Darum gehts
Am Wochenende werden im Bob-Geburtsort St. Moritz GR Erinnerungen an glanzvolle Schweizer Zeiten im rasanten Schlittensport wach – fast wie früher, als die einst übermächtige Bob-Nation Titel um Titel einheimste, rast Melanie Hasler (27) zum denkwürdigen Doppel-EM-Coup. Die Aargauerin siegt am Samstag im Monobob und holt am Sonntag auch im Zweier EM-Gold.
Zwei Titel in zwei Tagen? So golden waren die Zeiten für den leidgeprüften Verband Swiss Sliding schon lange nicht mehr. Bei den Frauen ist Haslers St. Moritzer Wochenende sowieso historisch einmalig.
«Bob? Zuerst dachte ich, das sei ein Witz»
Hasler ist Doppel-Europameisterin – dabei wollte sie mal in einer ganz anderen Sportart um Medaillen kämpfen. Sie war ein grosses Volleyball-Talent. Als Hasler als Teenager das Sport-KV macht, spielt sie NLB in Steinhausen und in der Jugend-Nati, dazu parallel Beachvolleyball. «Ich war mitten in einem Beach-Training, als ich erstmals von der Bob-Idee erfuhr. Ich dachte, das sei ein Witz», sagte sie 2019 zu Blick.
Es ist in einem Trainer-Workshop, als ihr Volley-Trainer Haslers Sprungkraftwerte erwähnt. Ein Bob-Coach hört zu, es kommt zu einer Schnupperfahrt. Der Rest ist Geschichte. «Ich bin ein Adrenaljunkie», sagt sie. Bob und Volleyball parallel zu betreiben, gibt sie bald zugunsten des neuen Eiskanal-Abenteuers auf, ab 2020 fährt sie im Weltcup.
Auch privat hat Hasler ihr Glück im Eiskanal gefunden. Sie ist mit Michael Vogt (28), bei den Männern seit Jahren Teamleader, liiert. Näher gekommen ist sich das Sport-Traumpaar an den Olympischen Spielen in Peking, richtig zusammen sind seit Frühling 2022.
Vor allen Deutschen – das gibt Mut für Olympia
Nun kommt wieder Olympia. Und Hasler kann bei ihrer zweiten Teilnahme als Europameisterin sogar von den Medaillen träumen. Im Bob haben die EM-Titel ordentlich Gewicht, weil es bedeutet, dass man die ganze Armada der sonst dominanten Deutschen hinter sich liess. Vor allem im Zweierbob ist Haslers Sieg eine Sensation, denn dort spielt Deutschland im Gegensatz zur Monobob-Klasse mit den Einheitsschlitten seinen Materialvorteil sonst voll aus.
Im Engadin legt Hasler die Basis mit sackstarken Starts. Im Zweier hilft ihre Stammanschieberin Nadja Pasternack (29) kräftig mit. Der klar schnellsten Schweizer Anschieberin gehört ein erheblicher Teil der Goldmedaille. Pasternack machte 2023/24 Babypause, die Mama von Tochter Noélie (2) ist so schnell wie eh und je zurückgekehrt. Und, in Haslers Erfolgspuzzle auch irgendwo ein Faktor: Pasternack legte ihren Zoff von vergangener Saison mit dem Verband ad acta, es ging um die Unterbringung mit ihrer Tochter im Teamhotel. Pasternack vor der Saison zu Blick: «Ich habe die Situation akzeptiert. Ist Noélie dabei, nehme ich eine eigene Unterkunft.»
Hasler/Pasternack können vom Coup in Cortina träumen. Auch wenn bei den Winterspielen vier statt wie sonst zwei Läufe gefahren werden: Fährt die frühere Beacherin wie in St. Moritz ihrer früheren Inkonstanz zwischen den Läufen davon, ist mit ihr voll zu rechnen. Wer einmal die Deutschen schlägt, schlägt sie womöglich auch beim grössten Rennen der Saison.