Es ist die dunkelste Serie der Schweizer Alpin-Herren: Seit dem Gold-Lauf des St. Moritzers Edy Reinalter (1920–1962) bei den Heimspielen 1948 ist nie mehr ein Skigenosse Olympiasieger im Slalom geworden.
Auch sonst fällt die Bilanz über die Jahrzehnte mager aus: Lediglich zwei weitere Olympia-Medaillen haben die Schweizer im Zick-Zack seit Reinalters Coup erkämpft. Der Freiburger Jacques Lüthy (66) gewann 1980 in Lake Placid Bronze, der Walliser Ramon Zenhäusern (33) 2018 in Südkorea Silber.
Und das für die erfolgsverwöhnte Ski-Nation Schweiz!
Etwas spricht besonders für Tanguy Nef
Beim bevorstehenden Olympia-Slalom werden aber gleich zwei Swiss-Ski-Athleten von den Experten sehr hoch eingestuft. Weltmeister Loïc Meillard (29), der in der Team-Kombination Silber und im Riesenslalom Bronze eingefahren hat, sowie Tanguy Nef (29). Der Genfer hat sich zwar im Weltcup noch nie in den Top 3 klassiert, mit seiner überragenden Gold-Fahrt in der Team-Kombi hat er aber den Beweis erbracht, dass ihm die vorwiegend flache Slalom-Strecke auf der Stelvio perfekt liegt.
Einer, der an den nächsten Coup von Nef glaubt, ist der Deutsche Felix Neureuther (41), der 2013 WM-Silber im Slalom gewonnen hat. «Auf dieser Piste ist vor allem eines gefragt: Geschmeidigkeit. Wenn du hier den Ski nur einmal zu hart hinsetzt und den Schwung abstichst, gibt es keine Gelegenheit, mehr das Tempo aufzubauen», sagt Neureuther. Mit genau dieser Geschmeidigkeit konnte Nef in der Team-Kombi auftrumpfen. «Wenn er diese Lockerheit trotz der gestiegenen Erwartungshaltung bewahren kann, hat er das Potenzial zum Slalom-Olympiasieger.»
Loïc Meillard hingegen ist im Slalom des Mannschaft-Wettkampfs nicht wunschgemäss auf Touren gekommen. Der Walliser hat auf die Bestzeit von Nef eine Sekunde und 14 Hundertstel eingebüsst. Neureuthers Erklärung: «Das Material von Loïc war genau wie beim amtierenden Slalom-Olympiasieger Clément Noël zu scharf für diese Bedingungen. Ich bin mir sicher, dass das beiden nicht mehr passieren wird. Deshalb gehören auch Meillard und Noël im Spezial-Slalom zum Favoritenkreis.»
Neureuther zerpflückt die Olympia-Piste im Slalom
Spezial-Slalom? In den letzten Tagen und Wochen wurde viel über die Topographie des Stelvio-Slalomhangs diskutiert. Für viele Insider beinhaltet die Strecke zu wenig steile, selektive Passagen.
Auch Deutschlands Ski-Papst ist nicht zufrieden. Neureuther: «In meinen Augen ist diese Slalom-Strecke nicht olympiawürdig. Der Starthang ist nur mittelsteil, danach geht es bis ins Ziel ziemlich flach weiter. Das ist zu wenig, für die besten der Welt.» Und der Deutsche legt nach: «Auch wenn die Strecke von Natur aus keine grossen Schwierigkeiten aufweist, hätte man sehr viel mehr herausholen können, in dem man ein paar tückische Wellen eingeschoben hätte. Man hätte viel mehr mit dem Gelände spielen müssen.»
Dieses Versäumnis ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Schweizer am Montag gute Chancen haben, um die schwarze Olympia-Slalom-Serie endlich zu beenden.
