Darum gehts
- Mathilde Gremaud gewinnt zum zweiten Mal nach 2018 olympisches Slopestyle-Gold
- Die 26-jährige Freiburgerin überwand mentale Tiefs und Trainerwechsel
- Mit neuem Trainer fand sie wieder Stabilität
Sie steht im Zielraum, lächelt, schlägt die Hände vors Gesicht. Dann hebt sie sie wieder – zum zweiten Mal olympisches Gold im Slopestyle. Mathilde Gremaud (26) hat es wieder getan.
Acht Jahre nach Silber in Pyeongchang (Südkorea), vier Jahre nach Gold in Peking schreibt die Freiburgerin erneut Geschichte. Und diese Frau beweist: Sie kann nicht nur fliegen – sie kann auch immer wieder aufstehen.
Von La Roche in die Weltspitze
Der Weg an die Spitze begann in La Berra FR. Oberhalb von La Roche, im kleinen Familiendorf der Gremauds, lernte Mathilde das Skifahren. «Aus reiner Freude», sagt sie. Mit selbstgebauten Schanzen, mit ihren Schwestern, mit Papa Stéphane und Mama Chantal im Rücken. Hier tankt sie bis heute Kraft. Zwischen Bauernhof, Einfamilienhäusern und Verwandten auf engstem Raum fand sie ihre Bodenhaftung – für eine Karriere, die längst international abgehoben ist.
Schon früh wurde klar: Dieses Mädchen will mehr. Nach den Jugendspielen 2016 ging es steil bergauf: Weltcupsiege, WM-Titel, X-Games, drei Kristallkugeln, Olympiamedaillen. Gremaud gewann alles. Und zahlte dafür oft einen hohen Preis. Nach grossen Erfolgen fiel sie immer wieder in mentale Löcher. Müdigkeit, Leere, Zweifel. «Ich musste lernen, damit umzugehen», sagte sie einmal. Sie lernte es. Mit Arbeit an sich selbst, mit Unterstützung und mit Mut zu Ehrlichkeit.
Auch bittere Rückschläge wie der doppelte Verrat ihres Trainers Misra Noto warfen sie nicht aus der Bahn. Nicht nur einmal, sondern zweimal wechselte Noto vor einem Grossanlass die Seiten und arbeitete stattdessen mit Gremauds grosser Rivalin Eileen Gu (22). «Zweimal ist genug», sagte sich die Schweizerin und fand mit Nati-Trainer Greg Tüscher neue Stabilität – und nun in Livigno Gold.
Rückhalt aus Familie, Liebe und Freundschaft
Rückhalt findet sie auch privat. Ihre Partnerin, Downhill-Weltmeisterin Valentina Höll (24), kennt den Druck des Spitzensports. Zwei Athletinnen, zwei Welten, ein gemeinsames Verständnis. Höll über Gremaud nach dem Finale: «Es ist total crazy. Sie hatte einen grossen Sturz gestern im Training und heute vor dem Finale haben wir noch telefoniert: ‹Einmal pushen!› Genau das hat sie gemacht. So verdient.»
Auch die Eltern von Gremaud erlebten den Gold-Push ihrer Tochter hautnah mit. Chantal Gremaud: «Ich war gestresst, aber ich bin superglücklich, hier zu sein und habe vollstes Vertrauen in Mathilde.» Und Papa Stéphane ergänzte: «Sie war mega entspannt, hat sich riesig gefreut und wenn sie glücklich ist, kann es nur gut gehen.» Nach dem Rennen waren die Emotionen dann kaum zu fassen: «Es ist unglaublich. Sie macht uns so viel Freude», sagt er gegenüber Blick unter Tränen. «Ehrlich gesagt ist schwer zu beschreiben. Das ist ein Traum, alle Freunde sind da – wunderschöne Momente.»
Das Duell mit Eileen Gu
Im Final kam es zum Duell mit Eileen Gu (22). Zwei Ausnahmekönnerinnen mit ihrer ganz speziellen Vorgeschichte. Die Spannung ist dann auch bei der Medaillenübergabe spürbar. Gremaud würdigte Gu keines Blickes. Ein stilles Statement: In diesem Triumph steckt auch viel Genugtuung für die vergangenen Episoden.
Trotz Ruhm und finanzieller Sicherheit ist Gremaud nie zur Selbstdarstellerin geworden. Kein grosses Social-Media-Getöse, kein Glamour. Lieber leise Leistung. Lieber Arbeit als Show. «Der innere Druck ist am grössten», sagt sie. Und genau diesen hat sie heute besiegt.
Greg Tüscher lobt seine Topathletin: «Wir haben bewusst Schritt für Schritt gearbeitet. Nach dem kleinen Crash beim letzten Training haben wir den Plan etwas vereinfacht, damit sie Selbstvertrauen bekommt», betont er im Gespräch mit Blick. «Es ging nie darum, Revanche zu üben – wir wollten nur, dass sie zeigen kann, was sie drauf hat. Es bleibt im Sport: Die Beste gewinnt.»