Extremsport-Legende Evelyne Binsack
«Es ist verrückt, dass ich das alles überlebt habe»

Hoch, höher, Evelyne Binsack: Die 59-Jährige war die erste Schweizerin auf dem Everest. Hier erzählt sie, wie es sich anfühlt, wenn der Tod anklopft. Und warum es viele Suizide von Bergsteigern gibt.
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Daniel LeuStv. Sportchef

Frau Binsack, wie schmeckt Seife, wenn man sie isst?
Evelyne Binsack: (Lacht laut.) Nicht sehr fein!

Warum haben Sie als Kind trotzdem Seife gegessen?
Ich hatte damals null Bock aufs Wandern. Deshalb habe ich ein paarmal Seife gegessen. Mit der Absicht, krank zu werden, aber leider wurde ich es nie.

Waren Sie ein rebellisches Kind?
Ich hatte einfach sehr viel körperliche Energie in mir drin, die irgendwie raus musste. Mit 13 war ich in Hergiswil im Spielcasino und in Bars unterwegs, trank auch mal ein Bier oder rauchte eine Zigarette. Das war damals alles kein Problem, da ich schon 1,78 Meter gross war und mich alle für älter hielten.

Hätten Sie auf die schiefe Bahn geraten können?
Das glaube ich nicht, das war damals einfach nur eine Phase, die auch wieder vorbeiging. Eines Tages sah ein Leichtathletik-Trainer, dass ich rastlos war, und lud mich ins Training ein. Das war rückblickend betrachtet ein Riesensegen, weil ich nun einfach «secklen» konnte, um die Energie rauszulassen. Für mich war das wie eine Psychotherapie.

Und wie trat das Bergsteigen in Ihr Leben?
Als ich 16 war, nahm mich ein Kollege mit auf eine Ski-Tour. Für mich ging dadurch eine neue Welt auf. Wir waren jung und hatten das Gefühl, wir definieren den Alpinismus neu, denn wir gingen zum Beispiel mit Jeans klettern und betrachteten das Ganze auch als Wettkampf. Mit dem antiquierten Image der Wanderer mit den roten Socken hatte das nichts mehr zu tun. Mit 17 wusste ich: Ich will unbedingt Bergführerin werden.

Evelyne Binsack

Die gebürtige Nidwaldnerin war und ist vieles: Extremsportlerin, Bergsteigerin, Helikopterpilotin, Referentin. 2001 stand sie als erste Schweizerin auf dem Mount Everest, 2007 erreichte sie zu Fuss den Südpol, 2017 den Nordpol. Heute lebt die 59-Jährige in Geissholz BE.

Die gebürtige Nidwaldnerin war und ist vieles: Extremsportlerin, Bergsteigerin, Helikopterpilotin, Referentin. 2001 stand sie als erste Schweizerin auf dem Mount Everest, 2007 erreichte sie zu Fuss den Südpol, 2017 den Nordpol. Heute lebt die 59-Jährige in Geissholz BE.

Doch zuerst machten Sie in Engelberg noch eine Lehre als Sportartikelverkäuferin.
Dadurch lernte ich viele Bergführer und Skilehrer kennen. Und einen Kollegen, der ein Heli-Business gegründet hatte. Weil es kurz zuvor einen tödlichen Unfall gegeben hatte, konnte ich den Job des Toten übernehmen. Ich half damals mit, Fundamente für einen neuen Ski-Lift zu bauen oder Sturmholz aus dem Wald zu fliegen. Wir fühlten uns damals wie Cowboys, waren jung und dachten, wir seien unbesiegbar.

Wie lange hielt dieses Gefühl der Unbesiegbarkeit an?
Bis 1987, denn in jenem Jahr hätte ich gleich dreimal sterben können. Einmal stürzte ein Helikopter ab, in dem ich eigentlich auch hätte drinsitzen sollen. Dabei gab es ein Todesopfer. Beim zweiten Mal wäre ich beim Holzen beinahe von einem Baum erschlagen worden. Und dann geriet ich auch noch in eine Lawine.

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Heute sagt Evelyne Binsack: «Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass ich das alles überlebt habe.»
Foto: BENJAMIN SOLAND

Was war da genau los?
Das war in Arosa am Weisshorn. Ich löste damals die Lawine selbst aus, wurde etwa 400 Meter weit mitgerissen und stürzte dabei auch über einen Felsen. Das alles fühlte sich wie in Zeitlupe an. Als ich endlich wieder zum Stillstand gekommen war, befand sich mein Kopf aus dem Nichts wieder an der Oberfläche. Wäre das anders gewesen, hätte ich wohl kaum überlebt.

Die breite Öffentlichkeit wurde erstmals 1999 auf Sie aufmerksam, als das Schweizer Fernsehen live eine Eigernordwand-Bezwingung übertrug. Sie waren Teil davon.
Dieser Sendung habe ich viel zu verdanken, denn damals galten Bergsteigerinnen noch als Exotinnen, die nicht bei allen sehr willkommen waren. Das habe ich früher oft zu spüren bekommen.

