Herr Maissen, wer Ihnen zuhört, für den muss klar sein: Sie sind ein Ur-Baselbieter. Das stimmt aber gar nicht.
Erni Maissen: Meine ersten acht Lebensjahre habe ich im bündnerischen Trun verbracht, und meine Muttersprache war Rätoromanisch.
Wie war Ihre Kindheit in Trun?
Geschwister, Eltern, Grosseltern, Onkel – wir alle lebten im gleichen Haus. Doch als ich vier Jahre alt war, starb mein Vater, der LKW-Chauffeur war, bei einem Verkehrsunfall. Dadurch war meine Mutter von heute auf morgen alleinerziehend.
Haben Sie noch Erinnerungen an Ihren Vater?
Nur eine, wie ich mit ihm im Lastwagen sass.
Der heute 68-Jährige spielte für Basel (1975–82, 1983–87, 1989–91), Zürich (1982/83) und YB (1987–89). Mit dem FCB wurde er zweimal Meister (1977 und 1980) und stand einmal im Cupfinal (1982, Niederlage gegen Sion). Für die Nati bestritt er 29 Spiele. Er hat zwei erwachsene Söhne und lebt mit seiner Frau Chantal in Reinach BL.
Der heute 68-Jährige spielte für Basel (1975–82, 1983–87, 1989–91), Zürich (1982/83) und YB (1987–89). Mit dem FCB wurde er zweimal Meister (1977 und 1980) und stand einmal im Cupfinal (1982, Niederlage gegen Sion). Für die Nati bestritt er 29 Spiele. Er hat zwei erwachsene Söhne und lebt mit seiner Frau Chantal in Reinach BL.
Was waren Sie für ein Kind?
Eines, das man sich nicht wünscht (lacht), weil ich immer viel «Seich» gemacht habe. Ich war zum Beispiel kein regelmässiger Kindergarten-Gänger. Doch dann kam die Schule, und ich dachte, ich könne so weitermachen und beim Bahnhof unten einfach spielen. Am zweiten Schultag war ich wieder dort am Kicken, da kam jemand von der Schule und holte mich. Da merkte ich: Jetzt fängt der Ernst des Lebens an.
Was für «Seich» haben Sie gemacht?
Beim Bahnhof hat das Militär regelmässig ihre Jeeps schön ordentlich in Reih und Glied abgestellt. Ab und zu parkte ich ein paar davon ein bisschen um. Und auch sonst rannte mir der Bahnhofsvorsteher ein paarmal nach und wollte mir einen «Fuditätsch» geben. Das war halt damals noch eine andere Zeit. Von den Lehrern gab es gelegentlich mit dem Lineal auf die Finger, und wenn wir in der Kirche redeten, mussten wir böse Kinder uns danach in der Sakristei in einer Reihe aufstellen und den «Klapf» vom Pfarrer abholen.
1966 zog Ihre Familie nach Reinach ins Baselbiet. Warum?
Meine Mutter lernte einen neuen Mann kennen, der dann in Reinach eine neue Stelle annahm. Das war im ersten Moment schon schwierig, weil ich traurig war, dass ich all meine Freunde und die Berge verloren hatte.
Dank des Umzugs konnten Sie aber plötzlich ins Joggeli gehen.
Das stimmt, mein Stiefvater nahm mich regelmässig mit. Ich habe damals während den Spielen auf den Tribünen die Fläschli eingesammelt. Das hat 50 Rappen Depot pro Stück gegeben. Manchmal zog ich dem einen oder anderen Zuschauer auch noch eine halbvolle Flasche zwischen den Beinen weg …
Wussten Sie schon früh, dass Sie auch einmal dort unten auf dem Platz stehen möchten?
Als ich in der 4. oder 5. Klasse einen Aufsatz schreiben musste, was ich mal werden will, schrieb ich: «Ich möchte Fussballer werden und beim FC Basel spielen.»
Doch Ihre Karriere begann erst einmal beim FC Reinach.
1973 durfte ich dank eines Kollegen an einem Dienstagabend beim FCB ein Probetraining machen. Nach dem ersten Training sagte man mir: «Beantrage sofort den Spielerpass, am Samstag gibt es in Zofingen ein Spiel, bei dem du mitmachen darfst.» Dort war ich dann richtig gut, und innert kürzester Zeit wechselte ich zu den B-Junioren des FC Basel.
Ging es danach so rasant weiter?
Ja, später machte ich erste Inter-A-Spiele, und im Sommer 1976 hiess es plötzlich, ein Spieler aus der 1. Mannschaft habe sich verletzt, und ich dürfe deshalb mit ins Trainingslager nach Wildhaus. Trainer Helmut Benthaus sagte mir deshalb, ich solle doch im Geschäft fragen, ob ich ein paar Tage freimachen dürfe, denn damals machte ich ja noch bei einer Transportfirma meine KV-Lehre. Ab diesem Moment war ich dabei.
