Das musst du über den Fall Vincenz wissen
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Blick-Experte Kolbe erklärt:Das musst du über den Fall Vincenz wissen

Ex-Banker auf der Anklagebank
Tinder und die Doppelmoral des Pierin Vincenz

Pierin Vincenz predigte Masshalten und sauberes Banking. Gleichzeitig kassierte er Millionen und tätigte verdeckte Geschäfte. Der Berufungsprozess zeigt die Widersprüche des früheren Vorzeigebankers – und wirft Fragen zur Verteidigungsstrategie auf.
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Pierin Vincenz (mit Umhängetasche) und sein Verteidiger Lorenz Erni auf dem Weg in den Gerichtssaal.
Foto: keystone-sda.ch

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Beat SchmidWirtschaftsredaktor

Vier Jahre war Pierin Vincenz (70) wie vom Erdboden verschluckt. Am Montag kurz vor acht Uhr tauchte er wieder auf, in einem Kleinwagen vor dem Zürcher Obergericht, zusammen mit seinem Anwalt Lorenz Erni (75). Gut sah Vincenz aus, kaum gealtert, sonnengebräuntes Gesicht – und gut gelaunt: «Hoffentlich werde ich nicht etwas Flapsiges sagen», sagte er zu einem Journalisten.

Und schon ist es passiert: Das Zürcher Obergericht befragte Vincenz zu seinen Spesenexzessen und zu seinen Kontakten ins Rotlichtmilieu. Über die Kontakt-App Tinder hatte er eine Frau kennengelernt, mit der er in einem Nobelhotel eine Nacht verbrachte und dabei die Einrichtung demolierte. Die Kosten wurden über Geschäftsspesen abgewickelt.

Als ihn die Richter zu Tinder befragten, erklärte er, beim Tindern sei es darum gegangen, «den Umgang mit Social Media zu erlernen». Auf die Frage, ob Tinder eine Plattform zur Personalsuche sei, entgegnete er, das sei ein «soziales Medium wie alle anderen». Da war er wieder, der Pierin, der Kindskopf aus dem Bündnerland, der sich seine Welt so zurechtzimmert, wie sie ihm gefällt.

Der Berufungsprozess gegen den früheren Raiffeisen-Chef Vincenz und weitere Angeklagte legt einmal mehr offen, wie stark sein öffentliches Image als bodenständiger Chef der Bauernbank Raiffeisen mit seinem realen Leben kollidierte.

Tinder – als App für die Personalsuche. Nichts ist falscher als das. Rückblickend war vieles falsch an Pierin Vincenz.

Als Banker der Genossenschaftsbank Raiffeisen machte er sich stark für die Weissgeldstrategie auf dem Schweizer Finanzplatz. Im Gegensatz zur Schweizerischen Bankiervereinigung vertrat er die Ansicht, dass der Finanzplatz Schweiz keine Zukunft als Versteck für unversteuertes Geld habe. «Die Schweiz darf auch für Schweizer kein Hort für unversteuertes Geld sein.»

Als er diese Aussagen machte, hatten er und sein Kompagnon Beat Stocker, neben Vincenz der zweite Hauptbeschuldigte im Prozess, bereits eine Struktur aufgebaut, die der Verschleierung von Beteiligungen diente. Zusammen gründeten sie die I-Finance AG und schoben einen Anwalt als einzigen Verwaltungsrat vor. Sie selber traten nicht in Erscheinung. I-Finance beteiligte sich an Firmen wie der Commtrain, die sie später an Aduno verkauften, wo Vincenz Verwaltungsratspräsident und Stocker CEO waren. Nicht offengelegt hatten sie, dass sie die wirtschaftlich Berechtigten hinter der Struktur waren.