Wie?
Es gab Männer, die sagten: «Wenn die erste Frau Bergführerin wird, verschenke ich meinen Pin.» (Bergführerabzeichen, Anm. d. Red.) Oder es gab einen Witz: Was ist eine Bergführerin ohne Sack? Ein Binsack.

Hat Sie das nie genervt?
Nein, denn ich war klar besser und schneller als der Grossteil der Männer.

Am 23. Mai 2001 hatten Sie es definitiv allen gezeigt: Sie waren die erste Schweizerin auf dem Mount Everest. Stimmt es, dass Ihnen zwei andere Schweizer Alpinistinnen fast zuvorgekommen wären?
Ja, ein Jahr vorher hatte ich erfahren, dass zwei Schweizerinnen ebenfalls den Mount Everest bezwingen wollen. Ich habe ihnen dann einen Brief geschrieben und vorgeschlagen, dass wir gemeinsam eine Frauen-Expedition lancieren könnten. Doch ich habe darauf nicht mal eine Antwort erhalten. Natürlich habe ich dann ihre Expedition aufmerksam verfolgt. Heute kann ich ja ungern eingestehen, dass ich erleichtert war, als sie es nicht geschafft hatten. 

Dadurch waren Sie die erste Schweizerin auf dem höchsten Berg der Welt. Nehmen Sie uns mit an diesen denkwürdigen Tag.
Den Gipfelaufstieg bewältigte ich im Alleingang. Ich wusste, dass fünf Jahre zuvor in einem Sturm am Berg drei Menschen ums Leben gekommen waren. Zweien davon begegnete ich beim Aufstieg oberhalb von 8650 Metern Höhe. Der sogenannte «Green Boots Man» lag unter einer Felsnische, und den «Waving Man», der mit einer Hand in der Luft auf den Knien erstarrt war, traf ich auf 8750 Metern. Das hat mich schon ein bisschen irritiert, doch ich habe für beide verstorbenen Alpinisten kurz gebetet.

Welche Erinnerungen haben Sie noch an den Moment, als Sie es tatsächlich geschafft hatten?
Man ist natürlich total am Limit und hat wirre Gedanken. Und man weiss, dass man ja auch wieder runtermuss.

Fast noch extremer war Ihre Expedition zum Südpol 2008. Sie waren damals 484 Tage unterwegs und kamen auch dort dem Tod sehr nahe.
Was damals mit mir passiert ist, kann ein Aussenstehender nicht nachvollziehen.

Können Sie trotzdem versuchen, es zu erklären?
Durch die Strapazen hatte ich bereits sehr viel Gewicht verloren, und meine Erschöpfung war schon sehr fortgeschritten. Auf einmal spürte ich während drei Tagen, dass das Tor zum Tod ständig mit mir mitlief.

War die Verlockung da, durch dieses Tor zu schreiten und damit von all den Qualen und Schmerzen erlöst zu werden?
Ich wäre für den Tod nicht parat gewesen. Aber ja, der Tod ist immer auch eine Erlösung und damit auch eine Verlockung, doch jetzt kommt das Aber. Meine Mutter sagte mir immer: «Wenn du mal von einer Expedition nicht mehr nach Hause kommst, weiss ich nicht, ob ich das überleben würde.» Diesen Satz hatte ich immer in meinem Hinterkopf. Doch obwohl ich es damals doch noch schaffte, den Südpol zu erreichen, hat mich das alles traumatisiert.

Wie meinen Sie das?
Schon viel früher fragte ich mich immer mal wieder: Wie fühlt es sich an, wenn du physisch am Ende bist und nicht mehr kannst? Was kommt dann zum Vorschein? Am Südpol hatte ich am eigenen Leib gespürt: Gehe ich noch einen Schritt weiter, kann man mich mit einer Holzkiste abholen. Als ich dann nach Hause zurückgekehrt war, hatte ich das Gefühl, dass in der Antarktis ein Teil von mir gegangen ist. Ich brauchte deshalb lange, um das alles zu verarbeiten.

Eigentlich völlig absurd, doch 2011 sollen Sie bei einem Plausch-Kletterwettkampf beinahe gestorben sein.
Gestorben nicht gerade, aber die Folgen davon spüre ich bis heute, indem ich immer wieder starke Kopfschmerzen habe. Ich nahm damals Renzo Blumenthal zuliebe an diesem Event teil. Beim Klettern machte die Frau, die mich sichern musste, einen folgenschweren Fehler. Ich fiel deshalb aus viereinhalb Metern runter und landete voll auf dem Rücken. Dabei brach ich mir den sechsten Halswirbel. Rückblickend betrachtet fiel ich danach in eine richtige Identitätskrise, und mein Feuer für weitere Expeditionen war erloschen.