Wissen Sie noch, wie viel Sie zu Beginn verdient haben?
1000 Franken Fixlohn, plus Prämien.
Beim FCB wurden Sie sehr schnell zum Publikumsliebling und zweimal Meister.
Schon in meinem ersten Nati-A-Spiel schoss ich ein Tor. Ich habe immer gekämpft, nie aufgegeben und bin überall auf dem Platz rumgeseckelt – das hat den Leuten wohl gefallen.
Trotzdem wechselten Sie 1982 ausgerechnet zum Erzrivalen FCZ. Warum?
1982 verliess Benthaus den FCB, und es gab einen Umbruch. Gleichzeitig fragte mich mein Nati-Zimmerkollege und FCZ-Spieler Heinz Lüdi, ob ich nicht nach Zürich wechseln wolle. Ich dachte mir, dass ein Tapetenwechsel vielleicht mal gut sei. Doch ich merkte schnell, dass das Team zerstritten war. Deshalb kehrte ich nach nur einer Saison wieder nach Basel zurück.
Beim FCB nahmen aber in jener Zeit die finanziellen Probleme zu.
Das war leider so. Manchmal erhielten wir den Lohn auch erst verspätet. 1987 sagte mir der damalige FCB-Präsident: «Erni, wir können deinen Lohn nicht mehr bezahlen.» Deshalb wechselte ich zu YB. Was aber noch wichtig ist: In meinem letzten FCB-Spiel schoss ich im Entscheidungsspiel in Wettingen vier Tore und sorgte so dafür, dass Basel nicht in die Nati B abstieg.
Apropos Nati B. Zwei Jahre später kehrten Sie erneut nach Basel zurück, in die Nati B.
In Basel dachten damals alle, wir steigen gleich wieder auf. Doch dem war nicht so. Martigny, Bulle, Burgdorf – unglaublich, gegen wen wir damals in der Nati B überall spielen mussten.
Sie sind bis heute der FCB-Spieler mit den drittmeisten Toren. In der Nati haben Sie aber nie getroffen.
Das stimmt, dort schoss ich nur im Training Tore. Warum das so war? Ich weiss es nicht. Wissen Sie aber, was das Lustige ist? Später lief ich ja auch noch für die Beachsoccer-Nati auf, und auch dort erzielte ich nie ein Tor.
Sie haben vorhin erwähnt, dass Sie immer ein Kämpfer waren. Haben Sie es manchmal auch übertrieben und sind vom Platz geflogen?
Nur einmal, bei einem Spiel in Chur, als es auch noch geschneit hat. Als ich eine Gelbe kassierte, applaudierte ich, und schon erhielt ich Rot. Ich war damals sogar froh, dass ich die warme Garderobe aufsuchen durfte.
Hätte es damals schon den VAR gegeben, wäre es dann bei einem Platzverweis geblieben?
Es hätte noch einen weiteren gegeben. Bei einem Eckball kam ich mit GC-Spieler Thomas Niggl ins Gehege. Er malträtierte mich mit seinem Ellbogen, also gab ich ihm die Faust. Konsequenzen hatte das damals keine.
Die Verteidiger damals spielten enorm hart. Wie gingen Sie damit um?
Damals gab es ja noch die Manndeckung. Meine Devise war deshalb immer: Ich renne und renne, auch mal zickzack, bis mein Gegenspieler müde ist. Und dann schlug ich zu. Charly In-Albon war auch so ein eisenharter Verteidiger. Diese Delle hier im rechten Oberschenkel habe ich ihm zu verdanken.
Wie ehrgeizig waren Sie?
Sehr, ich konnte und wollte auch jedes Trainingsspiel gewinnen. Ich war deshalb bestimmt nicht immer ein angenehmer Mitspieler. Ich war wohl so etwas wie der Alex Frei von früher, einfach ohne zu spucken (lacht).
Wer war Ihr verrücktester Teamkollege?
Das war Maximilian Heidenreich beim FC Basel. Ein Riesentalent, der immer unglaublich cool war und der dich wegen seiner Ruhe zur Weissglut treiben konnte. Leider ist er 2024 viel zu früh verstorben. Ich kann mich noch an eine Anekdote erinnern. Einmal fuhren er und Uwe Dittus vom Tessin heim nach Basel. In einem Tunnel wurde er um 4 Uhr in der Nacht geblitzt. Er meinte daraufhin nur: «Wenn die um 4 Uhr noch arbeiten, haben sie das Geld verdient.»
Man munkelt, dass Sie auch als Spieler viel Blödsinn gemacht haben. Oft sollen dabei Autos eine Rolle gespielt haben. Wir hören!
