wenn es schiefläuft, bezahlen wir Steuerzahler die Zeche. Das ist eine Schande!
Und die Manager kassieren Millionen-Boni.
Im Fall der CS gar für jahrelange Verluste. In den letzten zehn Jahren verteilte die Bank 32 Milliarden Franken Boni und schrieb Verluste von 3,2 Milliarden. Viele sprachen von einer unvorhersehbaren Katastrophe. Das ist falsch. Der Zusammenbruch war vorhersehbar. Ich hatte mehrmals darauf hingewiesen. Und jetzt sind bei der UBS alle Ingredienzen für eine Wiederholung da.
Wie meinen Sie das?
Gigantische Volumen von Derivaten, riesige Schulden und überdimensionierte Boni. Irgendwann kommt ein Unfall – und wir Steuerzahler bezahlen.
Der 66-jährige emeritierte Professor war von 2015 bis 2021 Direktor des Instituts for Banking and Finance und von 2003 bis 2024 Inhaber des Lehrstuhls für Finanzmathematik an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich. Zuvor war er ordentlicher Professor und assoziierter Dekan an der HEC Paris.
Der 66-jährige emeritierte Professor war von 2015 bis 2021 Direktor des Instituts for Banking and Finance und von 2003 bis 2024 Inhaber des Lehrstuhls für Finanzmathematik an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich. Zuvor war er ordentlicher Professor und assoziierter Dekan an der HEC Paris.
Was sind diese mysteriösen Derivate genau?
Offiziell sind sie Absicherungen gegen finanzielle Risiken. Ein Schweizer Unternehmen, das beispielsweise in der Eurozone tätig ist, braucht eine Deckung gegen Euro/Franken-Schwankungen. Derivate erlauben ihm, Euro zu einem gewissen Preis an einem gewissen Datum zu kaufen. In Wirklichkeit entspricht aber nur ein kleiner Prozentsatz dieser Derivate einer Versicherung. In den meisten Fällen sind es finanzielle Wetten in astronomischen Höhen.
Was heisst astronomisch?
Laut Geschäftsbericht 2024 der UBS betrug der Netto-Nominalwert der Derivate per Ende Jahr etwas das 36-Fache des Schweizer Bruttoinlandprodukts BIP. Das BIP umfasst sämtliche in der Schweiz in einem Jahr hergestellten Güter und Dienstleistungen und betrug 2024 rund 850 Milliarden Franken.
Der US-Börsenguru Warren Buffett nennt spekulative Derivate «finanzielle Massenvernichtungswaffen».
Wie recht er hat: Die UBS musste 2008 gerettet werden, weil sie sich mit Derivaten auf US-Hypotheken stark übernommen hatte. Die Grossbanken weisen nur unvollständige Informationen in ihren Bilanzen aus. Ihre riesigen Ausserbilanzgeschäfte bleiben nebulös und zweifelhaft. Im Jahresbericht erscheinen im besten Fall die Netto-Nominalwerte der Derivate. Wie gross die gesamten Wetten sind, bleibt ein Geheimnis, keine Spur von Brutto-Nominalwerten, also den wirklichen Risiken im Fall einer starken Krise. Nur die SIX-Gruppe, die Schweizer Börse, publiziert wöchentlich solche Daten für die Schweiz. Sie schwanken zwischen 1000- und 250 000-mal unser BIP!
Sie fordern eine Mikrosteuer – für mehr Transparenz und mehr Geld.
Wenn Sie und ich Lebensmittel oder anderes für den Alltag einkaufen, bezahlen wir darauf eine Mehrwertsteuer. Der Finanzsektor zahlt für die Transaktionen keine Mehrwertsteuer. Mein Vorschlag: eine Mikrosteuer von 0,1 oder sogar 0,01 Prozent auf jede Derivate-Transaktion. So kämen gewaltige Summen zusammen. Und das grosse Plus: Wir hätten endlich Transparenz im Derivate-Dschungel. Wüssten, wer wann und wie viel worauf wettet. Mit künstlicher Intelligenz wird es vermutlich weniger Arbeitsstellen geben. Es wäre deshalb viel sinnvoller, die Arbeit weniger zu besteuern. Dafür sollten diejenigen, die Poker spielen mit unserem Steuergeld, mehr bezahlen.
Bei vielen Banken sitzen Finanzprofessoren im VR – weshalb schweigen sie?
Bei der Covid-Krise äusserten sich viele Medizin-Professoren im Bereich Epidemiologie, bei Klimadiskussionen Umweltwissenschafter und Klimatologen. Komischerweise bleiben bei Finanzfragen viele Finanzprofessoren besonders diskret. Die akademische Freiheit ist nicht die Freiheit zu schweigen. Als Professor in der Schweiz ist man gut bezahlt, um unabhängig – nicht neutral – zu bleiben, Probleme zu identifizieren, Lösungen für das Gemeinwohl vorzuschlagen, seine Analyse zu äussern. Wenn eine kritische Masse von in der Schweiz tätigen Finanzprofessoren ihre Verantwortung gegenüber den Steuerzahlern wahrnehmen und das Wort ergreifen würde zum Thema UBS, Eigenkapital und Risiken, hätte das eine gewisse Wirkung. Aber man schweigt lieber. Die Möglichkeit, zusätzliche Löhne von Grossbanken zu erhalten, muss die Gesellschaft bezahlen.
Die UBS denkt über einen Wegzug in die USA nach.
Heute gibt es in der Schweiz nur eine internationale Grossbank. Das ist keine gute Lage. Entweder vier oder fünf wie vor ein paar Jahren noch oder einfach keine wie in Singapur oder Dänemark. Eine Verschiebung des Hauptsitzes in die USA würde für uns Steuerzahler weniger Systemrisiken bedeuten. Die Grossbanken weltweit brauchen eine Staatsgarantie, weil sie undurchsichtig und komplex sind. Diese Komplexität erzeugt für sie Macht und Gewinne. Dabei sind die meisten ihrer Aufgaben einfach: Eröffnung von Konti, den Zahlungsverkehr der Bürgerinnen und Bürger sicherstellen sowie die Kreditvergabe.
Aber es gäbe ein Steuerloch.
Bei einem Wegzug würde die UBS nur noch für das – immerhin florierende – Schweizer Geschäft Steuern zahlen. Aber zur Erinnerung: Nach der Finanzkrise zahlte die UBS sieben Jahre lang überhaupt keine Steuern mehr.
Das Hickhack um Eigenkapital und Wegzug der UBS, die Kriege in der Ukraine und im Iran, die Klimaveränderung: Führt das zu einem Abschottungsreflex – zur 10-Millionen-Initiative?
Man kann sich heute nicht abschotten. All diese Probleme sind miteinander verbunden. Die UBS beispielsweise ist heute noch stark im Ölbereich investiert. Das führt zu mehr CO2-Emissionen und zu einem schlechteren Klima. Auch investiert sie in Palantir, die auch Überwachungssoftware für das Militär produziert. Krieg ist ein Business. Weshalb gibt es Frauen, die nicht schwimmen können, die sich mit ihren Kindern trotzdem auf ein kleines Boot übers Meer Richtung Europa wagen? Sie machen das, weil die Bedingungen in ihrer Heimat katastrophal sind. Diese Initiative hetzt Menschen auf.