Die Ski-Karriere von Lara Gut-Behrami (35) ist vorbei. Das erklärt die Tessinerin in einem Abschiedsvideo auf Italienisch, das RSI vorliegt: «Ich hatte das Glück und die Ehre, eine sehr lange und intensive Karriere erleben zu dürfen, meine Träume und Wünsche durch meine Fahrten auszudrücken und diese Reise an der Seite aussergewöhnlicher Menschen zu bestreiten.»
Lange wurde darüber spekuliert, ob sie nach ihrer schweren Verletzung weitermacht oder nicht. Im November 2025 zog sie sich in der Saisonvorbereitung in einem Super-G-Training einen Kreuzband- und Innenbandriss im linken Knie zu. Vor der abgelaufenen Saison kündigte sie an, dass es ihre letzte sein würde. Aufgrund des Sturzes war dann aber lange unklar, ob sie nicht doch nochmals einen Winter dranhängen würde.
Anfang Mai, bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt nach der schweren Verletzung, war sie sich noch nicht sicher, ob sie ihre Karriere fortsetzen wird. Head-Rennchef Rainer Salzgeber liess Anfang Juli verlauten, dass sich Gut-Behrami Ende Juli auf die Piste begeben und dann einen Entscheid fällen wollte: «Sie muss jetzt einfach einmal auf den Schnee gehen, um zu wissen, ob vom Knie her alles so ist, wie sie es sich vorstellt.» Offenbar war dies nicht der Fall, zu einem Comeback kommt es nicht.
Erstes Weltcup-Podest in St. Moritz ist unvergessen
«Trotz fast zwanzig Jahren Spitzensport, trotz Stürzen und Verletzungen habe ich keine anhaltenden Schmerzen – und ich möchte auch keine haben», sagt die 35-Jährige weiter. «Und auch deshalb weiss ich, dass jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen ist, nicht mehr darauf zu bestehen, um jeden Preis Grenzen erreichen oder überschreiten zu wollen.» Sie dankt vielen Wegbegleitern, vor allem ihren Eltern Pauli und Gabriella, ihrem Bruder Ian und ihrem Ehemann Valon Behrami.
Im zarten Alter von 16 Jahren debütierte Gut-Behrami am 28. Dezember 2007 im Weltcup und wird beim Riesenslalom in Lienz 43. nach dem ersten Lauf. Den ersten Podestplatz gibts gut einen Monat später in St. Moritz, als sie in der Abfahrt völlig überraschend auf Platz 3 fährt und damit erstmals überhaupt Weltcuppunkte sammelte. Unvergessen ist die Szene, wie sie mit nur einem Ski am Fuss ins Ziel stürzt. In ihrem Rücktrittsvideo erinnert sie sich an den Tag: «Bei der Siegerehrung am Abend war es ein Wirbelwind aus Emotionen, Ungläubigkeit, unbändiger Freude, gepaart mit einem Hauch von Orientierungslosigkeit. Ich war glücklich und unbeschwert.»
Nur vier Athletinnen gewannen öfters
Am 20. Dezember 2008 feiert sie dann den ersten Weltcup-Sieg – wieder in St. Moritz, allerdings im Super-G. Sie lässt 47 weitere Weltcup-Siege folgen und ist hinter Vreni Schneider (52 Siege) auf Platz 2 in der Liste der erfolgreichsten Schweizerinnen. International haben neben Schneider nur noch drei weitere Frauen öfters gewonnen: Mikaela Shiffrin (110), Lindsey Vonn (85) und Annemarie Moser-Pröll (62). Gut-Behrami holte zweimal die grosse Kristallkugel für den Gesamtweltcup (2016 und 2024), sechsmal die Super-G-Kugel und in der Saison 2023/24 gewann sie den Riesenslalom-Weltcup.
An den Olympischen Spielen in Peking gewann sie Gold im Super-G und Bronze im Riesenslalom. Acht Jahre zuvor gabs zudem Bronze in der Abfahrt. An Weltmeisterschaften räumte die Frau aus dem Südtessin so richtig ab. Neben ihren beiden Goldmedaillen 2021 in Cortina d'Ampezzo im Super-G und im Riesenslalom fuhr sie viermal zu Silber und dreimal zu Bronze.
Kinderwunsch jetzt an erster Stelle?
Privat hat Gut-Behrami ihr Glück mit dem ehemaligen Fussball-Nationalspieler Valon Behrami (41, 83 Länderspiele) gefunden. Am 18. März 2018 machte sie die Beziehung öffentlich. Nur gerade vier Monate später, am 11. Juli, heiratete das Paar in der gemeinsamen Heimat Lugano. «Wir haben uns für eine sehr intime Feier im engsten Familienkreis entschieden», sagte sei damals zu Blick.
Und sie hegt einen grossen Familienwunsch. Vor dem Weltcup-Start in Sölden im letzten Oktober sagte sie, dass sie gerne bald Kinder haben wolle. Denn: «Ich hoffe, meine Leidenschaft für den Skisport an unsere Kinder weitergeben zu können.» In ihrer Danksagung richtet sie sich an ihren Mann: «Unsere beiden Familien, von den Kleinsten bis zu den Grosseltern, sind uns eine ständige Stütze und unser Rückzugsort.»
Sie schliesst ihre emotionale Rücktrittsbotschaft mit den Worten: «Ich glaube, dass es im Leben für alles eine Zeit gibt, und jetzt weiss ich, dass es nicht mehr meine Zeit ist, eine Startnummer anzulegen und an Rennen teilzunehmen. Ich freue mich darauf, Ski zu fahren, und bin glücklich so, wie es ist.»