Darum gehts
- Lindsey Vonn stürzt bei Olympia-Abfahrt in Cortina schwer
- Karriere der 41-Jährigen ist wohl vorbei
- Knie-Spezialist ahnte bereits vor fünf Tagen Schlimmes
Es ist Dienstagabend. Artur Trost sagt am Telefon zu Blick: «Kein vernünftiger Arzt würde Lindsey Vonn empfehlen, in Cortina zu starten. Das kann dramatisch enden.» Trost ist einer der renommiertesten Unfall- und Kniechirurgen, Sporttraumatologe, Operateur zahlreicher Ski-Stars. Hatte er eine Vorahnung?
Fünf Tage später steht Vonn am Start ihrer letzten Mission: Gold in Cortina. Sie ist 41, hat eine Teilprothese im rechten und ein gerissenes Kreuzband im linken Knie. Am Vorabend meldet sie: «Ich bin stark. Wenn wenig für mich spricht, hole ich das Beste aus mir heraus. Ich garantiere kein Resultat, aber ich garantiere Einsatz. Egal, was passiert – ich habe schon gewonnen.»
Pathos für die einen, Inspiration für die anderen. Vonn ist das egal. Sie will ihr Märchen vollenden und die älteste Olympiasiegerin der Ski-Geschichte werden.
Trauriges Ende einer grossen Karriere
Um 12.00 Uhr ist sie bereit. Kaiserwetter über der Tofana, die Dolomiten leuchten in ihrem weissen Kleid. Die Bühne gehört Vonn. Sie atmet tief ein, schlägt die Stöcke zusammen, umklammert die Griffe. Immer wieder. Wie ein Raubtier vor dem Sprung.
Dann der Fehler. Nach zwölf Sekunden fährt sie eine Rechtskurve zu direkt an. In der Luft streift ihre Hand eine Stange. Der Körper dreht, sie landet, überschlägt sich. Aus. Das Märchen endet hier. Vonn schreit vor Schmerzen, im Ziel herrscht Stille.
«Lindsey wusste, welches Risiko sie eingeht», sagt Cornelia Hütter (33, Ö) im Ziel. «Es tut mir leid, dass es so ausgegangen ist.» Nina Ortlieb (29, Ö) ergänzt: «Wer vorne sein will, muss riskieren. Schön runterfahren reicht nicht.» Die gute Sicht habe zu enger Linie verleitet – nicht nur bei Vonn. Fehler seien gnadenlos bestraft worden. «Das ist nicht das Ende, das Lindsey verdient.»
Ortlieb weiss, wovon sie spricht. Sie hat über 30 Operationen hinter sich. Bei Vonn folgt die Diagnose – ein Unterschenkelbruch – noch am Sonntagabend. Gemäss der italienischen Nachrichtenagentur Ansa wurde die Operation noch am Sonntag durchgeführt. Vieles spricht dafür, dass sie nie mehr ein Rennen fährt.
Der Vater sagt: «Der perfekte Tag für meine Tochter»
Um 12.09 Uhr kreist der gelbe Rettungshelikopter über dem Zielraum. Dort sitzt ihr Vater Alan Kildow. Das Verhältnis war lange schwierig, zuletzt wieder nah. Kurz vor dem Rennen sagt er im ORF: «Lindsey ist so stark. Sie hat hier sechs Weltcupabfahrten gewonnen.» Er blickt in den stahlblauen Himmel. «Es ist der perfekte Tag für meine Tochter.»
Ein Irrtum.
Während Vonn einen Albtraum erlebt, weint Breezy Johnson (30, USA) vor Glück. Nach WM-Gold in Saalbach holt sie vor Emma Aicher (22, De) und Sofia Goggia (33, It) auch Olympia-Gold. Wie tags zuvor Franjo von Allmen (24). Der Unterschied: Johnson hat noch nie ein Weltcuprennen gewonnen. «Ich weiss nicht warum. Ich will immer schnell sein.» Auf Vonn angesprochen sagt sie: «Ein Trainer meinte, sie habe im Helikopter mit mir mitgefiebert.»
«Schönheit und Wahnsinn des Sports»
Dass Johnson ihre Goldmedaille beim Jubeln beschädigt, kümmert sie nicht. «Jemand wird sie reparieren.» Der Gedanke an Vonn mache den Sieg bittersüss. «Mein Herz schmerzt für sie. Das ist die Schönheit und der Wahnsinn unseres Sports.»
Und Trost? Er meint: «Wenn man angeschlagen ist, reagiert man oft falsch – das ist nicht nur bei Vonn so. Geht nur eine Kleinigkeit schief, gerät alles aus den Fugen. Es war fast klar, dass sowas passieren musste.» Es tue ihm irrsinnig leid für Vonn, so der Knie-Spezialist. «Im Optimalfall wäre das Märchen aufgegangen. Jetzt ist es anders gekommen. Ich hätte mich mit meinen Befürchtungen gerne geirrt.»