Herr Burgener, wann haben Sie zuletzt ein Fondue Bourguignonne gegessen?
Erich Burgener:(Lacht.) Ich weiss, worauf Sie hinauswollen. Ich kann mich vor allem noch an mein erstes Bourguignonne erinnern.
Erzählen Sie.
Das war 1970, als klar war, dass ich von Raron zu Lausanne wechseln werde. Zum Abschied ging ich mit meiner damaligen Freundin und heutigen Frau Yvonne im Killerhof in Stalden Abendessen. Wir bestellten uns dort ein Fondue Bourguignonne, hatten aber keine Ahnung, wie man das isst. Deshalb haben wir uns beide fürchterlich den Mund verbrannt …
Lassen Sie uns von ganz vorne beginnen. Wie war Ihre Kindheit?
Ich wuchs in Turtig auf, das zu Raron gehört. Im Winter gab es dort drei Monate lang keinen einzigen Sonnenstrahl, dafür aber sehr viel Schnee. Deshalb fuhr ich im Winter Ski und spielte Eishockey. Weil im Sommer beides nicht möglich war, spielten wir dann Fussball. Aber noch nicht im FC. Wir rammten einfach irgendwo zwei Stecken in die Wiese, damit wir ein Tor hatten, und los gings. Da wir keinen Fernseher hatten, hörten wir am Sonntagnachmittag immer die Fussballberichterstattung im Radio. Wenn der Reporter sagte «Richi Dürr zu Robi Hosp», schauten wir danach in unseren Panini-Bildchen nach, wie die überhaupt aussehen, weil wir keine Ahnung hatten.
Und wann kamen Sie zum FC Raron?
Erst bei den B-Junioren, als ich etwa 14, 15 Jahre alt war. Dort spielte ich noch im Sturm. Ich liebte es, wenn ich ein Tor schoss und ich sah, wie das Netz flatterte. Doch als sie eines Tages keinen Torhüter mehr hatten, hiess es, der Grösste, der mit den Händen bis an die Latte kommt, müsse ins Tor. Und das war nun mal ich.
Träumten Sie damals von einer Karriere als Fussballprofi?
Das war in der Zeit doch kein Thema. Deshalb machte ich in Visp eine Lehre als Betonzeichner. Zum Glück!
Warum?
Im ersten Lehrjahr war ich natürlich dafür zuständig, «ds Zniini» für alle zu holen. So lernte ich in der Metzg Yvonne kennen, die dort arbeitete. Mittlerweile sind wir seit 54 Jahren verheiratet.
Wie ging es beim FC Raron mit Ihnen weiter?
Der Klub spielte damals in der 1. Liga. Trainer Carlo Naselli war gleichzeitig auch noch Goalie. Am Ende der Saison 1967/68 gab es eine Abstiegsrunde mit drei Teams: Stade Lausanne, Versoix und Raron. Da Naselli sich verletzt hatte, stellte er mich mit 17 Jahren ins Tor. Ich bekam Bälle en masse zwischen den Hosenträgern hindurch, und wir stiegen ab. Danach hiess es im Dorf, Raron sei wegen mir abgestiegen. Doch dann bekamen wir mit Peter Troger zum Glück einen neuen Trainer. Er warf bis auf zwei, drei Spieler alle alten raus und baute aus jungen Spielern ein neues Team auf. Wir stiegen dann gleich wieder auf.
Der 75-jährige Walliser stand für Raron (bis 1970), Lausanne (1970–1981) und Servette (1981–1986) im Tor. Er wurde zweimal Cupsieger (1981 und 1984) und einmal Meister (1985). Für die Nati bestritt er 64 Länderspiele. Zwischen 2000 und 2008 war er Goalie-Trainer unserer Nati. Er lebt zusammen mit seiner Frau Yvonne im Waadtland. Das Paar hat zwei Töchter und vier Enkel.
Der 75-jährige Walliser stand für Raron (bis 1970), Lausanne (1970–1981) und Servette (1981–1986) im Tor. Er wurde zweimal Cupsieger (1981 und 1984) und einmal Meister (1985). Für die Nati bestritt er 64 Länderspiele. Zwischen 2000 und 2008 war er Goalie-Trainer unserer Nati. Er lebt zusammen mit seiner Frau Yvonne im Waadtland. Das Paar hat zwei Töchter und vier Enkel.
1970 wollten sowohl Sion als auch Lausanne Sie verpflichten. Wäre der FC Sion für Sie als Walliser nicht logischer gewesen?
Mein Vater Roman wollte, dass ich nach Sion wechsle, was für ihn als Chef eines Baugeschäfts wohl gut gewesen wäre, weil er so vielleicht auch den einen oder anderen Auftrag bekommen hätte. Doch ich wollte nach Lausanne, weil dort der legendäre Torhüter Frankie Séchehaye Goalie-Trainer war. Also fuhr mich mein Vater mit seinem orangefarbenen Opel Rekord von Raron nach Visp zum Bahnhof. Auf dem Perron sagte er mir: «Mein Sohn, auf zwei Sachen musst du achtgeben: auf den Föhn und auf den Neid.»
