Er zündet nächste Stufe
Sandoz-Chef hat aus Novartis-Sorgenkind einen SMI-Konzern gebaut

Einst galt Sandoz als Sorgensparte beim Pharmariesen Novartis. Unter Konzernboss Richard Saynor ist der Generika-Hersteller nun 19 Quartale in Folge gewachsen – und nun in den Leitindex SMI aufgestiegen. Jetzt plant der Brite die nächste Stufe.
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Als junger Pharmazeut sechs Monate in der Apotheke, danach fast immer in der Generikaindustrie: Richard Saynor, CEO von Sandoz.
Foto: PD

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Seraina Gross
Handelszeitung

Richard Saynor gehört zur raren Spezies der Topmanager, die auch mal deutlich werden. Er verstehe nicht, warum die Medikamentenpreise in den USA so hoch seien, liess der ehemalige Novartis-Spartenchef und heutige Sandoz-Konzernchef dieser Tage via «Tages-Anzeiger» der forschenden Pharmaindustrie ausrichten – was nicht gerade diplomatisch ist, wenn der Branche, von der man lebt, die Felle davonschwimmen, weil Donald Trump die Medikamentenpreise in den USA an die in Europa anpassen will. Was auch den ehemaligen Brötchengeber trifft.

Da war er noch der «Underdog», als den sich Saynor vor zwei Jahren im Interview mit der Handelszeitung selbst bezeichnete. Ansonsten aber ist dem gebürtigen Briten die Rolle des Kellerkinds längst zu klein geworden. 19 Quartale in Folge ist Sandoz nun gewachsen, der Aktienkurs hat in den drei Jahren nach dem Börsengang um 200 Prozent zugelegt; ein Plus, das manch einem Novartis-Aktionär, der die Sandoz-Aktien verkaufte, die ihm damals bei der Abspaltung zugeteilt wurden, nachträglich die Tränen in die Augen treiben dürfte.

Artikel aus der «Handelszeitung»

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Als Belohnung für den Höhenflug winkt in wenigen Tagen der Einzug in die Königsklasse der SMI-Konzerne, wo der selbst ernannte Basler Underdog zusammen mit dem ebenfalls erst kürzlich von Nestlé in die Selbstständigkeit entlassenen Hautpflegekonzern Galderma in ein paar Tagen die Dauergäste Kühne + Nagel und die gute alte Swisscom rauskicken wird.

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Zwei Drittel sind noch immer Generika, aber …

Es läuft rund für den Konzernchef, der es als junger Pharmazeut gerade mal sechs Monate in einer Apotheke aushielt und seither fast sein ganzes Berufsleben in der Generikaindustrie verbracht hat. Vor allem das Biosimilars-Geschäft schiesst durch die Decke. Es geht um die margenstarken Nachahmerprodukte zu biologisch hergestellten Medikamenten; ein Geschäft, mit dem Sandoz unter dem Dach von Novartis während Jahren kaum vom Fleck kam. 30 Prozent der Sandoz-Umsätze gehen mittlerweile auf ihr Konto, das sind 7 Prozentpunkte mehr als zum Zeitpunkt der Ablösung von Novartis.

Alles ist dabei: Onkologie, Immunologie, Stoffwechselkrankheiten. Besonders stolz ist man auf Hyrimoz, das Biosimilar zu Humira. Das Antirheumatikum des US-Pharmakonzerns Abbvie zählt zu den grössten pharmazeutischen Produkten aller Zeiten, über die Jahre kamen Umsätze von gegen 250 Milliarden Dollar zusammen. Heute sind 75 Prozent der Verkäufe generisch, wovon die Basler mehr als ein Fünftel abgreifen. Auch bei den beiden Mega-Blockbustern Stelara, einem Medikament gegen Schuppenflechte von Johnson & Johnson, und dem Augenheilmittel Eylea von Bayer spielt Sandoz ganz vorne mit.

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13 Biosimilars haben die Basler zurzeit am Start, 39 stecken in der Pipeline und warten darauf – einmal zugelassen –, den Originalpräparateherstellern das Wasser abzugraben. Die grösste Wette dabei: Keytruda, das Krebsimmunologietherapeutikum, mit dem der amerikanische Pharmagigant Merck (in Europa MSD) zuletzt Umsätze von 32 Milliarden Dollar abräumte. Da dürften selbst bei sinkenden Preisen über die Jahre einige Milliarden bei Sandoz hängen bleiben.