Vincenz nutzte das Bankgeheimnis als Schild

Während Vincenz öffentlich das Bankgeheimnis angriff und von einer Weissgeldstrategie redete, tätigte er gleichzeitig persönliche Geschäfte und nutzte dabei das Bankgeheimnis und eine intransparente AG als Schutz. Widersprüchlich ist zudem, dass Vincenz’ Geschäftspartner Beat Stocker alle Hebel in Bewegung setzte, um den Journalisten Lukas Hässig wegen Verletzung des Bankgeheimnisses belangen zu lassen. Hässig hatte die Transaktionen über die Bank Julius Bär öffentlich gemacht und trug dazu bei, dass das Verfahren ins Rollen kam. 

Eine weitere Widersprüchlichkeit zeigt sich bei seinem Umgang mit Geld. Pierin Vincenz übte nach der Finanzkrise von 2008 scharfe öffentliche Kritik an der Boni-Kultur sowie den Gehältern der Grossbanken. Als CEO der genossenschaftlich organisierten Raiffeisen-Gruppe nutzte er die Krise gezielt, um Raiffeisen als bodenständige, kundennahe und seriöse Alternative zu UBS und Credit Suisse zu positionieren.

Er bezeichnete exzessive Boni als Hauptgrund für das Fehlverhalten und die übermässige Risikobereitschaft der Grossbanken. Boni würden falsche Anreize setzen, da sie kurzfristiges Gewinndenken vor langfristige Stabilität stellten. Er forderte von den Führungskräften der Finanzbranche mehr «Verantwortung, Masshalten und Seriosität». Es müsse wieder das Wohl der Kunden und der Realwirtschaft im Vordergrund stehen, nicht das Einkommen der Manager.

Um es vorsichtig zu formulieren: Vincenz selber war keinen Deut besser, wie sich später herausstellen sollte. Raiffeisen machte lange ein grosses Geheimnis um den Lohn ihres Chefs. Später zeigte sich, dass Vincenz jahrelang Millionengehälter kassierte. Im Jahr 2008 bezog er einen Nettolohn von 13,8 Millionen Franken. Hinzu kamen private Spesen, die er über das Geschäft abwickelte, und eben jene verdeckten Beteiligungen, die es ihm erlaubten, zusätzlich Millionen nebenbei zu verdienen.

Lorenz Erni – ein Strafverteidiger von gestern

Beim Prozess geht es denn auch um zwei zentrale Bereiche: die verdeckten Firmenbeteiligungen und die Spesenbezüge. Zur Verteidigung hat Vincenz Lorenz Erni engagiert, der seit Jahrzehnten als einer der besten Strafverteidiger der Schweiz gilt. Vincenz und Erni kennen sich bereits seit vielen Jahren. So lud Vincenz Erni mehrmals zu den Reitveranstaltungen im Zürcher Hallenstadion ein, was im Umfeld von Vincenz Fragen aufwarf, warum er die Nähe zu dem bekannten Strafverteidiger suchte.

Lorenz Erni ist eine Koryphäe darin, Strafprozesse in die Länge zu ziehen und Urteile aufgrund von Verfahrensfehlern zu Fall zu bringen. Seine beste Zeit hatte er, als es in der Schweiz noch sogenannte Kassationsgerichte gab. In den Jahrzehnten vor deren Abschaffung im Jahr 2011 prägte er die strafprozessuale Praxis wie kein Zweiter. Mit dem Wegfall des Kassationsgerichts haben sich sowohl das System als auch die Mittel für Strafverteidiger wie Lorenz Erni stark gewandelt.

Für Erni und andere Topverteidiger hat sich der Hebel deshalb deutlich nach vorne verschoben. Mängel im Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft müssen heute zwingend bereits vor dem Bezirks- und Obergericht geltend gemacht werden. Genau das versuchte Erni auch am ersten Prozesstag letzte Woche, als er verlangte, das Verfahren gegen Vincenz müsse wegen Verjährung eingestellt werden. 

Das Gericht hörte zu, ging aber nicht darauf ein. Heute sitzt der 74-jährige Starverteidiger neben Ex-Banker Vincenz im Zürcher Obergericht und muss die Richter davon überzeugen, dass Vincenz nicht strafbar gehandelt hat – eine ganz andere Aufgabe, als ein Verfahren auf prozessuale Fehler zu sezieren.

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