Darum gehts
Spätestens seit dem Schlussgang-Einzug auf dem Weissenstein ist sich die Schwingerszene einig: Sinisha Lüscher (20) hat den nächsten Schritt gemacht. Der Eidgenosse gewann in dieser Saison bereits das Solothurner Kantonale und das Basellandschaftliche. Der Bankkaufmann wirkt stärker denn je. Hinter diesem Leistungssprung steckt ein klarer Plan.
Auf dem Weg zu einem möglichst professionellen Umfeld zündete Lüscher im Winter die nächste Stufe und holte sich Unterstützung aus dem Ausland. Dank der Zusammenarbeit mit dem Kantonsspital Aarau gehört neu die Österreicherin Katja Fredriksson zu seinem Team.
Freude an der Schweizer Arbeitsweise
Obwohl sie vom Schwingen keine Ahnung hat, ist ihr der Kampfsport nicht fremd. Als Kind stand sie selbst auf der Judomatte und feierte regionale Erfolge. Am meisten interessierte sie sich aber für den menschlichen Körper. «In der Schule faszinierten mich Biologie und Chemie», erzählt Fredriksson.
Nach ihrer Zeit beim Jugendrotkreuz entschied sie sich für ein Medizinstudium. Ursprünglich kam sie nur für ein Praktikum in die Schweiz. Dieses gefiel ihr jedoch so gut, dass sie blieb. «Man übernimmt auch als Studentin früh Verantwortung und wird ernst genommen», sagt sie.
Am Kantonsspital Aarau spezialisierte sie sich in der Folge auf Stoffwechsel- und Hormonfragen. Zudem bildete sie sich im Ernährungsbereich weiter. Der Kontakt zu Lüscher entstand über Fredrikssons Vorgesetzten am Kantonsspital. «Im Bereich Ernährung waren wir noch nicht optimal aufgestellt», erklärt Lüscher, weshalb er sich dort gezielt verstärken wollte.
Protein-Fazit ist positiv
An ihrer ersten gemeinsamen Sitzung gab sie dem Schwinger gleich einen Auftrag mit. Lüscher muss eine Woche lang alles fotografieren, was er zu sich nimmt. «Ich wollte mir einen Überblick über seine Essgewohnheiten verschaffen.»
Fredriksson wertete die Bilder aus und erkannte schnell erste Muster. «Er hatte eine gute Basis, vieles lief aber nach Bauchgefühl», sagt sie. Drei Punkte stachen dabei besonders heraus: «Die Ernährung war etwas zu fettlastig, Gemüse kam zu kurz, und auch beim Frühstück gab es noch Luft nach oben.»
Positiv fiel auf, dass Lüscher seinen Proteinbedarf bereits deckte. Bei seinem Körperbau bedeutet das eine tägliche Zufuhr von über 200 Gramm Protein. «Dass er diesen Wert erfüllte, ist sehr gut», bilanziert Fredriksson.
Langeweile beim Essen
Nach der ersten Analyse wollte die Spezialistin nicht gleich alles verändern. Viel wichtiger war ihr, gezielt zu optimieren. Dafür bezog Fredriksson auch die Mutter von Lüscher mit ein. Schliesslich bereitet Petra ihrem Sohn fast jede Mahlzeit zu. «Das ist eines meiner Hobbys», erklärt diese schmunzelnd.
Dabei schaut sie immer genau darauf, dass neben einer anständigen Portion Fleisch auch ein Gemüse auf dem Teller Platz findet. Dank der Inputs von Fredriksson hat sich das Einkaufsverhalten der Lüschers leicht verändert. «Ich schaue noch bewusster auf die Qualität des Fleisches, dass es beispielsweise aus der Schweiz stammt», so der mehrfache Kranzfestsieger.
Gleichzeitig setzt Lüscher vermehrt auf einfache, unverarbeitete Lebensmittel wie beispielsweise Kartoffeln oder Reis. «Teilweise ist das etwas langweilig, wenn man das drei- oder viermal pro Woche isst. Aber es hilft mir, besser zu werden, und deshalb ziehe ich es durch.»
Testphase mit neuem Getränk
Lüscher schätzt Fredrikssons Blick von aussen. «Es hilft, wenn jemand etwas sagt, der nicht mein Trainer oder meine Mutter ist», meint er schmunzelnd. Dass Lüscher sich körperlich auf einem sehr guten Weg befindet, bewiesen seine Leistungstests kurz vor dem Saisonstart. Trainer Jürg Monhart frohlockte danach: «Sinisha ist so stark wie noch nie.»
Damit er seine Power auch im Wettkampf optimal abrufen kann, wurde an der Verpflegung während des Festes gefeilt. Bisher fehlte es an schnell verfügbarer Energie. «Er hatte zwar Elektrolyte im Getränk, aber zu wenig Zucker und auch zu wenig Natrium», erklärt Fredriksson.
Aktuell testen sie ein Getränk, das all das beinhaltet. Da Lüscher während der Schwingfeste nichts isst, ist die flüssige Verpflegung umso wichtiger. «Das kann den Unterschied machen», ist Fredriksson überzeugt. Aktuell setzen sie sich regelmässig zusammen, um zu besprechen, was funktioniert und was nicht.
Der gefährliche Aussenseiter
Nach den ersten paar Monaten zieht Lüscher ein positives Fazit. «Ich fühle mich sehr gut, was mir zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.» Auch Fredriksson ist zufrieden und lobt ihren Schützling: «Sinisha ist extrem fokussiert. Wenn man etwas abmacht, wird das genau so umgesetzt.»
Nun gilt es, die körperlichen Verbesserungen im Sägemehl weiterhin gewinnbringend einzusetzen. Die nächste Chance dazu bietet sich Lüscher beim Saisonhighlight. Am Kilchberger Schwinget schlüpft er in die Rolle des gefährlichen Aussenseiters.