War Lausanne für Sie eine andere Welt und gefühlt das Ausland?
Es geht, ich hatte schon früher Erfahrungen mit dem «Ausland» gemacht. Nach der 2. Sek hatten mich meine Eltern für ein Jahr nach Estavayer-le-Lac geschickt, um Französisch zu lernen. Das war eine Schule, die den Freiburgern Priestern gehört hat. Eine strenge Zeit. Wenn wir zum Beispiel an den See wollten, mussten wir in Zweierkolonnen unter Aufsicht dorthin laufen.
Für den Wechsel nach Lausanne erhielten Sie ein Handgeld.
Ich investierte das in Raron in eine Wohnung. Doch bei Lausanne erhielt ich zuerst nur wenig Geld, inklusive meines Lohns als Maurerlehrling, denn damals war ich noch immer nicht Profi. In jener Zeit ging ich regelmässig zu Mama und bat um einen Vorschuss. Manchmal erhielt ich aber zum Glück auch noch ein paar Privataufträge und konnte bei Villenbesitzern, die Lausanne supporteten, etwas arbeiten und erhielt dafür ein bisschen was in die Hände gedrückt.
Wie sah damals ein typischer Tag bei Ihnen aus?
Von 7 bis 15 Uhr arbeitete ich auf dem Bau. Dann gings nach Hause. Danach fuhr ich mit dem Bus von Renens auf die Pontaise, da ich noch nicht Auto fahren konnte. Zwischen 17 und 18.30 Uhr trainierten wir. Nachher assen wir in der Stadt etwas. Wenn ich dann den letzten Bus verpasst hatte, lief ich etwa eine Stunde lang zurück nach Renens, da ich mir ein Taxi nicht leisten konnte.
Wie wohnten Sie?
Bei meinem Onkel und meiner Tante, zusammen mit meinem Cousin in einem Zimmer. Für Kost und Logis musste ich ihnen monatlich einen Betrag abgeben.
In Lausanne ging Ihr Stern so richtig auf. Sie wurden Nationalspieler, und Sie schossen sogar mal ein Tor. Wie kam es dazu?
Als wir mal viele Verletzte hatten, kam Trainer Miroslav Blazevic am Freitag auf mich zu und sagte: «Morgen stelle ich dich gegen Servette als Center auf. Du bist der Beste, den ich habe.» Da dachte ich mir: Warum nicht, denn ich war beidfüssig und auch mit dem Kopf gut. Nur ein Problem hatte ich: Ich war kein Ferrari, ich war ein Traktor. Meine Antrittsschnelligkeit war zwar zu gering, doch wenn ich mal in Fahrt war, konnte man mich kaum mehr stoppen …
Und dann kam der 27. Februar 1977.
Da alle wissen wollten, ob ich wirklich als Stürmer auflaufen werde, kamen gegen 20’000 Zuschauer in die Pontaise. Ich betrat dann als Captain mit der Nummer 10 das Spielfeld. Es stand 1:1, als Christian Gross den Ball hatte und ich mich auf gleicher Höhe wie die Servette-Verteidiger Bizzini, Guyot, Valentini und Martin befand.
Gleiche Höhe?
Sagen wir es mal so: Vielleicht war es gut, dass es damals den VAR noch nicht gab, aber egal. Als Gross den Ball in die Tiefe spielte, rannte ich einfach los, und die Servette-Verteidiger hielten alle die Hände in die Höhe und schrien Offside. Doch der Schiri pfiff nicht. Deshalb konnte ich alleine auf Karl Engel zulaufen, den ich von der Nati her sehr gut kannte. Deshalb wusste ich, dass er in solchen Situationen immer im vollen Lauf rauskam und gleich runterging. Ich schob dann den Ball schön neben seinem Standbein durch ins Tor. Ein wunderschöner Moment. Doch in der zweiten Halbzeit hatte ich keine Kraft mehr, ich war auf den Felgen. Wir verloren schliesslich 3:7.
Bei Lausanne trafen Sie auch auf Gabet Chapuisat. War er der verrückteste Teamkollege, den Sie je hatten?
Ja, Gabet hat alles gemacht, was verboten war. Während der Vorbereitung hatte er angeblich immer Rückenschmerzen und konnte deshalb oft nicht trainieren. Sobald aber ein Spiel anstand, war er plötzlich wieder fit.
1981 wechselten Sie zu Servette, die damals «die Millionarios» genannt wurden.
Ich ging aber nicht deshalb zu Servette, sondern weil sie eine super Mannschaft hatten.
Was verdienten Sie in Genf?
Genug, um gut zu leben.
Ihr Highlight bei Servette: der Meistertitel 1985.
Vor der Meistersaison kehrte Lucien Favre von Toulouse zu uns zurück. Im Vertrag liess er sich die 10 zusichern, die eigentlich Umberto Barberis gehörte. Als vor dem Saisonstart Barberis Favre die 10 abtreten musste, fing der Ärger an. Danach gab es im Team zwei Grüppchen, die nicht mehr miteinander redeten und die beim Essen jeweils getrennt sassen. Vor dem Trainingslager in Crans-Montana mussten wir deshalb gar bei unserem Präsidenten Carlo Lavizzari antraben, der uns die Leviten vorlas. Trotzdem wurden wir Meister, weil wir individuell so stark besetzt waren. Doch im zweitletzten Saisonspiel war es nochmals eng geworden.
