Weltmeister und jetzt Olympiasieger. Beides hat Franjo von Allmen erreicht. Aber beim Olympiasieg war es trotzdem ein anderer – ein anderer von Allmen. Denn der begnadete Abfahrer hat in Bormio die ultimative Reifeprüfung abgelegt.
Er tat dies mit einer perfekten Fahrt, die eigentlich nicht seinem bis anhin überall bekannten aggressiven, risikoreichen Fahrstil glich. Während dieser 1:50,61 Minuten mussten wir nie den Atem anhalten, nie Angst um ihn haben.
«Seine Aerodynamik glich einer Kugel»
Seine Kurvenwechsel waren nie zu früh oder zu spät. Ein scheuer Versuch seines rechten Innenskis, nach circa 35 Sekunden, sich in der flachen Rechtskurve etwas zu früh ins Spiel zu bringen, konterte der neue Franjo von Allmen souverän.
Seine Aerodynamik glich mehr einer Kugel als einem Abfahrer, der bei Tempi bis 150 km/h gegen den Luftwiderstand zu kämpfen versucht. Der Sprung beim San Pietro, es war vielmehr ein Flug auf 53 Meter hinunter, entlockte auch in mir einen versteckten Jubelschrei.
Wie gemalt oder gezeichnet stand er da, gefühlte 10 Sekunden, draussen in der Luft, seine Hände fast provozierend hinter seinen Unterschenkeln versteckt. Als ob er sagen wollte: «Lasst mich fliegen, lasst mich geniessen. Ich brauche keine Balancehilfe, keine Deckung. Ich weiss, was ich kann. Ich brauche nicht mehr!»
Auch keine Fehler-Geschenke der Mitfavoriten. Deren Fahrten waren allesamt auf einem höchst selten gesehenen Niveau. Doch der von Allmen braucht kein Risiko mehr, um zu siegen. Franjo, der neue Olympiasieger, ist angekommen, ohne sich selbst überholen zu wollen.
