Darum gehts
- Armon Orlik blickt auf sein erstes Jahr als Schwingerkönig zurück
- Er überlegt, nach der Saison einen Mentaltrainer zu engagieren
- 2019 war er Vollprofi – für ihn kein Modell für die Zukunft
«Hier kaufe ich jeden zweiten Tag mein Brot», sagt Armon Orlik (31), als er die Bäckerei Räber in Jona SG betritt. Genau ein Jahr ist es her, als aus dem Stammkunden ein Schwingerkönig wurde. Am 31. August 2025 krönte Orlik in Mollis GL seine Karriere. Seither hat er erlebt, dass die Krone nicht nur schöne Seiten mit sich bringt.
Blick: Herr Orlik, vertrauen Sie wieder auf Ihren Zaubertrank?
Armon Orlik: (Lacht) Ja. Aber ich trinke nicht mehr so viel wie vor dem ESAF.
Damals haben Sie literweise Randensaft konsumiert.
Dreimal am Tag trank ich ein kleines Glas. Randensaft hilft bei der Produktion roter Blutkörperchen. Das steigert letztlich die Ausdauer. Es tut aber vor allem dem Kopf gut, wenn man weiss, dass man noch leistungsfähiger ist.
Gönnen Sie sich als Schwingerkönig mittlerweile eigentlich einen Döner? Vor dem Titel war das für Sie während der Saison noch ein No-Go.
Ich bin diesbezüglich etwas lockerer geworden. Das widerspiegelt sich auch in meinem Privatleben. Vorher war ich so geradlinig unterwegs, dass es kein Links und kein Rechts gab. Das hat sich verändert.
Inwiefern?
Vor einem Jahr suchte ich jeden Tag das perfekte Erholungsprogramm. Heute gehe ich auch einmal mit meiner Freundin auswärts essen oder am Wochenende mit Kollegen grillieren. Das tut mir gut und ist mir wichtig. Etwas möchte ich aber klarstellen.
Bitte.
Ich bin deshalb nicht weniger akribisch. Die Woche vor einem Schwingfest ist weiterhin durchgetaktet. Das war schon immer so und wird sich auch nicht ändern. Bei mir muss alles perfekt zusammenpassen, sonst wird es schwierig. Ich bin halt kein Christian Stucki.
Wie meinen Sie das?
Er konnte mit seinen 140 Kilo viele Gegner dank seiner gewaltigen Kraft bezwingen. Dafür fehlen mir die körperlichen Voraussetzungen. Wenn ich nicht in absoluter Topform bin, muss ich gegen viele Konkurrenten hart arbeiten. Dann können die Gänge auch schon einmal fünf, sechs Minuten dauern.
Das war in dieser Saison ein paar Mal der Fall.
Stimmt. Aber ich kann schliesslich nicht eine ganze Saison lang in Topform sein. Mein Aufbau ist klar auf den Kilchberger Schwinget ausgerichtet.
Wie gehen Sie mit der Kritik um, die dann schnell aufkommt?
Ich schaue und lese nicht immer alles. Das hilft sicher. Mit gewissen Dingen und damit, wie sie gesagt werden, bin ich nicht einverstanden. Teilweise ist es überspitzt und zielt an der Realität vorbei.
Beschäftigt Sie das?
Klar, das macht etwas mit einem. Ich bin mir das inzwischen aber gewohnt und versuche, es auszublenden.
Gelingt Ihnen das immer?
Nein. Das ist auch typabhängig. Wenn ich beispielsweise dafür kritisiert würde, einem Gegner die Hand nicht geschüttelt zu haben, wie das bei Werner Schlegel der Fall war, würde das bei mir viel mehr auslösen als bei ihm. Werner kann damit anders und besser umgehen. Das bewundere ich.
Wie erging es Ihnen mit dem zusätzlichen Druck, der als Schwingerkönig auf Ihnen lastet?
