Samuel Giger hebt die Arme, schreit seine Freude heraus und wird von seinen Nordostschweizer Kollegen auf die Schultern gehoben. In diesem Moment fällt alles von ihm ab: die dreimonatige Verletzungspause, die Zweifel an seiner Schulter und die Diskussionen um sein Leben als Profi. Der Thurgauer kehrt beim wichtigsten Schwingfest des Jahres zurück – und gewinnt es in überlegener Manier.
Was Giger in Kilchberg zeigt, ist weit mehr als ein gelungenes Comeback. Seit dem Luzerner Kantonalen Ende Mai hat der 28-Jährige keinen Ernstkampf mehr bestritten. Während seine Konkurrenten Woche für Woche im Sägemehl stehen, muss er seine Schulter schonen und sich Schritt für Schritt zurückkämpfen.
Erst in den letzten Wochen kann Giger im Sägemehl wieder voll angreifen. Dafür tut er es mit aller Konsequenz. Sein Athletiktrainer Goran Cvetkovic schwärmt nach dem Sieg: «Sämi hat in den letzten drei Monaten so krass trainiert wie noch nie.»
Der Schlüssel zum Erfolg
Wie bereit Giger ist, demonstriert er bereits im ersten Gang. Zum Auftakt bezwingt er Matthias Aeschbacher, danach Sinisha Lüscher. Selbst die Niederlage im dritten Gang gegen Michael Ledermann bringt ihn nicht aus dem Tritt. Wo andere nach einer so langen Pause ins Grübeln geraten könnten, bleibt der Thurgauer ruhig.
Er antwortet mit zwei Siegen und macht im Schlussgang gegen Marcel Bieri nach rund zwei Minuten dank einem Kurz alles klar. Dass ihn der Rückschlag gegen Ledermann nicht aus der Bahn wirft, ist kein Zufall.
Giger arbeitet nicht nur an seinem Körper, sondern auch an seiner mentalen Verfassung. «Sämi ist nie in die Falle getappt, an einem Kampf zu viel herumzustudieren. Wir nahmen Gang für Gang. Die Energie im Moment zu haben und nicht davor oder danach. Das war der Schlüssel zum Erfolg», erzählt Hypnotiseur Adrian Brüngger, der Giger genauso durch den Tag begleitete wie Athletiktrainer Cvetkovic.
Eine innige Umarmung nach dem Festsieg
Obwohl die dreimonatige Pause faktisch ein Nachteil war, wollte das Giger-Team davon überhaupt nichts wissen. «Wir haben den Fokus auf das Positive gelegt.» Giger war erholt und startete für einmal nicht als Topfavorit. «Es war wahrscheinlich das erste Mal in seiner ganzen Karriere, dass er aus dem Windschatten in ein Fest gehen konnte.»
Wie dankbar Giger seinen beiden engsten Teammitgliedern ist, zeigt sich wenige Minuten nach dem Festsieg. Vor der Garderobe umarmt er sie innig. «Das Lachen. Genau wegen dem mache ich das alles hier», sagt Brüngger. Monatelang hatte sich Giger unter der Aufsicht von Cvetkovic bei Zone4Performance in Winterthur gequält. Nun fällt die ganze Anspannung ab.
Schon wieder triumphiert einer seiner Athleten
Für Cvetkovic gehen damit verrückte Wochen weiter. Ende August gewann sein Athlet Steve Guerdat den WM-Titel, nun triumphiert Giger am Kilchberger. Auch bei ihm hat der Handballcoach von Pfadi Winterthur an entscheidenden Details gefeilt. «Wir haben in diesem Jahr speziell auf den Kurz-Zug geschaut und versucht, diesen noch explosiver zu machen.»
Das ist ihnen gelungen. Giger katapultiert Moser raketenartig in die Luft und legte ihn danach auf den Rücken. Das erinnerte an die dominantesten Zeiten des Thurgauers. Auch seine letzten beiden Kämpfe entscheidet Giger mit dem Kurz für sich. Seine gefährlichste Waffe ist zurück.
Er machte es wie einst Stucki
Damit hat es Giger auch all jenen gezeigt, die ihn für sein Dasein als Vollprofi heftig kritisiert haben. Denn auch dank dieser Entscheidung konnte er so viel Zeit in seine Reha investieren. Giger liess sich weder von den Kommentaren noch von den Fragezeichen hinter seiner Form ablenken. Die Antwort gibt er dort, wo sie im Schwingen am meisten zählt: im Sägemehl.
Gerade deshalb ist dieser Sieg so eindrücklich. Wie einst Christian Stucki bei seinem Königstitel in Zug 2019 tritt Giger ohne Wettkampfpraxis an, gewinnt fünf seiner sechs Gänge und hält dem Druck stand. Vor 10'000 Zuschauern auf dem Stockengut wirkt er von Anfang an wie der Mann, den es zu schlagen gilt.
In einer Reihe mit Karl Meli
Mit seinem Triumph schreibt Giger zudem Geschichte. Nach seinem Co-Sieg von 2021 gewinnt er auch die nächste Austragung. Vor ihm hatte einzig Karl Meli 1967 und 1973 zwei Kilchberger Feste in Folge gewonnen.
Für Giger ist es nach dem Kilchberger 2021 und dem Unspunnen-Schwinget 2023 der dritte Sieg an einem Fest mit eidgenössischem Charakter. Vor allem aber ist es der Lohn für drei Monate, in denen er richtig hart arbeiten musste.