Darum gehts
Fabian Staudenmann (26) reisst die Arme hoch. Die Zuschauer toben. Soeben ist ihm der grösste Erfolg seiner Schwingkarriere gelungen. Nur Staudenmann selbst hat das noch nicht realisiert. Wenig später zieht Damian Ott (26) nach. Noch bevor der Schlussgang beginnt, stehen bereits zwei Festsieger fest.
Im finalen Kampf des Tages bodigt Samuel Giger (28) Schwingerkönig Kilian Wenger (36). Es ist das spektakuläre Ende eines denkwürdigen Kilchbergers mit drei Siegern. Fünf Jahre sind seit der letzten Austragung vergangen. Bei Staudenmann und Ott sind die Erinnerungen an diesen aussergewöhnlichen Tag noch immer präsent.
Fünf Schwinger waren Schlussgang-Kandidaten
Der Berner muss schmunzeln, wenn er daran zurückdenkt. Dabei war ihm am Mittag noch nicht wirklich zum Lachen zumute. Nach dem Auftaktsieg gegen Domenic Schneider stellte Staudenmann zweimal. «Den Festsieg hatte ich in diesem Moment abgeschrieben.» Anders als heute war Staudenmann damals nicht als Topfavorit an den eidgenössischen Anlass angereist.
Der Druck war dementsprechend kleiner, die Erwartungen ebenfalls. Am Nachmittag gewann er seine nächsten beiden Kämpfe und fand sich plötzlich wieder mitten im Rennen um den Festsieg. «Ich war überrascht, als ich nach fünf Gängen auf die Rangliste blickte und sah, dass ich an der Spitze lag.»
Gleich fünf Schwinger waren punktgleich vorne. Die Einteilung entschied sich für ein Schlussgang-Duell zwischen Giger und Wenger. Staudenmann durfte aber nach wie vor vom Festsieg träumen. Wenn er seinen letzten Kampf gegen Samir Leuppi mit der Maximalnote gewinnt, ist Staudenmann Kilchberger-Sieger.
Eine wichtige Frage des Vaters
Ihm sei diese Ausgangslage durchaus bewusst gewesen. «Doch als der Kampf lief, dachte ich gar nicht mehr daran. Ich wollte ihn einfach nur bezwingen.» Das gelang. Während seine Kollegen über den Festsieg jubelten, freute sich Staudenmann «nur» über den gewonnenen Kampf. «Mir war zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst, dass ich Kilchberger-Sieger bin.»
Erst als sein Vater ihn fragte, ob die Kampfrichter tatsächlich die Maximalnote geschrieben hätten, dämmerte es Staudenmann. Der Berner erkundigte sich und sah, wie sein Betreuer strahlend nickte. «Da realisierte ich, dass ich den Kilchberger gewonnen hatte. Das war ein unglaublich schöner Moment.»
Ott realisierte sofort, was geschehen war
Einer hatte die Bedeutung dieses Sieges dagegen sofort verstanden. Ott verfolgte den Siegeswurf von Staudenmann vom Platzrand aus. «Ich wusste, dass er nun Kilchberger-Sieger ist. Ich wollte es ihm gleichtun.» Der Toggenburger stapfte ins Sägemehl und griff mit Bernhard Kämpf zusammen.
Auch er brauchte die Maximalnote, um sich Co-Festsieger nennen zu dürfen. «Das war eine schwierige Aufgabe. Zum Glück fiel er irgendwie platt auf den Rücken.» Im Gegensatz zu Staudenmann wusste er sofort, was das bedeutete. «Die Freude über den Festsieg war riesig.»
Am Abend durften sie zu dritt ins Zelt einlaufen. «Das werde ich nie mehr vergessen.» Für Ott war dieser Erfolg die Krönung einer ohnehin starken Saison. Zuvor hatte er bereits am Schwarzsee und auf dem Weissenstein triumphiert. Was der Kilchberger-Sieg auslöste, übertraf dennoch alles.
Viel Trubel nach grossem Erfolg
In seinem Heimatdorf wurde Ott mit einem grossen Empfang gefeiert. Auf seinem Handy häuften sich die Nachrichten. «Es war der Wahnsinn. Ich weiss nicht, ob ich bis heute allen zurückgeschrieben habe», meint er lachend.
Der Erfolg des nur alle sechs Jahre stattfindenden Grossanlasses katapultierte ihn in neue Sphären. «Dieser Sieg hat mein Leben verändert. Plötzlich wollten viel mehr Leute etwas von mir.» Ott wurde häufiger erkannt, die Medien interessierten sich stärker für ihn.
Was auf der einen Seite «spannend» und «cool» war, wurde teilweise aber auch zur Belastung. «Ich lernte die Schattenseiten des Sports kennen. Einige Leute gönnten mir den Erfolg nicht und verhielten sich alles andere als sportlich. Das war schade.» Meistens erhielt Ott aber positive Reaktionen.
Ein Andenken bei den Grosseltern
Nicht nur der gelernte Zimmermann wurde in seiner Heimat gefeiert. Auch Staudenmann erhielt einen Empfang. Die Gemeinde Guggisberg stellte eine Bühne auf und zahlreiche Kollegen aus dem Berner Team kamen vorbei. «Das war ein schönes Fest», erzählt Staudenmann.
Ein Andenken an diesen aussergewöhnlichen Tag steht noch heute im Restaurant Sternen seiner Grosseltern. Dort wird die kleine Treichel aufbewahrt, die Staudenmann neben dem Lebendpreis für seinen Kilchberger-Sieg erhielt. Gegen eine weitere Feier hätten weder Staudenmann noch Ott etwas einzuwenden.
Jetzt ist er der Topfavorit
Fünf Jahre später kehren sie als gestandene Spitzenschwinger nach Kilchberg zurück. Beide zählen zum Kreis der Mitfavoriten. Staudenmann reist nach seinen drei Bergfestsiegen sogar als meistgenannter Siegesanwärter an.
Die Ausgangslage hat sich verändert. Gut möglich, dass Staudenmann diesmal im Schlussgang um den Festsieg kämpft. Gelingt ihm dort der Siegeswurf, dürfte eines anders sein als vor fünf Jahren. Diesmal wüsste er sofort, dass er gerade den Kilchberger gewonnen hat.