Darum gehts
- Chinas Regierung warnt vor dem «Flachliegen»-Trend bei jungen Berufstätigen
- Ausländische Einflüsse sollen laut Behörden Wirtschaft und Jugend «vergiften»
- Chinas Wirtschaftswachstum 2026 nur auf 4,5 bis 5 Prozent prognostiziert
Die chinesischen Behörden schlagen Alarm: Junge Bürger verzichten immer häufiger auf den Karrierewettlauf und lange Arbeitszeiten. Das Ministerium für Staatssicherheit behauptet, dies sei das Ergebnis der Aktivitäten «anti-chinesischer Kräfte», die die Grundlagen des Wirtschaftswachstums untergraben wollen.
Demnach «vergiften» ausländische Einflüsse «die Köpfe der chinesischen Jugend», indem sie im Internet Haltungen propagieren, die als «flachliegen» bezeichnet werden – also den bewussten Verzicht auf intensive Arbeit und Karriere.
Chinas Wirtschaft stockt
In einer offiziellen Erklärung und einem begleitenden Video, das auf der Plattform WeChat veröffentlicht wurde, betont das Ministerium, dass solche Einstellungen zum Verlust von «Entwicklungsdividenden, strategischen Chancen und der Zukunft des Landes» führen. Das Ministerium fordert junge Chinesen dazu auf, ihren Ambitionen und Prinzipien treu zu bleiben, sich nicht vom «Lärm» ablenken zu lassen und «die beste Zeit ihres Lebens für ihre Entwicklung zu nutzen».
Die Warnung des Innenministeriums steht in Zusammenhang mit den wachsenden Sorgen der Behörden hinsichtlich der hohen Jugendarbeitslosigkeit und der zunehmenden Unzufriedenheit der Arbeitnehmer. In diesem Jahr hat China das niedrigste Wirtschaftswachstumsziel seit Jahrzehnten (mit Ausnahme der Corona-Pandemie) erzielt – geschätzt 4,5 bis 5 Prozent.
Obwohl die Aussichten in innovativen Sektoren wie künstlicher Intelligenz oder Robotik vielversprechend sind, belasten die langjährige Krise auf dem Immobilienmarkt und sinkende Gewinne die Stimmung in der Bevölkerung. Viele junge Chinesen kehren in ihre Heimatstädte zurück oder ziehen in günstigere Regionen, wo sie Teilzeitjobs annehmen oder ihre berufliche Tätigkeit ganz aufgeben.
Behörden wollen ausländische Propagandamaschinen aufgedeckt haben
«Als die chinesische Wirtschaft noch um etwa 10 Prozent pro Jahr wuchs, brachte die Arbeit unter Druck spürbare Vorteile. Das ist heute nicht mehr der Fall», sagt Steve Tsang, Direktor des SOAS China Institute in London. «Diejenigen, die sich für eine Auszeit entscheiden, fragen sich: ‹Wozu die ganze harte Arbeit?›»
Laut dem Ministerium für Staatssicherheit seien zahlreiche ausländische Organisationen identifiziert worden, die Medien, Denkfabriken und Influencer finanzieren, welche Narrative wie «Flachliegen ist Gerechtigkeit» oder «Kämpfen = Ausbeutung» verbreiten. Das Ministerium betont, dass «das Land blüht, wenn die Jugend blüht; das Land ist stark, wenn die Jugend stark ist». Es warnt zugleich, dass das «Flachliegen» zum Verlust von Zukunftschancen führe.
Ausländische Einflüsse werden zum bequemen Sündenbock
Laut Experten werden auf der Suche nach Schuldigen für den wirtschaftlichen Abschwung des Landes ausländische Einflüsse zu einem bequemen Sündenbock: «Die chinesische Wirtschaft schwächelt, und es ist politisch unmöglich für die Führung und die Medien, dies der Kommunistischen Partei Chinas anzulasten», so Tsang.
Katja Drinhausen vom Berliner Think Tank Merics stellt fest, dass die Haltung des «Flachliegens» zu einer realen Bedrohung für die Wirtschaft und die Sicherheit des Landes geworden ist. «Diese Haltung steht in völligem Widerspruch zur offiziellen Linie Pekings. Heutzutage kann man es sich nicht leisten, dass die Menschen die kollektive Pflicht zur Anstrengung in Frage stellen», fasst die Expertin zusammen.
Dieser Artikel erschien zuerst auf Business Insider Polska. Das polnische Branchenmagazin gehört wie Blick zum Ringier-Verlag.