Darum gehts
Täglich lässt sich an den Strombörsen ein steiles Auf und Ab beobachten: Während Strom zur Mittagszeit oft gratis ist, steigen die Preise am Vorabend deutlich an. An Wochenenden ist Strom ausserdem billiger als unter der Woche. Grund dafür ist nicht selten die volatile – und immer wichtigere – Solarstromproduktion. Die Preisschwankungen werden zunehmend an die Endkunden weitergegeben. Wer nicht weiss, wie der Strompreis zustande kommt, bezahlt schon bald deutlich mehr als andere. Vor allem, wenn eine eigene Photovoltaikanlage (PV) mit im Spiel ist.
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1. So setzt sich der Strompreis zusammen, den wir bezahlen
Derzeit wird Strom an der Strombörse EEX für etwa 10 Rappen pro Kilowattstunde gehandelt. Doch auf der Schlussabrechnung der Stromversorger für Kleinkunden steht ein Mehrfaches dessen. Das hat damit zu tun, dass wir – egal ob Private oder Unternehmen – unterschiedlich für Strom bezahlen.
Am Beispiel eines Privatkunden des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich (EWZ) erklärt: Für die Energie im laufenden Jahr bezahlt er gemäss Eidgenössischer Elektrizitätskommission (Elcom) ohne Steuern rund 8 Rappen. Dazu kommen knapp 11 Rappen für die Netznutzung, also für Bau und Unterhalt des Stromnetzes. Ferner entrichtet er gut 6 Rappen für Steuern und Abgaben, davon 2,3 Rappen für die nationale Stromförderabgabe (Netzzuschlag). Die lokalen Abgaben unterscheiden sich je nach Gemeinde stark. In Basel etwa gibt es sogar eine kantonale Lenkungsabgabe. Insgesamt kommen beim EWZ so knapp 25 Rappen zusammen. Die Kosten für die eigentliche Energie machen hier also gerade mal ein Drittel des letztendlich anfallenden Strompreises aus.
2. Alles wird auf Termin gehandelt
Strom wird immer in Echtzeit produziert. Wenn wir die Kaffeemaschine anstellen, muss zur gleichen Zeit irgendwo ein Kraftwerk ein paar Watt mehr Leistung ins Netz einspeisen. Sonst gerät dieses aus dem Gleichgewicht – was im Extremfall zu Schäden an Geräten und Infrastruktur führen könnte. Das macht den Handel mit Strom komplex: Praktisch jedes Stromgeschäft ist ein Termingeschäft. Stromversorger kaufen Strom teilweise in langfristigen Verträgen auf Jahre hinaus ein. Im sogenannten Day-Ahead-Markt ordern sie Strom für den Folgetag, um ihre «Fahrpläne» an die Prognosen anzupassen. Und geht es dann immer noch nicht auf, kann die nationale Netzbetreiberin Swissgrid extrem kurzfristig Kraftwerke aufbieten – die Kosten verrechnet sie den Stromversorgern.
Aus diesem Mix berechnen sich dann die Strompreise für die Endabnehmer. Kleinkunden haben oft einen Einheitstarif, manchmal auch einen Hoch- und einen Niedertarif, je nach Tageszeit. Von den Termingeschäften bekommen sie nichts mit.
3. Wenn der «Käufer» bezahlt wird
Weil der Strommarkt zu jeder Zeit ausgeglichen sein muss, Produktion und Verbrauch aber stark schwanken, bewegt sich auch der Börsenstrompreis entsprechend. Ein Beispiel: Am 24. Mai 2026, einem sonnigen Sonntag, kostete der Strom bis fünf Uhr rund 10 Rappen pro Kilowattstunde (im kurzfristigen Intra-Day-Handel). Dann ging die Sonne auf – und innert kürzester Zeit produzierten die Photovoltaikanlagen der Schweiz mehr Strom als benötigt: Am Mittag lag ihre Produktion laut dem Portal Swiss Energy-Charts bei mehr als sechs Gigawatt, dem Sechsfachen eines Schweizer AKW (siehe Grafik).
