Darum gehts
Leuchtet das rote Lämpchen an der TV-Kamera, heisst das: lächeln. Viele gehorchen. Julia Scheib (27, Ö) nicht. Ist sie nach einem Rennen unzufrieden, zeigt sie es. Frust und Enttäuschung stehen ihr im Gesicht. «Ich lächle nicht, weil andere es wollen. Ich bin echt», sagt sie. Auch Siege feiert sie leise. «Nicht der mit dem breitesten Lächeln ist der Glücklichste.»
Am Samstag könnte Scheib in Åre (Sd) die Riesenslalom-Kugel vorzeitig gewinnen – sie hat 89 Punkte Vorsprung auf Camille Rast (26). Es wäre wohl die einzige Kristallkugel für Österreich in diesem Winter. Doch wer ist diese unscheinbare, nur 1,62 Meter grosse Weltklasse-Fahrerin eigentlich?
Blick trifft Scheib vor einigen Wochen in Wien, redet mit ihr beim Abendessen im Hotel. Am nächsten Tag das Shooting: Rührei in der Hotelküche – Kochen ist ihr Hobby. Später töpfert sie zum ersten Mal. «Einen Napf für Oskar, meinen Hund. Er wird sich freuen.»
Olympia-Frust? «Ziel war immer die Riesen-Kugel»
Scheib verstellt sich nicht. Sie spricht klar, ohne Umschweife. Vor drei Jahren sagte sie: «Ich will die Riesenslalom-Kugel gewinnen.» Viele lächelten müde. Sie hatte noch nie ein Weltcuprennen gewonnen. «Ich hatte keine Angst vor der Ansage. Ich wusste, dass ich schnell bin. Mir fehlten nur zwei saubere Läufe. Ich habe hohe Ziele, da kann ich nicht mit Platz zehn zufrieden sein.»
Platz zehn gab es diesen Winter für sie nicht. In sechs von acht Riesenslaloms kam sie ins Ziel: vier Siege, zwei zweite Plätze. Eine starke Bilanz. Bei Olympia gab es Platz 5. Der flache Hang war – genau wie bei Rast – nicht nach ihrem Gusto. «Mein grösstes Ziel war immer die Riesenslalom-Kugel. Wer sie gewinnt, war nicht nur an einem Tag, sondern während des ganzen Winters die Beste.»
Sie sah eine Leiche bei einem Polizei-Einsatz
Scheib ist direkt, schnörkellos. Wie ihr Fahrstil. Dabei war ihr Weg alles andere als gerade. Die Athletin aus der Steiermark stand mit zweieinhalb Jahren erstmals auf Ski, hinter dem Vater her. Sie probierte vieles: Leichtathletik, Schwimmen, Fussball, Tennis. Beim Skifahren blieb sie. Die Kälte störte sie nie.
Ehrgeizig war sie früh. «Ich hatte Talent und einen schnellen Schwung.» Sie gewann viel, auch in der Jugend. Dann die Rückschläge: mit 17 der erste Kreuzbandriss, fünf Jahre später der zweite. Dazu Corona und Pfeiffersches Drüsenfieber. «Teilweise war es der Horror.»
Scheib biss sich durch. Wie auch in ihrer Ausbildung zur Polizistin. Ein Einsatz blieb ihr: Ein junger Mann mit Herzfehler war tot. «Das war ein Schock. Ich hatte ja noch nie eine Leiche gesehen. Aber ich wurde gut betreut.» Eine Rückkehr zum Beruf kann sie sich vorstellen – wenn auch nicht in den nächsten Jahren. Sie mochte die Arbeit. «Einmal lief eine Kuh frei herum. Wir sperrten einen halben Tag die Strasse. Niemand wusste, wem sie gehörte», sagt sie und lacht.
Sie mag Techno, Rock und Beethoven
Im Weltcup kam der Durchbruch spät. «Ich war früher zu wild. Heute fahre ich mit mehr Köpfchen.» Als Rückhalt hat Scheib unter anderem Michael Schiendorfer, der Manager von Marco Odermatt (28) betreut sie seit letztem Sommer. «Mir ist das Soziale und Menschliche wichtig. Es geht nicht nur um Kohle. Ich bin froh, dass Michi mir hilft.»
Ihre Rituale behält Scheib auch beim Weltcup-Krimi in Åre bei. Am Abend vor dem Rennen hört sie Musik: Techno, Rock, vielleicht Beethoven. «Nur keinen Schlager.»
Und falls sie die Riesen-Kristallkugel holt? Ausrasten wird sie wohl nicht. Oder doch? «Ich kann schon feiern – aber lieber im kleinen Kreis. Alkohol mag ich nicht. Vielleicht einen Zirbenschnaps aus dem Zillertal, der ist hervorragend.»