Das war teilweise schwierig. Lassen Sie es mich so erklären: Vor dem ESAF wusste ich dank meiner Erfahrung, was auf mich zukommen würde. Ich war wie in den Jahren zuvor mein eigener Mentaltrainer. Das funktionierte sehr gut. Deshalb habe ich auch in diesem Jahr auf externe Hilfe verzichtet.
Die richtige Entscheidung?
Das bezweifle ich mittlerweile. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob es für mich der beste Weg ist, alles allein zu bewältigen. Ich brauche wohl professionelle Hilfe. Als Schwingerkönig bin ich in Situationen geraten, die ich so vorher nicht kannte.
Der Grossvater von Armon Orlik flüchtete im Zweiten Weltkrieg als 18-Jähriger von Schlesien in die Schweiz. Hier verliebte er sich in eine Bündnerin. Im grössten Kanton der Schweiz wuchs Orlik mit drei Brüdern auf. Als Kind machte der Radsport-Fan gerne Judo, ehe er den Nationalsport für sich entdeckte. Mit 29 Kranzfestsiegen gehört er zu den erfolgreichsten Schwingern des Landes. Im vergangenen Herbst krönte er seine Karriere mit dem Königstitel. Heute lebt Orlik in Rapperswil SG und ist mit der Grünen-Politikerin Magdalena Erni liiert.
Der Grossvater von Armon Orlik flüchtete im Zweiten Weltkrieg als 18-Jähriger von Schlesien in die Schweiz. Hier verliebte er sich in eine Bündnerin. Im grössten Kanton der Schweiz wuchs Orlik mit drei Brüdern auf. Als Kind machte der Radsport-Fan gerne Judo, ehe er den Nationalsport für sich entdeckte. Mit 29 Kranzfestsiegen gehört er zu den erfolgreichsten Schwingern des Landes. Im vergangenen Herbst krönte er seine Karriere mit dem Königstitel. Heute lebt Orlik in Rapperswil SG und ist mit der Grünen-Politikerin Magdalena Erni liiert.
Welche?
Der Druck vor den Schwingfesten ist noch einmal viel grösser. Den meisten Druck mache ich mir wohl selbst. Damit umzugehen, ist nicht einfach.
Werden Sie sich einen Mentaltrainer suchen?
Das entscheide ich erst nach der Saison. Dann habe ich die nötige Ruhe, um mir darüber Gedanken zu machen und alles zu analysieren. Ich muss herausfinden, wo das Problem genau lag. Und wie ich das am besten lösen kann.
Kopfzerbrechen dürfte Ihnen auch Ihr Auftritt im Wankdorf bereitet haben.
Da ging tatsächlich einiges schief. Alle drei Niederlagen in dieser Saison kassierte ich an diesem Tag. Das beweist, dass nichts zusammengepasst hat. Angefangen bei der Vorbereitung.
Was lief schief?
Zwei, drei Tage vor dem Fest bekam ich plötzlich Verdauungsprobleme. So etwas hatte ich noch nie. Natürlich war das alles andere als ideal. Gerade weil ich eine perfekte Vorbereitung brauche, um voller Selbstvertrauen antreten zu können.
Warum haben Sie das bisher nie erzählt?
Weil ich nicht nach Ausreden suchen will. Deshalb fällt es mir auch jetzt schwer, darüber zu sprechen.
Wie stark beeinträchtigten Sie die Probleme am Wettkampftag?
Ich glaube nicht, dass es der entscheidende Grund für die Niederlagen war. Mir sind Fehler unterlaufen. Vielleicht war ich teilweise etwas zu ungeduldig. Meine Gegner haben das aber auch gut gemacht und eiskalt ausgenutzt.
Fabian Staudenmann gewann damals im Wankdorf. Ist er auch am Kilchberger der Top-Favorit?
Für mich definitiv. Fabian ist der konstanteste und beste Schwinger in diesem Jahr.
Noch vor Werner Schlegel?
Ja. Ich durfte gegen beide bereits mehrfach kämpfen. Deshalb weiss ich wohl am besten, wer momentan der Stärkste ist. Fabian ist noch ein Ticken besser.
