«Hier vergesse ich alles»
Bei Lorlido tankt Ski-Star Rast Kraft

Keine Zeiten, keine Punkte, keine Eile: Slalom-Weltmeisterin und Olympia-Silbergewinnerin Camille Rast erholt sich am liebsten bei ihrem Pferd.
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«Er ist lieb, braucht aber auch viel Liebe.» Seit drei Jahren reitet Camille regelmässig.
Foto: Nicolas Righetti

Darum gehts

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Mathias Germann
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Hundertstel, Zwischenzeiten, Platzierungen, Punkte, Ranglisten. Zahlen über Zahlen. Sechs Monate lang. Daran wird Camille Rast (27) gemessen. Das ist nicht immer einfach. Doch jetzt ist Zwischensaison. Die Slalom-Weltmeisterin ist in ihrem kleinen Paradies: im Centre équestre du Cudret, oberhalb des Neuenburgersees. Auf 657 Metern über Meer schwebt sie auf Wolke sieben. Die Zahlen sind weit weg.

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Blick+ Nutzer haben exklusiv Zugriff im Rahmen ihres Abonnements. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.

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Der Grund dafür steht neben ihr: Lorlido. Rasts Pferd. «Ich fühle mich wirklich megagut, wenn ich bei ihm bin. Dann vergesse ich alles: den Skisport und die Schufterei im Kraftraum.» Rast streichelt den Wallach, küsst ihn, redet mit ihm. «Bei Lorlido drücke ich den Pausenknopf. Dann ist der Alltag ganz weit weg.» Jetzt wollen die beiden in den Wald. Wie lange Rast insgesamt im Stall bleibt? Sie lacht. «Manchmal denke ich, in zwei Stunden bin ich wieder weg. Mit Vorbereiten, Ausreiten, Versorgen und einfach Zeit-im-Stall-Verbringen werden daraus schnell vier.»

Die Walliserin Camille Rast verbringt ihre skifreie Zeit gerne mit Pferd Lorlido. Tiere gehörten schon immer zu ihrem Leben.
Foto: Nicolas Righetti

Noch muss Lorlido vorbereitet werden. Rast bürstet seine Hufe, legt das Halfter an und sattelt ihn. Eine halbe Stunde dauert das. «Kein Problem, ich habe Zeit.» Ein Satz, der während der Saison selten fällt. Hier schon. Dann ein Knall. Lorlido schlägt gegen das Gatter. «Manchmal wird er eifersüchtig. Er ist sehr lieb, braucht aber auch viel Liebe.» Die bekommt er. Lorlido interessiert sich nicht für Weltcup-Punkte, Hundertstel oder Podestplätze. «Lorlido ist es völlig egal, ob ich in einem Rennen Zwanzigste oder Erste geworden bin. Spannender ist es für ihn, ob ich ihm nach einem Ausritt Äpfel und Rüebli gebe.»

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Abschalten im Sommer:Camille Rast entspannt auf ihrem Pferd

Wichtiger Kontakt zu Tieren

Seit drei Jahren reitet Rast regelmässig. «Lorlido mag alles. Einfach nicht zu viel. Es ist wirklich super, ich kann alles mit ihm machen.» Tiere gehörten immer zu Rasts Leben. Ihre Hündin Gina war lange eine wichtige Begleiterin. Vor zwei Jahren starb sie. Kurz darauf begann Rast wieder zu reiten. «Ich glaube, ich brauche den Kontakt mit Tieren. Egal, ob Hund oder Pferd.»

Die Skirennfahrerin entspannt auf dem Hof. «Manchmal werden aus zwei Stunden plötzlich vier.»
Foto: Nicolas Righetti

Rast erinnert sich an Ferien in der Camargue und lange Ritte am Strand. Auch im Westen der USA staunte sie über Cowboys und Pferde. «Dort ist alles viel weiter als in der Schweiz. Du kannst einfach losgaloppieren. Hier ist das nicht ganz so einfach.» Heute muss sie nicht weit galoppieren. Ein paar Minuten reichen, und der Wald beginnt.

