Darum gehts
Diesen Sonntagmorgen im Aarauer Schachen. Während ein paar Jogger im Leichtathletikstadion einsam ihre Runden drehen, sitzt Michelle Heimberg auf den Betonstufen und spricht offen über ihr Gefühlschaos.
Die 26-jährige Wasserspringerin hat schwierige und emotionale Tage hinter sich. Eine Woche vor der Abreise an die EM in Paris erlitt sie eine Fehlgeburt. Trotzdem entschied sie sich für eine Teilnahme. Nachdem sie dort vom Ein-Meter-Brett Silber gewonnen hatte, machte sie ihren Schicksalsschlag öffentlich.
Blick: Frau Heimberg, wie geht es Ihnen heute?
Michelle Heimberg: Den Umständen entsprechend okay. Es ist ein Auf und Ab. Mal fühle ich mich ganz gut, mal fliessen die Tränen.
Wie war der Moment, als Sie vor ein paar Monaten realisierten: «Ich bin schwanger»?
Ich hatte immer zwei grosse Ziele im Leben: eine Olympia-Teilnahme und Kinder. Als der Schwangerschaftstest positiv ausfiel, haben mein Freund und ich uns mega gefreut. Und natürlich fing in dem Moment auch das Kopfkino an.
Wie meinen Sie das?
Es ist ja bekannt, dass bei einer Schwangerschaft in den ersten drei Monaten vieles schiefgehen kann. Trotzdem macht man sich bereits seine Gedanken. Wie könnte das Kind heissen? Wie wird mein Leben aussehen? Wie bringe ich Familie und Spitzensport unter einen Hut?
Was waren Ihre Antworten darauf?
Mir war klar, dass ein Kind nicht das Karriereende bedeuten muss. Schliesslich gibt es in der Schweiz mittlerweile tolle Vorbilder, Belinda Bencic, Mujinga Kambundji, Sarah Atcho-Jaquier.
Heute spricht die zweifache Europameisterin von einer «rosaroten Phase», in der sie sich befunden hat. Für sie war klar, dass sie ihr grosses Ziel, die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles, als Mami in Angriff nehmen wird.
Doch leider kommen Fehlgeburten weit häufiger vor, als viele denken. Experten sprechen von 10 bis 20 Prozent aller Schwangerschaften, die so traurig enden. Eine Woche vor der EM hatte Heimberg bei der Frauenärztin ihre Drei-Monats-Kontrolle.
Was passierte dort?
Auf dem Ultraschallbild sah man, dass das Baby keinen Herzschlag mehr hatte und nicht mehr lebte.
Wie ging es Ihnen in diesem Moment?
Zuerst war eine grosse Leere in mir, es war unglaublich schmerzhaft und ein Schock. Unsere Vorfreude auf das Kind war riesig. Doch von der einen auf die andere Sekunde war alles anders. Zum Glück habe ich ein gutes privates Umfeld, das mich sehr unterstützt und mir beisteht. Ich realisierte schnell, dass ich meine Emotionen zulassen muss. Unterdrücke ich sie, kommen sie irgendwann in einer Welle auf mich zu und überrollen mich.
Einen Tag später lagen Sie schon im Operationssaal, weil Ihr totes Baby ausgeschabt werden musste.
Es klingt vielleicht brutal, aber das war nun mal der nächste notwendige Schritt. Den braucht es, dass der Körper wieder heilen kann.
Sie sprechen sehr reflektiert über dieses traurige Ereignis. Hilft es, dass man sich als Spitzensportlerin gewohnt ist, mit Rückschlägen umzugehen?
Ich glaube schon. Der Sport gibt einem unglaublich viel. Emotionale, schöne Momente, aber auch traurige.
Michelle Heimberg weiss, wovon sie spricht. Nachdem sie die Qualifikation für Olympia 2024 in Paris verpasst hatte, fiel sie in ein tiefes Loch. Damals stellte sie sich die Sinnfrage. Während eines halben Jahres betrat sie kein Hallenbad.
«Seit ich vier Jahre alt war, bin ich Sportlerin. Ich war in einem Hamsterrad gefangen und stellte mir gar nicht mehr die Frage, ob ich das, was ich hier mache, eigentlich noch will», sagt sie rückblickend über diese Zeit. Als ihr Traum von Paris platzte, setzte sie sich noch mehr mit sich selber auseinander. Wer bin ich? Was will ich? Sie trennte die Privatperson von der Spitzensportlerin. Und merkte dadurch schnell einmal wieder, welch grosses Privileg es ist, Spitzensportlerin zu sein. Diese Erfahrungen von 2024 halfen ihr nun auch bei der Bewältigung ihrer Fehlgeburt.
Wann war für Sie klar, dass Sie trotz Ihrer Fehlgeburt an der EM in Paris an den Start gehen werden?
Ich liess das bis zum Start der Wettkämpfe offen. Dass ich dann vom Ein-Meter-Brett Silber gewann, hat mich selbst überrascht, denn meine OP lag ja nur gerade zwei Wochen zurück. Das zeigt: Der Mensch kann viel mehr erreichen, als er sich oft zutraut.
Am Morgen nach Ihrem Triumph machten Sie Ihre Fehlgeburt öffentlich. Warum?
Mir hilft es, darüber zu reden, und ich wollte dieses Tabuthema, das es leider immer noch ist, brechen. Die Leute sollen wissen: Ein gesundes Kind zu bekommen, ist keine Selbstverständlichkeit.
Wiederum einen Tag später stand Ihr Wettkampf vom Drei-Meter-Brett an. Doch den brachen Sie dann vorzeitig ab.
Ich merkte schon tagsüber, dass mir die Energie ausging. Nach meinem ersten Finalsprung realisierte ich, dass ich den Wettkampf nicht durchstehen werde. Ich spürte: Das hier ist die Grenze, die mir mein Körper gesetzt hat. Und die muss ich akzeptieren.
Wie Heimberg über die letzten Wochen spricht, ist beeindruckend. Die 26-Jährige ist für ihr Alter unglaublich reflektiert. Mit ihrer offenen Art, über dieses Tabuthema zu sprechen, kann sie ein Vorbild für viele andere sein.
Sie selbst sagt: «Natürlich braucht es zu Beginn ein bisschen Mut, darüber in der Öffentlichkeit zu reden. Doch wenn ich damit nur einer Betroffenen ein bisschen helfen kann, hat es sich schon gelohnt.»
Sie haben zu Beginn des Gesprächs gesagt, dass Sie immer zwei Ziele im Leben hatten: eine Olympia-Teilnahme und Kinder. Wie sieht es nun nach den letzten Wochen damit aus?
Jetzt ist meine Saison erstmal vorbei, doch im September gehts wieder los. Mit dem grossen Ziel Olympia 2028. Ich nahm zwar schon 2021 in Tokio teil, doch damals waren wegen Corona weder Familie noch Freunde vor Ort. Deshalb möchte ich auch noch richtige Olympische Spiele erleben.
Und wie sieht es mit Kindern aus?
Ich möchte nun meinem Körper erstmal Zeit geben, um sich zu erholen. Doch natürlich träume ich immer noch von einer Familie.