Die Biosimilar-Bonanza hat gerade erst begonnen

Und das ist erst der Anfang. Der Biosimilars-Kuchen, den es zu verteilen gibt, ist riesig. Auf sagenhafte 650 Milliarden Dollar belaufen sich die Umsätze der biologischen Medikamente, für die Patente in den nächsten Jahren ablaufen. «Patentklippe» würden das die Originalpräparatehersteller nennen, sagte Saynor dieser Tage beim Kapitalmarkttag in London. Er spreche lieber von einer «goldenen Dekade».

Des einen Leid, des anderen Freud – so funktioniert das in der Generikaindustrie. Sie erfindet zwar keine neuen Medikamente, dafür hält sie Big Pharma auf Trab und wirkt so als Motor für die Innovation. Und wie. Hundert Biosimilars will der Sandoz-Konzernchef bis 2040 am Start haben, siebenmal mehr als heute; eine steile Ansage, an der er sich nun messen lassen muss. Der Umsatz von Sandoz soll sich bis 2035 verdoppeln, die Marge auf 30 Prozent ansteigen.

Auch das ist sportlich für ein Unternehmen, das noch immer mehr als zwei Drittel seiner Umsätze im hochkompetitiven Geschäft mit einfachen Generika macht. Hier haben es die Basler nicht nur mit Playern wie Teva (Israel) oder Viatris (USA) zu tun, sondern auch mit chinesischen und indischen Mitbewerbern wie Fosun Pharma, Sun Pharmaceutical Industries und Dr. Reddy’s Laboratories, die den Markt mit Produkten zu konkurrenzlos tiefen Preisen strapazieren.

Rückenwind vom Regulator

Unerwarteten Rückenwind bekommt der neue Shootingstar im Basler Pharmacluster von der FDA. Die Zulassungsbehörde in den Vereinigten Staaten hat die kostspieligen klinischen Studien für Biosimilars Ende des Jahres kurzerhand gestrichen. Zuvor mussten Biosimilars, anders als Generika, immer auch an Patienten getestet werden; eine Konzession an die Pharmaindustrie, die man so vor schockartigen Umsatzverlusten, wie sie bei chemischen Wirkstoffen üblich sind, verschonte.

Nun aber heisst es: Vorteil Sandoz. Der Konzernchef erwartet, dass die Entwicklungskosten von heute 150 bis 250 Millionen Dollar auf 60 bis 150 Millionen sinken werden. Die Entwicklungszeiten dürften sich von heute sieben bis acht auf vier bis sechs Jahre verkürzen. Das so frei werdende Kapital wird er investieren, damit die Wachstumsstory, wie er sie nun geschrieben hat, auch Wirklichkeit wird. Eine Sonderdividende steht nicht zur Diskussion, zusätzliches Kapital auszusschütten und dafür attraktive Projekte liegen zu lassen, ergebe keinen Sinn, sagt Saynor. Er verweist stattdessen auf die progressive Dividendenpolitik, mit der jedes Jahr 30 bis 40 Prozent des Kerngewinns in die Taschen der Aktionäre fliessen. «Unsere Prioritäten sind klar: Zuerst investieren wir, insbesondere in unsere Biosimilar-Kompetenzen, dann prüfen wir Partnerschaften», sagt er gegenüber der Handelszeitung.

Es geht um Zusammenarbeit wie die mit der chinesischen Shanghai Henlius, mit welcher der Konzern aus der einzigartigen Vertriebsorganisation Kapital schlägt, die er von Novartis mitbekommen hat. Sandoz kauft sich die Vermarktungsrechte für zehn weitere Biosimilars ausserhalb Chinas, mit der Option auf weitere sieben Biosimilars. Es geht um Medikamente gegen Krebs, Autoimmunerkrankungen wie Lupus oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. 322 Millionen Dollar lässt der Konzernchef dafür springen, dafür sitzt Sandoz nun auf einer Pipeline, die ihresgleichen sucht. Andere Biosimilar-Anbieter wie Samsung Bioepis, Celltrion, Biocon Biologics, Amgen und Pfizer müssen sich momentan mit der Hälfte oder noch weniger Assets begnügen.