Doch die wertvolle Zeit mit Lorlido ist nur eine kurze Pause. Rast trainiert hart. Im Oktober geht die Saison wieder los.

Hartnäckige Verletzung

Nach erfolgreichen drei Trainingswochen mit Swiss-Ski in Ushuaia (Arg) im September ist auch Rasts Hüfte auf dem Weg der Genesung.

Im Februar 2025 stürzte die Skirennfahrerin bei einem Slalom kurz vor dem Ziel. Kein Knochen war gebrochen, kein Band gerissen. Trotzdem blieb die Verletzung hartnäckig: ein Morel-Lavallée-Syndrom. Dabei löst sich die Haut vom darunterliegenden Gewebe, Flüssigkeit sammelt sich im Körper. «Ein Teil des Körpers klebte nach dem Aufprall am Schnee, der andere rutschte weiter», erklärt Konditionstrainer Florian Lorimier. Eineinhalb Jahre später ist die Verletzung nicht vergessen. «Ich hatte gehofft, keine Schmerzen mehr zu haben», sagt Rast. Doch so ist es nicht. «Sobald eine neue Belastung da ist, tut es weh. Dann stabilisiert sich alles. Bis wir etwas anderes machen. Dann fängt es wieder von vorne an.»

Entmutigen lässt sie sich nicht. Im vergangenen Winter gewann Rast trotz der Verletzung zwei Rennen, stand sechsmal zusätzlich auf dem Podest und holte Olympia-Silber.

Starke Familie: Camille Rast mit ihren Eltern Marlène und Philippe nach ihrem Slalom-Gold 2025. Ihr Vater war Schweizer Meister im Motocross, ihre Mutter Leichtathletin.
Foto: PASCAL MORA

Schon sind sie wieder da, die Zahlen. Doch heute spielen sie keine Rolle. Lorlido ist gesattelt. Rast führt ihn aus dem Stall, raus aus der Sonne und in Richtung Wald. Sie steigt auf. 69 Kilogramm auf 650 Kilogramm. Und doch wirken die beiden, als gehörten sie zusammen.

Lorlido folgt ihren Bewegungen. «Er ist wirklich ein unglaublich liebes Pferd. Und noch schöner ist er, wenn er die Ohren nach vorne richtet. Dann merkt man, dass er aufmerksam und mit uns verbunden ist. Bei solchen Fotos sagen alle: Wow, was für ein schönes Pferd!», sagt Rast und lacht.

Jetzt darf Lorlido los. Mit Rast auf dem Rücken verschwindet er hinter den Bäumen. Kein Zeitplan, keine Zwischenzeit, keine Deadline. Niemand misst die Sekunden. Wann die beiden zurückkommen, weiss auch Rast nicht. Genau so mag sie es. Keine Agenda. Keine Eile. Nur Wald, Pferd und sie. Ganz ohne Uhr. Ganz ohne Druck.

Im Wald kann Camille Rast abschalten. Hier gibt es keine Eile. Nur Wald, Pferd und sie.
Foto: Nicolas Righetti

Einfach Camille

Nur allzu nah am Hof darf sie nicht vorbeireiten. Dann erinnert Lorlido sie an etwas anderes als Freiheit im Wald: ans Essen. «Wenn wir zu nahe am Hof vorbeikommen, lässt er mich spüren: Darf ich langsam essen gehen?»

Irgendwann werden die beiden zurück sein. Und Lorlido bekommt sein Futter und seine Belohnung. Danach wird geputzt und geduscht. «Dann ist er ganz sauber. Allerdings legt er sich manchmal hin und ist gleich wieder schmutzig. So fängt alles von vorne an.» Hier, bei ihrem Pferd, muss nichts perfekt sein. Hier darf ein Pferd schmutzig werden. Hier darf eine Weltmeisterin einfach Camille sein.Und vielleicht ist das ihr eigentlicher Kraftort: ein Ort, an dem niemand wissen will, wie schnell sie war. Schon gar nicht Lorlido.

Kraftvoll unterwegs: Pferdestärken liebt die Skirennfahrerin auch an ihrer Ducati Hypermotard V2.
Foto: Nicolas Righetti
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