Sie haben mal gesagt, beim Bergsteigen sei nicht der Aufstieg, sondern das Aufbrechen das Schwierigste. Wie meinen Sie das?
Was ich gemacht habe, war schon sehr extrem. Wenn man solche Expeditionen machen will, gibt es einen Widerstand in einem, der Nein sagt. Ich breche ja nicht auf, um an die Côte d’Azur zu gehen und dort ein Cüpli zu trinken. Dieses Aufbrechen bedeutet, einen grossen Verzicht einzugehen. Es wird unangenehm und lebensgefährlich. Doch sobald ich diese Hürde jeweils übersprungen hatte, war alles okay.

Wenn ich Ihnen zuhöre, frage ich mich: Ist es eigentlich Zufall, dass Sie noch leben, während viele Ihrer Weggefährten umgekommen sind?
Es ist schon verrückt, dass ich das alles überlebt habe. Vor allem zu Beginn meiner Karriere dachte ich, ich sei unzerstörbar. Doch warum habe ich überlebt? Einer der Gründe ist aus meiner Sicht der, dass ich nie Sponsoren hatte, nur Partner, die mir zum Beispiel einen Teil meiner Ausrüstung bezahlten. Doch ich habe meine Expeditionen immer mit meinem eigenen Geld finanziert. Deshalb stand ich nie unter Druck. Hinzu kommt, dass Bergsteiger heute fast Popstars sind. Es geht auch sehr viel um Ruhm und Ehre. Das macht etwas mit einem und lässt einen möglicherweise auch ein höheres Risiko eingehen.

Wie finden Sie diese Entwicklung?
Wie soll ich das diplomatisch ausdrücken? Das ist sehr, sehr schade, aber ich bin mir bewusst, dass ich auch meinen Teil dazu beigetragen habe. Trotzdem bin ich froh, dass in meiner Zeit das Bergsteigen noch anders war. Damals gab es noch keine massgeschneiderten Angebote. Wir waren einfach eine wilde Horde junger Menschen, die ohne Informationen loszog und die die Welt erobern wollte.

Mussten Sie oft an Beerdigungen Abschied von Bergsteiger-Freunden nehmen?
Leider viel zu oft. Was aber speziell ist: Ich war an mehr Beerdigungen von Bergsteigern, die sich suizidiert hatten, als von solchen, die abgestürzt sind.

Warum ist das so?
Viele schafften die Rückkehr vom Leistungsdruck ins normale Leben nicht mehr, rutschten dadurch in psychische Probleme ab und sahen nur noch die Möglichkeit, ihr Leben zu beenden.

2015 mussten Sie auch Abschied von Ihrem Ex-Freund Sandro Godio nehmen.
Er war meine langjährige grosse Liebe. Als bei ihm ein bösartiger Hirntumor diagnostiziert worden war, waren wir zwar kein Paar mehr, standen uns aber trotzdem noch immer sehr nahe. Die letzten zehn Tage verbrachte er in Bern in einem Palliativhaus. Seine Freundin und ich waren stets an seiner Seite. Das war eine unglaublich emotionale Zeit, die sehr traurig, aber irgendwie auch schön war, denn wir drei haben in jenen Tagen zusammen sehr viel geweint, aber auch sehr viel gelacht.

Zuletzt sorgten Sie 2022 für Schlagzeilen, als Sie für die SVP in den Nationalrat einziehen wollten.
Ich stellte damals zwei Bedingungen: Ich wollte meinen «Grind» auf keinem Wahlplakat sehen, und ich wollte nicht lobbyieren und den Leuten in den Arsch kriechen. Doch dann bekam ich wegen meines Unfalls von 2011 wieder extreme Schmerzen und konnte kaum noch schlafen. Deshalb zog ich meine Kandidatur zurück. Das war wohl für alle Beteiligten das Sinnvollste, denn ich wäre ziemlich sicher eine schlechte Politikerin gewesen.

Wie sieht Ihr Leben heute aus?
Glücklicherweise habe ich immer noch sehr viel um die Ohren. Mein Haupteinkommen sind die Referate, die ich halte. Dann bin ich immer noch als Bergführerin unterwegs, habe ein Pferd, um das ich mich kümmere, vermiete ein Airbnb und bewirtschafte Immobilien. Manchmal ist das alles fast ein bisschen zu viel.

Sie werden im nächsten Mai 60. Was macht diese Zahl mit Ihnen?
Klar, auf die Runzeln könnte ich verzichten, aber ich freue mich darauf, älter zu werden. Ich habe früher so viel «Scheissdreck» gemacht und während meiner Sturm-und-Drang-Zeit einige Male mein Leben aufs Spiel gesetzt. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass ich das alles überlebt habe. Dafür bin ich sehr dankbar.

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