Der Sandoz-Konzernchef dreht auf. Das zeigt sich auch bei der Biosimilar-Produktion. Bei der Trennung musste das Unternehmen die wichtige Biotech-Anlage in Österreich noch der Mutter überlassen und teuer für die eigene Fertigung vor Ort bezahlen. Inzwischen macht das Unternehmen auch hier Tempo, schon 2030 will man ein voll integriertes Unternehmen sein. Im November geht in Slowenien die erste selbst gebaute Biotech-Anlage in Betrieb. Eine zweite soll bald folgen – Kosten: 300 Millionen Dollar. Zuvor hat Saynor bereits 350 Millionen Dollar für den Kauf einer Anlage in Toulouse springen lassen. Mehr als 1 Milliarde Dollar an Investitionen ist so bereits zusammengekommen.

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Ein Ärgernis bleiben die USA, wo die Grosshändler den Markt torpedieren. Sie haben null Interesse, sich mit günstigeren Medikamenten selbst die Margen zu ruinieren. Doch auch hier ist die Sandoz-Spitze zuversichtlich; die Kontakte mit der US-Administration seien gut, sie verstehe, dass die Generikaindustrie Teil der Lösung der Kostenprobleme im Gesundheitswesen sei, heisst es. Auf dem Tisch liegt der Vorschlag einer Biosimilar-first-Politik. Zudem hat die Kartellbehörde ein Auge auf die Originalpräparatehersteller und ihre Politik, den Wettbewerb mit Hunderten, wenn nicht Tausenden Patenten zu verhindern. Das spricht dafür, dass sich in den USA etwas tut.

Ein Regulator, der mitmacht, genügend finanzielle PS und goldene Zeiten mit Originalherstellern, denen die Patente wegbrechen: Die Sandoz-Story wird reichlich Stoff bieten in den nächsten Jahren. «Sandoz befindet sich in einer einzigartigen Ausgangslage», sagt Stefan Schneider, Pharma-Analyst bei Vontobel. «Das Generikageschäft spült das Geld in die Kassen, mit dem Saynor das Geschäft mit den Biosimilars aufbauen kann.»

Bald kommen die Sandoz-Abnehmspritzen

Und dabei ist noch gar nicht berücksichtigt, was die nächste grosse Party abwerfen wird. Es geht um GLP-1, den Wirkstoff hinter dem Abnehm-Boom. Los gehts in Brasilien, wo Sandoz im November das erste Copycat für den Kassenschlager Wegovy von Novo Nordisk auf den Markt bringt. Nur für Diabetes selbstredend, da laufen die Patente zuerst ab. Doch es spricht alles dafür, dass auch die Kopien ihren Weg zu denen finden, die ein paar Pfunde loswerden sollen, die Preise sind schon arg ins Rutschen gekommen. Als Nächstes ist Kanada dran, auch kein kleiner Markt für Zivilisationsleiden wie Diabetes und Übergewicht. Richtig ernst wirds dann, wenn ab Ende der 2020er-Jahre die Patente in Europa und in den USA ablaufen. «Ein Teil der Fantasie, die zurzeit im Titel steckt, kommt von GLP-1», sagt der Pharma-Analyst.

Klar ist: Viel Zeit zum Deutschlernen wird dem Konzernchef, der die Schweiz gerne zu seiner neuen Heimat machen möchte, bis auf Weiteres nicht bleiben. Zumal es ja auch noch gilt, die Regierungen davon zu überzeugen, dass Antibiotika, die Sandoz als einziges Unternehmen noch in Europa produziert, zur strategischen Infrastruktur gehören. Der Austausch dazu läuft, selbst die Nato ist interessiert.

«Gut Ding will Weile haben, ganz besonders in der Schweiz», lässt der Konzernchef der Handelszeitung dazu ausrichten, die deutsche Sprache werde mit dem Alter leider nicht einfacher. Doch das Vorhaben «Schweizer Bürger» bleibt. «Früher habe ich immer gesagt, ich würde nie einem Club beitreten, der mich als Mitglied aufnimmt, doch in diesem Fall mache ich wohl eine Ausnahme.» So viel Britishness muss sein, auch wenn man auf den roten Pass aspiriert.

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