Darum gehts
- Lindsey Vonn hat immer polarisiert – für einige Vorbild, für andere Drama-Queen
- Vonn gewann 84 Weltcuprennen, davon 45 Abfahrten und 28 Super-G
- 2019 Rücktritt wegen Verletzungen, später Rückkehr mit zwei Siegen 2025/26
Sie springt, hängt mit der Hand am Tor an, dreht sich und stürzt. Die Diagnose: Bruch am Unterschenkel. Der Olympia-Traum von Lindsey Vonn (41) endet im grossen, schmerzhaften Drama.
Mittlerweile wurde die US-Amerikanerin bereits operiert. Ist ihre Ski-Laufbahn nach diesem Unfall vorbei? Alles andere wäre eine Überraschung. Es dürfte das Ende einer grossartigen Karriere sein.
Vonn gewann alles, was es zu gewinnen gibt – oft mehrfach. WM- und Olympiagold, Gesamtweltcupsieg. Dazu 20 kleine Kristallkugeln. Rekord. Sie hamsterte 84 Weltcuprennen – nur Landsfrau Mikaela Shiffrin (108) hat mehr. Mit 45 Siegen in der Abfahrt und 28 im Super-G ist Vonn die Speed-Queen schlechthin – Verletzungen hin oder her.
Aber wer ist diese Lindsey Caroline Vonn wirklich, also abseits der Piste?
Sie schaffte das, was in den USA fast unmöglich ist
Geboren wurde sie am 18. Oktober 1984 in Saint Paul, Minnesota (USA). Damals hiess sie noch Kildow. Mit 22 Jahren heiratete sie Thomas Vonn, einen ehemaligen Skirennfahrer. Seinen Namen behielt sie auch nach der Trennung. In den folgenden fast zwei Jahrzehnten schaffte Vonn etwas, das in den USA als Ski-Profi fast unmöglich ist: Sie wurde berühmt.
Weniger wegen ihrer Erfolge – der Skisport interessiert die Masse der Amerikaner nur am Rand. NFL, NBA, MLB, NHL. Dort sind die Stars zu Hause. Football, Basketball, Baseball, Eishockey. Doch Vonn lieferte Schlagzeilen, die über den Schnee hinausgingen. Schön, oft moralisch aufgeladen, aber auch erschütternd ehrlich. Es waren Stoffe, die berührten.
Vonn wollte gegen Männer fahren
Alles begann im Oktober 2012. Vonn war fast 28 Jahre alt, hatte längst eine perfekte Karriere. Sie war die Beste – und provozierte.
Warum? Sie stellte beim Weltskiverband FIS den Antrag, beim Männer-Rennen in Lake Louise (Ka) anzutreten. «Ich will wissen, wie gut ich bin. Und wo ich mich verbessern kann», sagt sie. Das Ganze sei kein PR-Gag, betonte sie – dabei war es für viele genau das. Die FIS lehnte ihren Antrag ab. Dennoch: Vonn war in aller Munde.
Wenige Monate später gab Vonn auf Facebook bekannt, dass sie mit Golf-Superstar Tiger Woods (50) liiert sei. Nun war sie definitiv in aller Munde – nicht mehr nur unter Ski-Kennern. «Unsere Beziehung entwickelte sich in den letzten Monaten von einer Freundschaft zu etwas mehr und das hat mich sehr glücklich gemacht», sagte sie. Drei Jahre später trennten sie sich. Und Vonn meinte: «Wir hatten wunderbare Jahre zusammen. Ich habe ihn geliebt und liebe ihn noch immer.»
Deutlich weniger schön war eine Episode vier Jahre danach. Vonn war es sich gewohnt, vor der Kamera auszuziehen. Für das bekannte US-Magazin «Sports Illustrated» liess sie ihren Körper mit Farbe bemalen, wälzte sich im Schnee und am Strand – beides im Bikini. Doch dann tauchten auf einmal private Nacktfotos im Internet auf. «Ich glaube, es gibt nichts Peinlicheres auf der Welt. Warum macht jemand sowas?», fragte Vonn.
Sie ging rechtlich dagegen vor und erntete für ihre Offenheit viel Lob. Trotzdem war sie stark mitgenommen. «Es war, wie wenn mich jemand vergewaltigt hätte.»
«Ich fühlte mich wie ein Zombie»
Vonn ging es nicht nur um sich selbst. Sie engagierte sich mit der «Lindsey Vonn Foundation» für die Förderung junger Mädchen. Insbesondere solche aus benachteiligten oder unterversorgten Gemeinschaften.
Sie sprach zudem mehrmals über ihre Depressionen. Ihr Ziel? Sie wollte Menschen ermutigen, auf ihre psychische Gesundheit zu achten. «Ich möchte, dass andere wissen: Es ist okay, Hilfe zu brauchen. Stärke bedeutet nicht, alles allein auszuhalten.»
Sie gab zu, stark unter der Trennung ihrer Eltern gelitten zu haben. «Es gab Tage, da kam ich nicht aus dem Bett, ich fühlte mich wie ein Zombie», sagte sie. Auch ihre Erfolge auf den Ski hätten ihre Schattenseiten gehabt – vor allem der Erfolgsdruck. «Die Leute denken, wenn man gewinnt, ist man glücklich. Aber das stimmt nicht immer.»
Sie zeigte es allen Kritikern
Bei ihrem Rücktritt aus dem Spitzensport im Jahr 2019 sagte Vonn: «Mein Körper ist völlig kaputt. Er schreit mich an, zu stoppen.» Sie liess sich mehrmals operieren, eine Teilprothese im Knie einfügen, war Gastgeberin einer TV-Hunde-Show und arbeitete mit Hollywood-Star Dwayne «The Rock» Johnson zusammen.
Dann, nach fast sechs Jahren, kehrte sie in den Ski-Zirkus zurück. Vonn wurde dafür angefeindet, belächelt, beleidigt, aber auch bewundert. Der Erfolg gab ihr Recht – sie fuhr in der letzten Saison aufs Podest und in dieser zweimal zum Sieg. Sie führt im Abfahrtsweltcup.
Wie es nun mit Vonn weitergeht, weiss nur sie selbst. Fakt ist: So ein Ende hätten ihr wohl auch die grössten Kritiker nicht gewünscht. Falls es denn das Ende ist. Denn eines hat Lindsey Vonn immer bewiesen: Man sollte sie nie abschreiben.
