«Ich hatte als Kind nie grosse Erwartungen an mich»
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Blanc nach Super-G-Sieg:«Ich hatte als Kind nie grosse Erwartungen an mich»

30 Tage nach Brand-Katastrophe! Walliser Ski-Ass Blanc (22) gewinnt in Crans-Montana
«Bin so stolz, konnte ich den Leuten das schenken»

Malorie Blanc (22) gewinnt erstmals im Weltcup. Daheim in Crans-Montana. Die ausgelassene Feier lässt die Tragödie vom 1. Januar für einen Moment vergessen.
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Malorie Blanc hatte als kleines Mädchen nie den Traum, Rennen zu gewinnen. Nun hat sie es trotzdem getan. Mit 22 Jahren und erstmals im Weltcup.
Foto: Privat

Darum gehts

  • Malorie Blanc gewinnt den Super-G in Crans-Montana
  • Der Sieg kommt 30 Tage nach der Brandkatastrophe mit 40 Todesopfern
  • Blanc wurde 2024 Junioren-Weltmeisterin und 2025 Zweite in St. Anton
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Mathias GermannReporter Sport

Um 13.12 Uhr ist es so weit: Der Schweizer Psalm ertönt für Malorie Blanc. Erstmals überhaupt im Weltcup. Die 22-Jährige sorgt nach ihrem Premieren-Sieg für Tausende strahlende Gesichter. Sie gewinnt völlig überraschend den Super-G. Jubel, Zufriedenheit, Erleichterung. Ausgerechnet hier, in Crans-Montana VS. Ein Jahr vor der Heim-WM. Vor allem aber: 30 Tage nach der Brandkatastrophe, die den Walliser Ski-Ort in einen Nebel der Traurigkeit gehüllt hat. «Als die Hymne erklang, war alles so schön, leise. Ich habe die Emotionen der Leute gespürt. Ich bin so stolz, dass ich ihnen das schenken konnte.»

Blanc wuchs in Ayent, 20 Autominuten entfernt, auf. Sie kannte die Bar Le Constellation, wo die 40 Menschen starben und viele mehr verletzt wurden. «Ich war nie drinnen, aber Kollegen von mir schon», sagte sie Anfang Januar zu Blick. Von ihrem Familien- und Freundeskreis sei niemand betroffen. «Ich denke ganz fest an die betroffenen Leute und gebe auch für sie mein Bestes.»

Es ist nicht nur für die Schweiz ein schöner Tag. Lindsey Vonn (41, USA), die am Vortag schwer gestürzt ist, schreibt auf Instagram: «Was für eine grossartige Geschichte. Die Schweiz gewinnt nach einer solchen Tragödie. Das fühlt sich gut an.» Und Sofia Goggia (32, It), die als Zweite auf dem Podest steht, meint: «Es war nicht einfach, hierherzukommen. Danke an alle, die gekommen sind.»

Es wäre falsch, Blancs Sieg ausschliesslich mit der Brandkatastrophe in Verbindung zu bringen. Dafür ist ihre Leistung zu stark. Nach den Rängen 29 und 30 in Tarvisio (It) fährt sie wie verwandelt. Locker, angriffig, mutig. «Perfekt war es nicht. Mir sind Fehler unterlaufen. Aber ich habe gedacht, ich müsse einfach weiterfahren.»

Das gelingt vorzüglich. In den ersten vier Sektoren ist Blanc nirgends die Schnellste (3., 8., 12., 14.). In den Gleitpassagen drückt sie die Kanten noch zu fest in den Schnee – ihre Schwäche. In Sektor 5, dem steilen Zielhang, ist sie die Beste. Das überrascht nicht. Er ist extrem drehend und Blanc eine hervorragende Technikerin. Gut möglich, dass sie in einigen Jahren auch im Riesenslalom antreten wird – Experten sind von ihren Leistungen im Training beeindruckt.

Blanc war nie ein Supertalent

Blanc profitiert davon, dass viele Favoritinnen patzen. Und Vonn nicht dabei ist. Ihr Fehler ist das nicht. Sie nutzt die Gunst der Stunde. Der Druck des Heimrennens lähmt nicht. Die Fans geben viel eher Energie. «Nach der Absage des zweiten Trainings am Freitag habe ich ein Glas Weisswein getrunken. Und als ich am Morgen aufgewacht bin, sah ich die schöne Walliser Sonne und den Schnee. Da dachte ich: Heute könnte etwas passieren. Umso schöner, dass es geklappt hat. Ich hätte mir keinen besseren Ort für meinen ersten Sieg wünschen können.»

In solchen Momenten wird oft vom Kindheitstraum, der in Erfüllung geht, gesprochen. Bei Blanc ist das anders. Sie hatte weder als Kind noch als Jugendliche die Vision, Rennen zu gewinnen. Sie fuhr vor allem wegen ihrer Freunde im Skiclub und nicht, weil sie gewinnen wollte. Mit acht Jahren, beim ersten Ski-Trainingslager in Zermatt VS, wollte sie nur etwas: sofort nach Hause. «Meine Eltern waren am Arbeiten, konnten mich nicht abholen. Rückblickend bin ich froh darüber.» Als Supertalent galt Blanc auch danach nicht, sie schaffte es nur knapp ins Swiss-Ski-Kader. 

In Crans-Montana riss sie sich das Kreuzband

2024 ging ihr Stern dann doch noch auf – sie wurde Junioren-Weltmeisterin im Super-G. Kurz darauf riss sie sich – in Crans-Montana – im Europacup das Kreuzband. «Das habe ich schon fast vergessen», sagt sie lachend. Es folgte der kometenhafte Aufstieg im Weltcup. Zweites Rennen, erster Podestplatz – im Januar 2025 wurde sie in St. Anton (Ö) Zweite in der Abfahrt. 

Blanc mag Kunst, Musik und schaut im TV gerne Natur-Dokus. Vor allem aber mag sie Menschen. «Ich werde mit meinen Liebsten etwas feiern. Am Abend werde ich dann wohl Muskelkater haben vom vielen Lachen. Und dann freue ich mich auf mein Bett.» Und was will sie bei Olympia in Cortina (It) zeigen? «Mein Bestes geben und Freude haben – so wie heute.»

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