Blick-Reporter Germann blickt auf Gisins besondere Karriere zurück
Mensch, Michelle!

Michelle Gisin beendet mit 32 Jahren ihre Karriere. Eine Seriensiegerin war die Engelbergerin nicht, aber sie hat ihren Platz in den Ski-Geschichtsbüchern – und ausserhalb von ihnen.
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Michelle Gisin gibt mit 32 Jahren ihren Rücktritt vom Profi-Skisport bekannt. Blick schaut auf eine besondere Karriere zurück.
Foto: Pius Koller

Darum gehts

  • Michelle Gisin beendet mit 32 Jahren ihre Karriere
  • Sie holte Olympia-Gold in der Kombi und fuhr in fünf Disziplinen aufs Podest
  • Gisin sprach offen über Gefühle und Tabuthemen
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Mathias GermannReporter Sport

Sie fuhr und fuhr und fuhr. Ihr erstes Weltcuprennen bestritt Michelle Gisin (32) kurz vor Silvester 2012 in Semmering. Ein Slalom. Ihr letztes Training fuhr sie kurz vor Weihnachten 2025 in St. Moritz. Vor einer Abfahrt. Nun ist Schluss. Gisin hört auf. Die schweren Verletzungen nach ihrem Sturz sind noch nicht verheilt. Eine Rückkehr auf ihr altes Niveau ist nicht realistisch.

Mit 32 Jahren verabschiedet sich die Engelbergerin vom Skirennsport. Sie hätte sich einen anderen Abschied gewünscht, vielleicht mit einer WM-Medaille in Crans-Montana. Doch sie weiss, wie viel Glück sie bei ihrem fatalen Unfall im Unglück hatte. Die Brüche an der Halswirbelsäule hätten ihr Leben für immer verändern können. Wenige Zentimeter weiter oben, unten oder seitlich – Gisin wäre gelähmt gewesen und hätte nie mehr Ski fahren können.

An der WM 2017 ging ihr Stern auf

Gisin bewahrte sich stets die Freude am Sport. Zeiten, Rangierungen und Erfolge waren ihr wichtig, aber nicht das Wichtigste. Sie liebte das Leben als Ski-Profi: eine abgesperrte Piste, sie und der Schnee, das Spiel mit den Elementen. Das war ihr Lebenselixier. Solche Pisten wird sie künftig nur noch selten erleben. Alles andere kann sie weiterhin geniessen. Das ist mehr als ein Trost.

Ich lernte Gisin an der WM 2017 in St. Moritz kennen. Sie fuhr, wie sie sprach: frisch, fröhlich, unbekümmert. Sie gewann Silber in der Kombination, hinter Wendy Holdener. Ihr erster grosser Erfolg. «Dass wir das alles teilen können, macht alles noch spezieller», sagte sie. Typisch Gisin: Sie dachte nie nur an sich, sondern immer auch an die anderen. Das Team war ihr heilig.

Sie litt mit ihrer Schwester und ihrem Bruder

In den folgenden Jahren wurde sie für viele junge Athletinnen zur wichtigen Bezugsperson. Sie hatte ein offenes Ohr, ein tröstendes Wort und eine Umarmung parat. Einmal schrieb ich nach einem Rennen von einem Schweizer Debakel. Beim nächsten lief es deutlich besser. Danach kam Gisin im Zielraum zu mir und sagte lächelnd: «Wir sind wohl doch nicht so schlecht, oder?»

Gisins soziale Ader kam nicht von ungefähr. Als sich ihre ältere Schwester Dominique zum ersten Mal das Kreuzband riss, war Michelle fünf Jahre alt. Der Leidensweg der Abfahrts-Olympiasiegerin von 2014 prägte sie. «Es ist ein Wunder, dass Michelle überhaupt Skirennfahrerin werden wollte», sagte Dominique einmal zu mir.

Als ihr Bruder Marc 2018 in Gröden fürchterlich stürzte und ein Schädel-Hirn-Trauma erlitt, verlor Michelle jede Energie. Sie sagte es ihm nicht, sondern buk ihre berühmten Spitzbuben. Marc freute sich im Spital darüber. Mit dem Plüschpanther, den sie ihm mitbrachte, wusste er nichts anzufangen. «Was soll ich damit?», fragte er. Michelle schmunzelte: «So ist er halt.»

Gisin hörte nicht auf die Bitte ihrer Mama

Die Gisins sind eine eingeschworene, skiverrückte Familie. Für Mutter Bea war das nicht einfach. Als Michelle die Speed-Disziplinen entdeckte, flehte sie: «Bleib doch beim Slalom.» Michelle erfüllte ihr den Wunsch nicht. Immerhin versprach Dominique, damals längst zurückgetreten, auf ihre Schwester aufzupassen. Sie begleitete Michelle und erklärte ihr die Tücken der Abfahrtsstrecken.

Gisin bestritt 291 Weltcuprennen, dazu 17 WM- und 9 Olympia-Rennen. Ihre grössten Erfolge waren die Kombinations-Olympiasiege 2018 und 2022. Besonders stolz war sie darauf, in allen fünf Disziplinen im Weltcup aufs Podest gefahren zu sein. Das hatte vor ihr zuletzt Vreni Schneider geschafft.

Die Kritik an ihrem Markenwechsel störte sie

Mit dem Makel, im Weltcup nur zweimal gewonnen zu haben, konnte Gisin leben. Wichtiger war ihr, lange alle Disziplinen zu fahren. Kürzlich fragte ich sie: «Michelle, hättest du nicht viel mehr Siege geholt, wenn du dich spezialisiert hättest?» Ihre Antwort: «Vielleicht fuhr ich nur deshalb so lange vorne mit, weil ich es nicht getan habe. Ich zog aus jeder Disziplin Energie für die nächste.»

Gisin liebte ihren Beruf. Das spürte man in fast jedem Gespräch. Ihre Augen funkelten, die Sätze sprudelten heraus. Was anfangs erfrischend wirkte, empfanden manche mit der Zeit als anstrengend. Besonders die negativen Reaktionen auf ihren Wechsel von Rossignol zu Salomon setzten ihr zu. Sie verlor das Vertrauen in einige Journalisten und wurde wortkarger.

An der WM 2017 ging ihr Stern auf

Trotzdem bleibt Gisin für ihre Offenheit in Erinnerung. Sie zeigte ihre Gefühle und sprach Themen an, die im Spitzensport oft zu kurz kommen. Sie erklärte, wie die Monatsblutung die Leistung beeinflussen kann, engagierte sich für den Erhalt der Gletscher und kritisierte die Kommunikation von Swiss-Ski bei Olympia 2022 in Peking. Auch über ihre Angst in der Abfahrt sprach sie offen: «Ich sehe mich vor dem geistigen Auge oft stürzen. Das hatte ich schon immer.»

Ebenso unverstellt blieb sie bei schönen Geschichten. Nach ihrer Hochzeit im letzten Sommer mit Italiens Ski-Profi Luca De Aliprandini (36, It) sagte sie: «Vielleicht färbe ich das Hochzeitskleid ein. Und lasse es kürzen. Dann hätte ich ein Sommerkleid und eine coole Erinnerung.»

Gisin blickte über den Ski-Tellerrand hinaus

Nun ist alles vorbei. Angst, dass Gisin in ein Loch fallen könnte, muss man kaum haben. Ein Studium in Luzern hat sie bereits begonnen.

Sie blickte schon immer über den Ski-Tellerrand hinaus. Mutter Bea kann jedenfalls aufatmen. Die Kerze, die sie bei jedem Rennen ihrer drei Kinder vor dem Fernseher anzündete, braucht sie nicht mehr.

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