Darum gehts
- China baut den 134 Kilometer langen Pinglu-Kanal bis Ende 2026
- Er spart jährlich 750 Millionen Dollar durch effizienteren Gütertransport
- Transportstrecke verkürzt sich um etwa 560 Kilometer, 27 Brücken geplant
Chinas Ziel ist klar, aber anspruchsvoll: Grosse Frachtschiffe sollen die Möglichkeit erhalten, ohne lange Umwege vom Landesinneren direkt an die Küste zu gelangen. Nach Angaben der chinesischen Behörden könnte die neue Schifffahrtsroute die bisherige Fahrstrecke um Hunderte von Kilometern verkürzen – und die Transportkosten senken. China träumt von einem Dominoeffekt von den Fabriken im Landesinneren bis zu den Häfen am Meer, der letztlich zu niedrigeren Preisen führt. Die Rede ist vom 134 Kilometer langen Pinglu-Kanal.
Das Projekt soll bis Ende 2026 fertiggestellt sein und dient als Test dafür, wie China den Ausbau von Mega-Infrastruktur mit dem Umweltschutz in Einklang bringt. Der Pinglu-Kanal beginnt im Südwesten Chinas, und zwar in der Region Naning in der Provinz Guangxi und folgt dem Qinjiang-Fluss in südlicher Richtung zum Beibu-Golf, auch bekannt als Golf von Tonkin. Sobald der Kanal in Betrieb ist, gibt er für das Hinterland eine direkte Verbindung zu den Küstenhäfen und dem Meer per Wasserweg.
Kanal soll Einsparungen von 750 Millionen Dollar bringen
Die lokalen Behörden betrachten den Kanal als Schlüsselkomponente des «New International Land-Sea Trade Corridor» – eines Netzwerks, das Westchina effizienter mit den Überseemärkten verbinden soll. Staatliche Medien beschreiben ihn als das erste grosse Kanalprojekt, das Flüsse und Meer seit der Gründung der Volksrepublik China verbinde.
Derzeit verläuft ein Grossteil des Flussgüterverkehrs der Region über längere Routen durch Guangdong, das traditionelle Tor zu den globalen Märkten. Der Pinglu-Kanal soll die Transportstrecke um etwa 560 Kilometer verkürzen und jährlich über 5,2 Milliarden Yuan an Logistikkosten einsparen – das sind rund 600 Millionen Franken. Diese Einsparungen sind nicht nur auf schnellere Transportzeiten zurückzuführen.
Denn dank des Kanals kann dasselbe Schiff künftig Güter zwischen chinesischen Flüssen und den Weltmeeren transportieren – mit weniger Umladungen, kürzeren Wartezeiten und geringerer Abhängigkeit vom Lastwagen-Transport. Der Kanal ist für Schiffe mit einer Kapazität von bis zu 5000 Tonnen ausgelegt und verfügt über drei grosse Schleusen. Diese fungieren als Wasseraufzüge, die Schiffe durch Befüllen oder Entleeren von Kammern anheben oder absenken – unerlässlich, um einen Höhenunterschied von etwa 65 Metern zu überwinden.
China richtet sich mehr nach Südostasien aus
Entlang der Strecke sind 27 neue oder umgebaute Brücken geplant – zusammen mit der Infrastruktur, die einen reibungslosen Strassen- und Schienenverkehr über den Kanal gewährleistet. Einer der wichtigsten Knotenpunkte, Madao, zeichnet sich durch seine sparsame Schleusentechnik aus. Das Anheben und Absenken von Schiffen kann enorme Wassermengen verbrauchen, wenn das Wasser nicht sorgfältig geleitet wird.
Der Zeitpunkt des Projekts ist von grosser Bedeutung. Im letzten Jahr stiegen die chinesischen Exporte nach Südostasien um 13,4 Prozent, während die Exporte in die Vereinigten Staaten laut Zolldaten um etwa 20 Prozent zurückgingen. Das spiegelt die Verlagerung hin zu den näher gelegenen asiatischen Märkten wider, was wiederum die wachsende Bedeutung der Küste am Beibu-Golf erklärt. Das dortige Hafensystem schlug 2025 über 10 Millionen Standardcontainer um und bestätigte damit seine zunehmende Rolle als Logistikdrehscheibe für Südwestchina.
Ungeklärte Fragen zum Umweltschutz
Der Bau des Kanals durch ein bestehendes Flussökosystem wirft Fragen auf – was passiert mit Fischen, Vögeln und anderen Wildtieren, wenn sich der Flusslauf verändert? Die Umweltbehörden von Guangxi geben an, dass das Projekt 36 Naturschutzgebiete umfassen soll, die alte Flussläufe und Lebensräume schützen, sowie spezielle Durchgänge, die es Tieren ermöglichen, sich zwischen den beiden Seiten des Kanals zu bewegen.
Eines der auffälligsten Merkmale ist eine 480 Meter lange Fischtreppe an der Qingnian-Schleuse, die mit Sensoren und Kameras zur Überwachung ausgestattet ist. Die Fischtreppe ist ein künstlicher Kanal, der es Fischen ermöglicht, Hindernisse wie Dämme zu umgehen und ihre Wanderung fortzusetzen.
Über die offiziellen Pläne hinaus untersuchen Forscher auch die ökologischen Auswirkungen des Kanals. Eine 2025 in der internationalen Fachzeitschrift «Land» veröffentlichte Studie warnt davor, dass solche Grossprojekte Lebensräume fragmentieren können, wenn Korridore und Renaturierungszonen nicht sorgfältig geplant werden, weshalb eine langfristige Überwachung nach Abschluss der Bauarbeiten unerlässlich ist.
Dieser Artikel erschien zuerst auf Blic. Die serbische Newsplattform gehört wie Blick zum Ringier-Verlag.