Darum gehts
Es ist kurz vor neun Uhr morgens in St. Moritz – und weit unter null Grad. «Brutal kalt», sagt Salomé Kora (31). So kalt, dass der Atem gefriert. Sie steht auf Eis statt auf Tartan – auf der ältesten noch bestehenden Sportanlage der Schweiz. Eigentlich ist das Gegenteil ihr Alltag: Sommer, Sprint, Wärme. Doch seit drei Monaten rennt die St. Gallerin mit Wurzeln in Benin bei Minustemperaturen über Eis, schiebt einen Bob an – und entdeckt eine neue Welt.
Für Kora fühlt sich der Abstecher aufs Glatteis weniger wie ein minutiös geplanter Karriereschritt an als wie ein Abenteuer. «Als Ganzes», sagt sie. Normalerweise misst sie sich allein, jetzt ist sie Teil eines Teams, abhängig von Timing, Vertrauen und Präzision. Geschwindigkeit entsteht nicht mehr nur aus dem eigenen Körper, sondern aus Zusammenspiel.
Von Beat Hefti inspiriert
Der Gedanke an den Bobsport tauchte früh auf. Mit 20 wurde sie erstmals angefragt – sie lehnte ab. Zu viele Ziele im Sprint, zu wenig Raum für Experimente. Erst vor rund zweieinhalb Jahren wurde es konkret. Gespräche mit Boblegende Beat Hefti, Ermutigung aus dem Umfeld, der Blick auf andere Sprinterinnen, die den Wechsel wagten – und irgendwann das Gefühl: jetzt oder nie.
Der Einstieg kam abrupt. Mitte November 2025 fuhr Kora in Cortina erstmals auf der Olympiabahn – zehn Tage später stand sie bereits im Weltcup am Start. Kein langsames Herantasten, kein sanftes Kennenlernen. «Alles oder nichts.» Die ersten Fahrten waren ein Schock: die G-Kräfte, der Speed, das Ausgeliefertsein. Und doch wuchs das Vertrauen schnell – in die Pilotinnen, in die Abläufe, in sich selbst.
Ende 2025 verdiente sie sich den Platz im Winter-Olympiateam an der verbandsinternen Anschieberinnen-Ausscheidung in Oberhof mit Rang 2. «Ich war sehr nervös. Anschieben auf Eis und ohne Pilotin war neu für mich», sagt sie. Schneller war nur Nadja Pasternack, eine der stärksten Anschieberinnen weltweit. Für Kora bedeutete dies den Wechsel in den Bob Schweiz 2 – und die Zusammenarbeit mit der U23-Weltmeisterin Debora Annen, der Tochter des dreifachen Olympia-Medaillengewinners Martin Annen. Bereits bei der Heim-EM in St. Moritz 2026 schnupperten sie an der Bronzemedaille und wurden Sechste.
Spagat zwischen den Welten
Der Spagat zwischen Leichtathletik und Bob gelingt ihr erstaunlich gut. Krafttraining, Sprünge, Explosivität – vieles bleibt gleich. Doch der Bob verlangt ein Umdenken: nicht leicht sein, sondern Kraft in den Boden bringen. Nicht fliegen, sondern schieben. Der Start wird immer entscheidender. Genau dort liegt ihre Stärke.
Cortina ist nun der grosse Fokus. Dreimal stand Kora als 100-Meter-Läuferin bereits bei Olympischen Sommerspielen auf der Bühne, schaffte es mit der Staffel sogar in einen Final. Doch Winterspiele sind anders – andere Kulisse, andere Athletinnen, andere Dynamik. Sie taucht in eine neue Welt ein. Mit ihrer Erfahrung weiss sie aber, was sie erwartet, auch wenn vieles neu ist.
Privat fordert der Winter seinen Preis. Wochenlang unterwegs, kaum zu Hause. Und gewisse Sorgen bei Familie und Partner. Ihr Freund Marco Schlauri (37) sagt: «Ich bin jedes Mal froh, wenn Salomé heil unten ankommt. Aber grundsätzlich habe ich grosses Vertrauen in sie und ihre Pilotin.» Vertrauen ist für Kora der Schlüssel, und sie spürt, dass es in Cortina entscheidend sein wird.
Olympia und Familienplanung
Bis dahin wartet viel Stress. Der olympische Alltag ist eng getaktet, der Körper gefordert, die Psyche belastet. Doch Kora hat klare Ziele. Und dann gilt die Konzentration wieder der Leichtathletik – mit dem finalen Höhepunkt an den Sommerspielen 2028 in Los Angeles. Danach will sie ein neues Kapitel aufschlagen. «Familienplanung», sagt sie lachend. Vorderhand lebt sie zwischen zwei Sportwelten – zwischen Adrenalin, Vertrauen und Teamgeist – und dem unerschütterlichen Traum von Olympia.
