Darum gehts
Schon weit vor Le Châble (VS) ist an diesem Donnerstagnachmittag klar: Hier nimmt das Wallis Abschied von einem seiner Grössten. Am Dorfeingang weisen Polizisten die Autos ein, das Bistro «Café de la Poste» bleibt geschlossen, Hunderte Menschen strömen schweigend Richtung Kirche. Vor dem Eingang laufen auf einer Leinwand Bilder aus Roland Collombins (†75) Karriere – von seinen waghalsigen Fahrten bis zu den grossen Siegen.
Rund 550 Menschen finden in der Kirche Platz, viele weitere verfolgen die Trauerfeier draussen vor einem Bildschirm. Unter den Trauergästen sind Ski-Legende Bernhard Russi (77), alt Bundesrat Adolf Ogi (83), Sion-Boss Christian Constantin (69), Skirennfahrer Justin Murisier (34), Ex-Nati-Star Reto Ziegler (40), Sion-Trainer Didier Tholot (61), Vertreter von Swiss-Ski sowie zahlreiche weitere Weggefährten, Freunde und Persönlichkeiten aus dem Wallis.
Kurz vor Beginn verändert sich die Stimmung. Bis dahin scheint die Sonne über dem Val de Bagnes, doch wenige Minuten vor 15 Uhr ziehen dunkle Wolken auf. Es beginnt, leicht zu tröpfeln. Fast, als würde auch der Himmel Abschied nehmen.
Ein letzter Blick auf den Vater
Punkt 15.05 Uhr beginnt die Trauerfeier mit Chorgesang. Ex-Abfahrer Philippe Roux (73) schreitet mit dem Kreuz vorneweg. Dahinter wird unter anderem von Justin Murisier der helle Holzsarg in die Kirche getragen. Geschmückt ist er mit weissen Blumen und einem grossen Bild Collombins. Daneben lehnen die Rossignol-Skier, die Sohn Pierre mitgebracht hat – als würden sie ihren Besitzer ein letztes Mal begleiten. In der Kirche riecht es nach Weihrauch. Weisse Orchideen schmücken den Kircheninnenraum. Immer wieder werden Taschentücher gezückt.
Besonders berührend ist der Moment, als Tochter Emmanuelle (39) Kerzen entzündet. Während der Feier wandert ihr Blick immer wieder zum Bild ihres Vaters, das nur wenige Meter vor ihr steht.
Ogi bringt die Kirche zum Schmunzeln
Nach dem Gottesdienst tritt Adolf Ogi ans Rednerpult und erfüllt den letzten Wunsch seines Freundes. Er erinnert an den Ausnahmeathleten, vor allem aber an den Menschen Roland Collombin. Mit Anekdoten aus ihrer jahrzehntelangen Freundschaft bringt er die Trauergäste trotz aller Schwere immer wieder zum Schmunzeln. «Wenn der Funke in seinen Augen aufblitzte, wusste man: Jetzt passiert etwas», sagt Ogi.
Zum Schluss richtet er Collombins letzte Botschaft an die Anwesenden aus: «Bleibt glücklich, anstatt in Trostlosigkeit zu versinken.»
Erinnerungen, die bleiben
Noch stiller wird es, als Tochter Emmanuelle vor die Gemeinde tritt. Sie spricht nicht über den Skistar, sondern über ihren Vater. Über gemeinsame Reisen, über ihre Familie und darüber, wie wertvoll die Erinnerungen heute geworden sind. «Heute weiss ich, dass wir gewonnen haben, weil diese Erinnerungen die wertvollsten geworden sind», sagt sie.
Während ihrer Worte wischt sich Mutter Sarah eine Träne aus dem Gesicht. Auch Christian Constantin und Sohn Pierre kämpfen sichtbar mit den Emotionen. Sarah lernte Roland einst kennen, nachdem er sie als Autostopperin auf seinem Motorrad mitnahm – aus dieser zufälligen Begegnung entstand ihre gemeinsame Geschichte.
«Er hatte immer dasselbe Lächeln»
Nach der Zeremonie bleiben viele Gäste noch lange vor der Kirche stehen, erzählen Geschichten und erinnern sich an den Mann, der das Wallis geprägt hat. Reto Ziegler wäre eigentlich mit der U21 des FC Sion im Training gewesen. Stattdessen begleitet er seine Frau Elodie, die gemeinsam mit Collombins Tochter Emmanuelle ein Pilates-Studio führt.
Konrad Hallenbarter (72), ehemaliger Langläufer, erinnert sich gegenüber Blick: «Wenn er kam, hatte er immer dasselbe Lächeln. Sehr, sehr sympathisch.» Und weiter: «Man konnte ihn nicht anbinden. Er war ein Freigeist.» Ob mit seinem Porsche oder später als Wirt im Restaurant La Streif in Martigny – Collombin blieb für viele einfach Roland. Bis zuletzt stand er dort selbst hinter dem Raclette-Ofen und begrüsste seine Gäste. Auch Bruno Würsch, der in jungen Jahren mit Collombin Ski fuhr, muss schmunzeln. «Wenn Roland mitfuhr, brauchtest du gar nicht erst zu versuchen, mitzuhalten», erzählt er Blick.
An diesem Nachmittag wird in Le Châble nicht nur Abschied von einem der grössten Schweizer Abfahrer genommen. Sondern von einem Walliser Original, das weit mehr war als seine Erfolge auf Schnee. Als die Menschen später zum von Collombin gewünschten Fest des Lebens weiterziehen, kehrt über dem Tal langsam wieder die Sonne zurück.