Das führte dazu, dass sogar das AKW Gösgen während sechs Stunden seine Produktion drosselte. Eine weitere Folge war, dass der Strompreis bis zum Mittag weit ins Minus fiel. Wer da kurzfristig einen Teil des überschüssigen Stroms «kaufte», erhielt pro Kilowattstunde (kWh) bis zu 6,5 Rappen gutgeschrieben. Das ist ein gutes Geschäft beispielsweise für Pumpspeicherkraftwerke, die mit diesem Strom Wasser in ihre Stauseen hochpumpen, um später wieder Strom daraus zu produzieren.
4. Das bedeuten flexible Strompreise für Eigenheimbesitzer
Die unter Punkt 3 beschriebene Situation hat zunehmend Folgen für Eigenheimbesitzer, die Solarstrom produzieren und diesen ins Netz einspeisen. Denn immer öfter kann zur Mittagszeit niemand etwas mit diesem Strom anfangen. Gleichzeitig kommen die Netzbetreiber an die Grenzen, weil ihre Leitungen und Trafos nicht so viel Strom bewältigen können.
Neue Regeln für PV-Besitzer reagieren auf diese Probleme: Erstens können Netzbetreiber künftig in Spitzensituationen Solarstromeinspeiser vom Netz trennen; man nennt das «Peak Shaving». Die PV-Besitzer müssen dann entweder ihre Anlagen abschalten, den Strom lokal verbrauchen oder diesen in Batterien speichern. Aktuellen Schätzungen zufolge sollen davon etwa 3 Prozent der Jahresproduktion betroffen sein.
Hinzu kommt: Ab 2027 können die Versorger ihre Solarstromvergütungen dem Börsenpreis anpassen. Am Abend eingespeister Strom wird dann höher vergütet als Mittagsstrom, bei dem der Preis auch mal auf null fallen kann. Die Bewirtschaftung der eigenen Anlage wird wichtiger.
5. Wir alle bezahlen deutsche Gaskraftwerke
Grundsätzlich gilt: Der Preis entsteht aus Angebot und Nachfrage. Dabei kommt die sogenannte Merit-Order zur Anwendung: Das letzte und somit teuerste noch aufgebotene Kraftwerk bestimmt jeweils den Strompreis, wobei die Grenzkosten den Ausschlag geben. Das sind die Kosten für eine zusätzlich produzierte Kilowattstunde ohne die Fixkosten, die so oder so anfallen. Bei Wind und Solar liegen diese Grenzkosten praktisch bei null. Wasserkraftwerke haben etwas höhere Grenzkosten, wenn ihre Wasserzinsen mengenabhängig sind. In einem AKW gehören die Brennstoffkosten zu den Grenzkosten.
Reichen all diese Kraftwerke nicht aus, müssen beispielsweise deutsche Kohle- und Gaskraftwerke aufgeboten werden, die höhere Grenzkosten haben, weil sie viel Brennstoff benötigen. Dann steigt der Strompreis stark an. Das sah man gut im Winter 2022/2023, als ein Teil der französischen Atomkraftwerke ausser Betrieb war. Die höchsten Strompreise werden daher meist vom Gaspreis bestimmt.
Fazit
Der Strompreis dürfte in den kommenden Jahren für viele Schweizerinnen und Schweizer an Bedeutung gewinnen. Bislang mussten sich nur Unternehmen, die am freien Markt einkauften, mit dem Wesen des Strommarktes beschäftigen. Neue Tarifmodelle für die Solarstromeinspeisung setzen nun auch Eigenheimbesitzer stärker den Marktpreisen aus. Und vermutlich dürften auch die Bezugstarife für Kleinkonsumenten im Monopol zunehmend an die Marktpreise angepasst werden, um falsche Anreize zu beseitigen. Noch gibt es beispielsweise Hochtarife, die ausgerechnet mittags gelten, wenn Strom im Überfluss vorhanden ist, und Niedertarife, die am Abend beginnen, wenn die Preise am Markt in die Höhe schiessen.
Speicherlösungen – ob im Kleinen zu Hause oder als Megawattspeicher bei Grossinvestoren – dürften diese Effekte etwas dämpfen. Die Zeiten mit einem fixen Stromtarif fürs ganze Jahr könnten aber für viele Schweizerinnen und Schweizer schon bald vorbei sein.