Darum gehts
- Schwinger Samir Leuppi kämpft sich nach drei Operationen zurück
- Im Januar 2026 rekonstruierten Ärzte die Schulter mit Leuppis eigenem Gewebe
- Belastungstest in den kommenden Tagen entscheidet über Zukunft
Samir Leuppi (33) sitzt dem Arzt gegenüber. Dann fällt der Satz, den niemand hören will. «Ich kann dir nicht garantieren, dass wir das noch hinbekommen», sagt der Spezialist zum Eidgenossen.
Seine Schulter ist bereits zweimal erfolglos operiert worden. Weil seit dem Unfall viel Zeit vergangen ist, könnten sich Sehnen und Muskeln bereits zu weit zurückgezogen haben. Vielleicht brauche es sogar eine Spendersehne.
Für Leuppi bricht in diesem Moment eine Welt zusammen. «Ich hatte Angst, als IV-Rentner zu enden», sagt er heute. «Mit einer kaputten Schulter hätte ich meinen Beruf als Polizist vermutlich nicht mehr in dieser Form ausüben können oder hätte künftig gar gewisse Einschränkungen gehabt, was die körperliche Leistungsfähigkeit betrifft.»
Ein Eidgenosse überzeugte ihn
Plötzlich rückte der Schwingsport ganz weit weg. Dabei war es einmal mehr seine grösste Leidenschaft, die ihn zu einer Pause zwang. Zum verhängnisvollen Unfall kam es am Eidgenössischen Schwingfest im letzten Herbst. Im sechsten Gang verletzte sich Leuppi an der Schulter.
Weil er weiterhin Chancen auf den Kranz besass, biss er auf die Zähne. Dabei spielte Eidgenosse Roger Rychen eine entscheidende Rolle. «Wenn du jetzt aufhörst, findest du nie heraus, ob es gegangen wäre», sagte dieser zu ihm.
Auch seine Partnerin bestärkte ihn. Der Verbandsarzt gab grünes Licht. Während andere Schwinger über Mittag ruhten, liess sich Leuppi die Schulter tapen, aktivierte die Muskulatur mit Gummibändern und nahm Schmerzmittel.
Operation brachte nichts
Doch im siebten Gang war endgültig Schluss. «Beim Abstützen hatte ich keine Kraft mehr im Arm.» Im Anschluss unterstützte Leuppi seine Teamkollegen. «Nach der Rangverkündigung, als ich vor dem Gabentempel warten musste, kamen die Emotionen dann hoch.»
Der Winterthurer hatte einen Verdacht. Am Tag danach folgte die Untersuchung. «Ich sagte dem Arzt, dass ich das Gefühl habe, mein Brustmuskel sei gerissen.»
Die Spezialisten kamen zu einem anderen Schluss. Sie diagnostizierten eine Verletzung an der Bizepssehne und operierten diese. Doch Leuppi spürte schnell, dass etwas nicht stimmte. «Nach der Operation fühlte es sich genau gleich schlecht an wie vorher.»
Gedanken an das Karriereende
Weitere Untersuchungen gaben ihm schliesslich recht. Tatsächlich war auch ein Teil des Brustmuskels abgerissen. Es folgte die zweite Operation, bei der man den Muskelschaden beheben wollte. Doch auch dieser Eingriff blieb erfolglos.
Erst in der Schulthess-Klinik in Zürich erfuhr Leuppi, weshalb. «Der Spezialist sagte mir, so wie die Schulter momentan aussieht, kann der Muskel gar nicht richtig zusammenwachsen.» Zwischen Oktober und Januar musste Leuppi insgesamt dreimal unters Messer.
Mit jeder Operation wuchs die Unsicherheit. Gedanken wie dieser plagten ihn: «Ich bin noch nicht fertig mit dem Sport. Aber vielleicht ist der Sport fertig mit mir.» Der Rücktritt wurde schleichend zum Thema.
Wochenlang trug er den Arm in einer Schlinge. Kaum durfte er ihn wieder etwas belasten, folgte die nächste Hiobsbotschaft. Noch eine Operation. Wieder mehrere Wochen Stillstand.
Muskelkater nach kleinster Anstrengung
«Ich fühlte mich nutzlos und als zusätzliche Last.» Seine Partnerin musste fast alles allein erledigen. Ein Lachen ins Gesicht zauberte ihm jeweils sein mittlerweile einjähriger Sohn. Dass Leuppi mehr Zeit mit seinem Nachwuchs und seiner Familie verbringen durfte, nennt er heute als einen der wenigen positiven Punkte dieser schwierigen Monate.
Sein Alltag bestand aus Physiotherapie und dem Versuch, im Haushalt zu helfen. «Ich begann bereits um 10 Uhr morgens zu kochen, damit am Mittag etwas auf dem Tisch stand.» Die fehlende Bewegung setzte seinem Körper zu. «Nach zweimal hin- und herlaufen im Ausfallschritt hatte er Muskelkater», witzelt sein Coach Sam Boehringer, der in dieser Zeit eine wichtige Bezugsperson für Leuppi war.
Wichtiger Test steht kurz bevor
Im Januar gelang der Eingriff endlich. Entgegen aller Befürchtungen konnten die Ärzte die Schulter mit seinem eigenen Gewebe rekonstruieren. «Ich hatte brutales Glück.» Heute geht es Schritt für Schritt vorwärts.
Als Leuppi nach der letzten Operation wieder mit Krafttraining im Klub der Sportfreunde in Zürich beginnen durfte, stemmte er zunächst nur kleinste Gewichte. «Ich habe mit circa 4 Kilogramm Bankdrücken begonnen. Jedes Kilo, das ich mehr drücken kann, gibt mir Zuversicht», sagt er. Langsam kehrt die Kraft zurück.
In den kommenden Tagen muss Leuppi einen Belastungstest absolvieren. Hält seine Schulter, darf er wieder voll trainieren. Damit lebt auch die Hoffnung auf den Kilchberger Schwinget Anfang September weiter. Nach drei Operationen, monatelangen Schmerzen und der Angst, als IV-Rentner zu enden, wäre aber schon die Rückkehr ins Sägemehl ein riesiger Erfolg.