Die besten Theoriebücher werden immer erst nach den Ereignissen geschrieben. Marco Odermatt hätte, so die aufkommenden Besserwissergedanken, eben die Speed-Events am Finale auslassen sollen.
Hätte wie Lucas Pinheiro Braathen Energie sparen und einige Riesenschwünge mehr trainieren sollen, dann hätte er die zwei Fehler im 1. Lauf nicht gemacht.
Wirklich? Es ist zwar legitim im Ski-Spitzensport, gespickt mit enormem Energieaufwand, mit Weltreisen und Wetterkapriolen, mit Unsicherheiten, Renn- und Start-Verschiebungen und mit grossen Risiken über mögliche Energiesparmassnahmen nachzudenken. Je nach Situation vielleicht sogar zwingend notwendig.
Diese Welle zeigte, dass auch Odermatt kein Übermensch ist
Aber das hätte nichts geändert. Odermatt ist nicht nur ein ehrgeiziger Skirennfahrer. Er ist in erster Linie leidenschaftlicher Skifahrer. Er liebt die Herausforderung, das Fliegen auf abgesperrten Pisten, die Grenzerfahrung und die Perfektion am Limit.
«Odi» ist kein Rechenschieber-Typ, kein «Abehöseler», der die Minimalpunktzahl sammelt, um die Kugel zu holen.
Er wollte der Beste sein. Er wollte es sich selbst beweisen. So ist er auch gefahren, schneller als alle anderen. Bis zu dieser Welle, die ihm zeigte, dass auch Marco Odermatt kein Übermensch ist, dass die physikalischen Gesetze ab und zu stärker sind als der Kopf, der Mut und die Überzeugung.
Der Doppelfehler, der schliesslich zum Ausscheiden geführt hat, zeigt aber auch, dass er die Situation richtig eingeschätzt hat. Die Konkurrenz im Nacken, Braathen und Meillard in Höchstform und Odermatt eben kein «Abehöseler».
Natürlich: Er hätte den ersten Fehler akzeptieren können, 1,5 Sekunden Rückstand mitnehmen und im zweiten Lauf mit guter Nummer die notwendigen Punkte einheimsen können.
Aber: Dann wäre er nicht unser «Odi», der beste Skifahrer der Gegenwart und auch der nahen Zukunft. Ich hoffe, auch weiter mit dem Riesenslalom.