Da gibt es einiges zu erzählen. Teamkollege Jean Müller stellte zum Beispiel immer sein «Tschinggenruggsäggli», einen Fiat 500, beim Landhof hin. Wir haben den schon mal zu viert angehoben und wieder so hingestellt, dass er nicht mehr wegfahren konnte. Wir haben auch gerne mal, dem einen oder anderen ein Rad abmontiert. Apropos Landhof: Wir mussten uns dort immer umziehen, und danach fuhren wir mit einem kleinen Büssli ins Joggeli zum Trainieren. Ich war meist der Chauffeur und tat vor gewissen Kurven, in denen man auch geradeaus fahren konnte, so, als ob ich die Kurve verpassen würde. Einmal wäre René Botteron beinahe vor Angst gestorben und hat nur noch geschrien. Ein anderes Mal stand ich bei Rot an der Ampel, und Dittus zog einfach den Schlüssel raus und warf ihn aus dem Fenster. Doch ich weigerte mich, den zu holen, und wartete einfach so lange, bis Dittus ihn wieder holte.
Was fällt Ihnen zum Stichwort Uhrencup ein?
Als unser Chauffeur dort den Bus hinter der Haupttribüne abstellte, schlich ich mich danach rein und parkte ihn um. Da drehte er beinahe durch. Oft zogen wir beim Fahren auch die Handbremse oder nahmen Willi den Gang raus.
Mit der Nationalmannschaft und den Klubs waren Sie auf der ganzen Welt unterwegs. Was haben Sie da alles erlebt?
Wo soll ich anfangen? Zum Beispiel mit der Nati in Uruguay. Mac Tanner und ich sassen dort auf der Ersatzbank. Plötzlich warf einer eine echte tote Schlange an unseren Köpfen vorbei. Mac und ich sprangen nur noch auf und rannten davon. Oder das FCB-Trainingslager auf den Antillen. Ich war noch nie in meinem Leben so braun wie nach dieser Woche. Lustig war auch Pattaya.
Was war dort los?
Gleich nach unserer Ankunft mieteten Jean-Pierre Maradan und ich ein Töffli und fuhren ein bisschen rum. Als wir später zum ersten Mal trainierten, sagte Benthaus: «Kommt ja nicht auf die Idee, ein Töffli zu mieten.» Ein paar Tage später mieteten wir uns dann Jetskis. Dabei kam es zu einem Crash, und der Jetski von Hansruedi Schär wäre beinahe abgesoffen. Der Vermieter war danach richtig sauer, und Detlev Lauscher, der vermitteln wollte, war dadurch beinahe noch in eine Schlägerei verwickelt worden.
Waren Sie in Pattaya auch abends unterwegs?
Was soll ich darauf antworten? Im Gegensatz zu Benthaus blieben wir abends nicht nur im Hotel. Einmal fragte er uns: «Hier ist ja nichts los. Wo geht ihr immer hin?»
Und wo waren Sie?
Natürlich im Ausgang, was wir ihm aber nie erzählten. Was aber wichtig ist: Obwohl wir jeweils erst in der Nacht ins Hotel zurückkehrten, kam am anderen Tag nie einer zu spät ins Training. Eigentlich verrückt, ich, der Bündner Bueb, der als Kind höchstens mal bis nach Maienfeld kam, war dank des Fussballs auf der ganzen Welt unterwegs.
Das sind alles witzige Geschichten. Doch 2021 schlug das Schicksal brutal zu. Damals verstarb Ihre Ehefrau Katja.
Sie hatte Lungenkrebs und einen Hirntumor. Ich habe sie ganz alleine gepflegt. Als es nicht mehr ging, kam sie in das Spital.
Waren Sie bei ihr, als sie verstorben ist?
Leider nein. Ich war jeden Tag bei ihr im Spital. Doch am Schluss war nur noch ihr Körper da, aber ihr Geist nicht mehr. Eines Nachts klingelte um 3 Uhr mein Telefon, und mir wurde mitgeteilt, dass sie verstorben ist.
Wie geht es Ihnen heute?
Ich darf mich nicht beklagen. Seit drei Jahren bin ich pensioniert. Ich fahre auf dem Rhein das Rhytaxi, habe ein Schiff auf dem Zürichsee, habe vor zwei Jahren mit dem Snowboarden angefangen und habe meine Sendung auf Tele Basel.
Und Sie haben im letzten Jahr noch einmal geheiratet.
Das stimmt, ein gutes halbes Jahr nach dem Tod von Katja habe ich durch gemeinsame Bekannte in Cannes Chantal kennengelernt. Im vergangenen Oktober haben wir am Strand auf Sansibar geheiratet.



