Stricker über Absturz, Druck und den steinigen Weg zurück
«Jetzt weiss ich, wie taff diese Tenniswelt tatsächlich ist»

Dominic Stricker gewinnt so oft wie schon lange nicht mehr. Aber (noch) auf dem falschen Level und weiterhin ohne festen Coach. Das bringt ihn kaum vorwärts – und doch steht er heute «an einem ganz anderen Punkt im Leben».
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2023 verblüffte Dominic Stricker in New York alle mit seinem Traumlauf bei den US Open.
Foto: IMAGO/Avalon.red

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Marco PescioReporter Sport

Unvergessen, wie Dominic Stricker an den US Open – beim Stand von 5:2 im fünften Satz – den Whitney-Houston-Song «I Wanna Dance with Somebody» mitsang und dann den grossen Sieg gegen Stefanos Tsitsipas einfuhr. Jene kultigen Szenen und der Lauf von der Quali bis in den Achtelfinal haben sich heuer schon zum dritten Mal gejährt.

Seither hat der hochtalentierte Linkshänder vergebens versucht, an jene Saison anzuknüpfen, die er als Nummer 88 erstmals in den Top 100 der Welt abgeschlossen hatte. Langwierige Verletzungen, Formtiefs, Wirbel um angebliche Rücktrittsgedanken, die er prompt verneinte: Um den Berner war es zuletzt ruhiger geworden. Und wenn es mal laut wurde, dann wegen Veränderungen neben statt auf dem Platz.

Der Ranking-Absturz wiegt (bislang) zu schwer

Und heute? Da steht der Berner im ATP-Ranking auf Position 262. Er hat das Gefühl des regelmässigen Siegens zurückerlangt. Aber eben noch auf einer für seine Verhältnisse (zu) tiefen Stufe. Stricker gewann die kleinen ITF-Turniere in Trimbach und Saint-Dizier (Fr) und entschied zudem den Challenger-Event in Sion für sich. Dazu kamen einige Challenger-Läufe von der Quali bis in den Achtel- oder Viertelfinal. Kurz: Er spielt eine Saison, die sich vielleicht ein Neuankömmling im Profitennis wünschen würde.

Ein solcher ist Stricker aber schon lange nicht mehr. Er hat sich vom Absturz nach seinem Topjahr 2023 rankingmässig nie erholt. Allerdings gibts im Tennisuniversum auch genügend Beispiele für Spieler, die sich nach schwierigen Zeiten nicht zu schade waren, nochmals ganz unten anzufangen und das Feld neu aufzurollen. So gesehen, befindet sich Stricker am möglicherweise vielversprechendsten Punkt der letzten Jahre. Er sagt: «Mein Hauptziel in dieser Saison war, schmerzfrei durchzuspielen.» Er könne sagen, er fühle sich körperlich stabil – und das wiederum wirke sich auch aufs Tennis aus: «Der Titel in Sion hat mega gutgetan. Das hat mir bestätigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin.»

Seit der Trennung von Henri Laaksonen (34) im Sommer steht er noch immer ohne festen Trainer da. Er wird weiterhin von Verbandscoach Michael Lammer (44) betreut. Allerdings habe er zuletzt auch «nicht sehr aktiv gesucht», wie Stricker zugibt: «Ganz einfach, weil es bei Swiss Tennis gut funktioniert hat. Sie kennen mein Spiel seit Jahren. Und wir haben an den richtigen Dingen gearbeitet.» Woran genau? «In erster Linie daran, dass ich viel Spass am Tennis habe. Und dazu gehört auch mein vielseitiges Spiel. Einfach mal gamblen, ans Netz gehen, angreifen.»

«Die Leute erwarten viel von mir»

Stricker wirkt reifer, reflektierter. Den Erwartungsdruck von aussen, aber auch an sich selbst, sieht er mittlerweile aus verschiedenen Perspektiven. Auch weil er das gnadenlose Tennis-Haifischbecken nunmehr gut kennt: «Ich stehe jetzt an einem anderen Punkt im Leben. Als ich damals jung raufkam, war ich frech und unbekümmert. Jetzt weiss ich, wie taff diese Welt tatsächlich ist, wie viel es braucht, wie viele Sachen gut laufen müssen, damit die Resultate stimmen.»

Und weiter: «Der Druck ist da. Die Leute erwarten viel von mir. Aber gleichzeitig finde ich auch: Erstens ist es schön, dass sie es mir nach wie vor zutrauen, nach oben zu kommen. Und zweitens habe ich nun in diesem Jahr gemerkt: Wenn ich mein Ding jetzt durchziehe, kann ich die guten Spieler noch immer schlagen.»

Er hält fest: Als er Anfang Jahr bei ITF-Turnieren teilweise um einen oder zwei ATP-Ranglistenpunkte spielte, sei das durchaus «nicht einfach» gewesen (um es wohl noch gelinde auszudrücken). «Mittlerweile punkte ich bei den Challengers wieder anständiger», so Stricker, dessen Jahresziel die Top 220 sind, um wenigstens einen Platz in der Australian-Open-Quali im Januar zu erhaschen.

Viel Zeit bleibt hierfür aber nicht. Nach der Davis-Cup-Begegnung mit Brasilien ab Freitag, bei der es in Weltgruppe 1 um einen Qualifier-Platz im nächsten Jahr geht, sind es nur noch ein paar Wochen und Turniere bis Ende Oktober. Für jene Swiss-Indoors-Woche hofft er auf eine Basler Wildcard, ehe seine Saison ganz vorbei ist. Denn: Die Spitzensport-RS ruft.

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