Was macht den Unterschied?
Er macht kaum Fehler und kommt praktisch nie in eine brenzlige Situation. Das ist sehr beeindruckend. Etwas fasziniert mich an ihm aber ganz besonders.
Erzählen Sie.
Ich staune, dass er nie den Hunger verliert. Und frage mich, wie er das macht. Denn es ist extrem schwierig, fünf Kranzfeste hintereinander zu gewinnen. Immer wieder auf dem höchsten Level zu performen, kostet körperlich und mental unheimlich viel Energie.
Sie sprechen aus Erfahrung.
Genau. In den Jahren 2016 und 2019 durfte ich das ebenfalls erleben. Da musste ich aber gewaltig aufpassen, dass ich nicht zu viele Wettkämpfe bestreite und dieser Hunger nicht abhandenkommt.
Ihre bisher einzige Kilchberger-Teilnahme liegt elf Jahre zurück. Was ist Ihnen von 2014 geblieben?
Ich habe einfach geschwungen, riskiert und hatte Freude. Ich verspürte null Druck, ein bestimmtes Resultat abliefern zu müssen. Und wir als Nordostschweizer gehörten damals nicht zu den ganz grossen Favoriten. An Details kann ich mich aber nicht mehr erinnern. Kürzlich sah ich auf Instagram Drohnenaufnahmen vom Gelände und fragte mich, wo eigentlich die Garderoben sind. Da merkte ich, wie lange das her ist (lacht).
Diesmal reisen Sie als Schwingerkönig an. Was trauen Sie den Nordostschweizern zu?
Sehr viel. Wir streben den Festsieg an. Ich möchte mit meiner Leistung dazu beitragen, dass wir als NOS am Ende ganz zuoberst stehen. Ich fühle mich auf jeden Fall topfit und bin bereit.
Wieder bereit sein dürfte auch Samuel Giger. Er hat sich mittlerweile als Vollprofi geoutet. Wie beurteilen Sie das?
Wir haben letztes Jahr einmal darüber gesprochen, wie viel er noch arbeitet. Damals sagte Sämi, dass er noch zwei volle Tage als Lastwagenchauffeur im Einsatz ist. Halbe Tage waren in seinem Beruf kaum möglich. Deshalb hat mich dieser Schritt nicht überrascht.
Trauen Sie ihm dadurch noch einmal einen Leistungssprung zu?
Absolut. Ich würde ihm das auch gönnen. Ich schätze Sämi als Teamkollegen sehr. Für mich ist er wie Fabian ein grosser Champion. Wenn es wirklich zählt, kann er seine beste Leistung abrufen.
Wann werden Sie Vollprofi?
Das wird bei mir nicht vorkommen.
Warum?
Ich brauche die Ablenkung. Deshalb arbeite ich weiterhin jeden Morgen als Holzbauingenieur. Sonst habe ich zu viel Zeit, um mir Gedanken zu machen, was mir wieder irgendwo wehtut. Die vier Stunden am Bürotisch sind eine willkommene Abwechslung zum Sport.
Haben Sie schon einmal noch weniger gearbeitet?
Ja, das war 2019. Damals studierte ich und machte im Sommer kein Praktikum. Während der Semesterferien war ich deshalb quasi Vollprofi. Ausser dem Schwingen hatte ich nichts.
Ihr Fazit?
Das passte mir überhaupt nicht. Ich kann ja nicht acht Stunden am Tag trainieren. Und mit der «toten» Zeit zwischen den Einheiten wusste ich nicht viel anzufangen. Meine Gedanken kreisten zu stark nur ums Schwingen. Das Profi-Leben ist in anderen Sportarten womöglich etwas angenehmer.
Wie meinen Sie das?
Wir haben nicht wie Eishockeyaner oder Fussballer viele Teamkollegen, die denselben Trainingsplan haben. Dort kannst du am Nachmittag einmal gemeinsam Golf spielen oder sonst etwas unternehmen. Als Schwinger bist du viel mehr auf dich allein gestellt.