Er war einer der einflussreichsten Finanzpolitiker des Landes: Franz Marty (79), langjähriger Schwyzer Finanzdirektor und Präsident der Konferenz der kantonalen Finanzdirektoren. Zwischen 2002 und 2011 war er Präsident von Raiffeisen Schweiz, der Zentralgenossenschaft der Bankengruppe. In dieser Zeit gehörte er auch dem Bankrat der Schweizerischen Nationalbank an.
Inzwischen lebt der frühere CVP-Politiker zurückgezogen in Goldau SZ. Blick erreicht ihn am Freitagnachmittag am Telefon und will ihn zu seiner Rolle als früherer Chef von Pierin Vincenz (70) befragen. Warum unternahm er nichts, als er erfahren hatte, dass Vincenz einen versteckten Deal durchzog? Er sagt, er wolle aus Respekt gegenüber dem Gerichtsverfahren lieber schweigen und sich nicht weiter öffentlich äussern.
Als Präsident von Raiffeisen war Franz Marty derjenige, der Pierin Vincenz als oberster Vorgesetzter hätte kontrollieren können – und dessen Verhalten deshalb heute besonders interessiert. Unter seiner Aufsicht geschahen grobe Regelverletzungen, die dazu führten, dass gegen Pierin Vincenz ein Finma-Aufsichtsverfahren und später auch ein Strafverfahren eingeleitet wurden.
In den letzten zwei Wochen fand am Zürcher Obergericht der spektakuläre Berufungsprozess gegen Vincenz statt. Dem früheren Raiffeisen-Chef und weiteren Beschuldigten werden ungetreue Geschäftsbesorgung und Betrug vorgeworfen. Die Staatsanwaltschaft verlangt sechs Jahre Gefängnis. Die Verteidiger fordern Freisprüche. Da noch kein rechtskräftiges Urteil vorliegt, gilt die Unschuldsvermutung. Erstinstanzlich wurden Vincenz und sein Geschäftspartner Beat Stocker (65) zu 3 Jahren und 9 Monaten sowie 4 Jahren unbedingtem Freiheitsentzug verurteilt.
CEO nicht im Griff
Rückblickend lässt sich feststellen: Wäre Franz Marty als Vorgesetzter eingeschritten, hätte er Pierin Vincenz’ Bankerkarriere bereits 2008 beenden können. Doch er liess ihn gewähren, denn er hatte seinen dominanten CEO offensichtlich nicht im Griff.
So liess er zu, dass sich Vincenz ein Millionensalär einstecken konnte, selbst dann noch, als es Proteste von Delegierten wegen seiner Bezüge gab. Vincenz erhielt 2008 ein Nettosalär von 13,8 Millionen Franken, von dem die Öffentlichkeit damals nichts wusste. Zudem liess Marty zu, dass Vincenz seine Abrechnungen und Spesen weitgehend selbst visieren konnte.
Das dritte Versäumnis ist das folgenschwerste: Dabei geht es um die verdeckten Firmentransaktionen, die Vincenz und Beat Stocker vorgeworfen werden. Die erste fand 2008 statt. Dabei handelte es sich um den Fall Commtrain, der im Berufungsprozess am meisten Raum eingenommen hat.
Commtrain Card Solutions (CCS) war eine Bezahlterminalfirma, die Aduno im April 2007 übernommen hatte. Wie Recherchen erstmals nahelegen, wusste Franz Marty bereits ein paar Monate nach dem Deal von dem krummen Geschäft, das Pierin Vincenz eingefädelt hatte. Konkret soll Franz Marty Anfang 2008 bankintern Informationen erhalten haben, wonach sich sein CEO und Beat Stocker verdeckt an CCS beteiligt hatten, um diese dann mit Gewinn an Aduno zu verkaufen. Zwei unabhängige Quellen bestätigen gegenüber Blick, dass Franz Marty ab 2008 im Bild war.
Aduno ist ein Gemeinschaftswerk von mehreren Banken, an dem Raiffeisen mit 25 Prozent beteiligt ist. Pierin Vincenz war damals neben seiner Rolle als operativer Chef von Raiffeisen auch Verwaltungsratspräsident von Aduno; Beat Stocker war zunächst Verwaltungsrat und dann CEO von Aduno.
Die Hände im Schoss
Doch Marty legte die Hände in den Schoss. Ein Jahr später, als der Commtrain-Deal allmählich in die Medien durchsickerte, entwickelte sich eine gewisse Hektik in der Raiffeisen-Zentrale in St. Gallen. Vincenz heckte eine Kommunikationsstrategie aus, die den Deal völlig anders darstellte.
Gleichzeitig einigte man sich darauf, den Sachverhalt durch ein Rechtsgutachten abklären zu lassen. Raiffeisen beauftragte Peter Forstmoser (83), einen der renommiertesten Rechtsprofessoren der Schweiz, der in den Nullerjahren den Verwaltungsrat von Swiss Re präsidierte. Den Auftrag für das Gutachten formulierte pikanterweise Forstmosers Kanzleikollege Peter Honegger, der Pierin Vincenz’ Privatanwalt war.
Anfang September 2009 schickte Forstmoser das als vertraulich deklarierte Gutachten an Franz Marty und Pierin Vincenz. Darin steht: «Als Ergebnis kann festgehalten werden, dass Herr Vincenz durch die Unterlassung der Offenlegung seiner (indirekten) Beteiligung an der CCS (...) keine Rechtspflichten verletzt hat. Doch entsprach sein Verhalten nicht der für Publikumsgesellschaften aufgestellten und für grosse nicht kotierte Unternehmen sinngemäss ebenfalls zu berücksichtigenden Best Practice. Danach wäre eine Offenlegung der (indirekten) Beteiligung an der CCS angezeigt gewesen, und dies wäre auch unter dem sich abzeichnenden künftigen Recht der Fall.»
Die Sache ruhen lassen
Obschon Vincenz mit seinem Deal zumindest gegen Best Practices und auch interne Geschäftsreglemente verstossen hatte, blieb dies für ihn ohne Folgen. Das Gutachten «vermochte Marty zu überzeugen, keine Weiterungen zu unternehmen und namentlich keine Meldung an die Aduno zu erstatten», heisst es später wörtlich in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft. Marty soll Vincenz mitgeteilt haben, dass er die Sache ruhen lassen werde. Er würde aber sofort aktiv werden, wenn es wegen des Deals zu strafrechtlichen Untersuchungen kommen sollte. Selbstredend bezahlte Raiffeisen auch das Gutachten, bei dem es letztlich um eine Privatinvestition von Vincenz ging.
Das Schweigen von Marty war entscheidend. Im Sommer 2011 trat Marty von seinem Posten zurück. Sein Nachfolger wurde Johannes Rüegg-Stürm (65), ein Professor für Betriebswirtschaftslehre der Uni St. Gallen, der dem machtbewussten Vincenz nicht gewachsen war. Das zeigte sich etwa daran, dass es oftmals Pierin Vincenz war, der die Verwaltungsratssitzungen leitete. Vincenz sass am Kopf des Tisches. Rüegg-Stürm dagegen musste die Hand heben, wenn er etwas sagen wollte. Das waren die realen Machtverhältnisse in der Bank. Kurz darauf fanden die nächsten Transaktionen nach dem Commtrain-Muster statt.