Was war da?
Wir spielten auswärts bei Xamax. Uns war klar: Sollten wir verlieren, wars das mit dem Meistertitel. In der Garderobe sagte ich zu Brigger: «Jean-Paul, du musst vorne eine Kiste schiessen, und ich mache hinten die Mauer. Was der Rest unseres Teams treibt, kann uns scheissegal sein.» Und was passierte? Brigger schoss ein Tor, und ich hielt hinten meinen Kasten sauber.
Im letzten Saisonspiel schlug Servette dann Vevey 5:1 und war dadurch Meister. Wie war die Feier?
Das war gar nichts. Es hat damals auch noch geschifft wie die Sau, und weil wir so zerstritten waren, kamen auch nur 5800 Zuschauer in die Charmilles.
Hätten Sie eigentlich mal ins Ausland wechseln können?
Eine gute Frage, ich weiss es aber nicht.
Warum nicht?
Damals hast du als Spieler dem Klub gehört. Wer dich verpflichten wollte, sprach mit dem Klub. Sagte der Nein, hattest du gar keine andere Wahl. Deshalb weiss ich bis heute nicht, ob ein ausländischer Klub mich jemals haben wollte.
Für die Nationalmannschaft bestritten Sie 64 Länderspiele. Eines davon war das gegen Deutschland, als Klaus Fischer gegen Sie mit einem Fallrückzieher das deutsche Fussball-Tor des Jahrhunderts schoss. War es haltbar?
Jedes Tor ist haltbar. Ich dachte doch nicht, dass er es mit einem Fallrückzieher versucht. Als ich angefangen hatte zu hechten, kam der Ball schon vom Netz zurück …
Die Nati qualifizierte sich damals nie für eine Endrunde.
Einspruch, einmal waren wir sehr knapp dran, und man muss auch beachten, dass damals an einer EM oder WM viel weniger Teams teilnehmen durften. Für mich war es in der Nati oft schwierig.
Warum?
Als Welscher hatten wir keine Lobby, damals hatte die GC-Fraktion um Ponte, Egli und Wehrli das Sagen. Wie gross der Stellenwert der Nati damals war, zeigt eine Episode. 1977 verloren wir in Stuttgart gegen Deutschland 1:4. Als ich nach dem Spiel mit Sepp Maier das Trikot tauschen wollte, sagte er nur: «Kein Problem, ich gebe dir meines. Deines kannst du aber behalten.»
Nach Ihrem Karriereende 1986 hatten Sie plötzlich mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen.
Ich kenne sehr viele Spieler, denen es wie mir ergangen ist. Als ich aufhörte, bekam ich plötzlich Gleichgewichtsstörungen, Kopfschmerzen und Herzrasen. Ich kann mich vor allem noch an einen Moment erinnern. Ich war auf dem Weg in den Jura, als ich keine Luft mehr bekam. Ich musste deshalb anhalten und aussteigen. Ich war damals davon überzeugt, einen Hirntumor zu haben, doch die Ärzte fanden einfach nichts. Bis ich zu Doktor Blanc vom FC Lausanne ging.
Was fand er heraus?
Für ihn war sofort klar, dass das mit meinem Karriereende zusammenhing. Vorher trainierte ich während 17 Jahren fast jeden Tag. Doch von heute auf morgen war das vorbei, deshalb rebellierte der Körper. Der Arzt sagte mir, ich müsse wieder Sport machen. Also fing ich bei Lausanne als Goalie-Trainer an, und auf einmal war der «ganze Seich» wieder weg.
Wir sprachen vorhin darüber, dass Sie sich nie für eine Endrunde qualifiziert hatten. Trotzdem schafften Sie es aber später noch an Endrunden, privat und beruflich.
Das stimmt. 1986 gründete ich zusammen mit ein paar Kumpels die Sombreros, die jeweils privat an die WM reisten. Jeden Monat zahlten wir vier Jahre lang einen Betrag ein. Dieser legte ein Banker für uns an. Dann reisten wir mit dem Geld jeweils ab dem Viertelfinal an die Weltmeisterschaften. Die Billette erhielten wir von Sepp Blatter. Damit keine falschen Gerüchte aufkommen: Wir bezahlten sie natürlich.
Als Goalie-Trainer der Nationalmannschaft nahmen Sie auch mehrere Male an Endrunden teil.
Besonders legendär war natürlich die Teilnahme an der WM 2006, als wir uns in Istanbul dafür qualifiziert hatten.
Stichwort «Die Schande von Istanbul». Sie waren damals mittendrin.
Nach dem Schlusspfiff mussten wir in den Katakomben etwa 50 Meter hochlaufen, links die Türken, rechts wir Schweizer. Neben mir war der Türkei-Goalie Volkan Demirel. Er hat nur noch herumgeschlagen. Da habe ich ihm auf Walliserdeutsch die Leviten gelesen, und plötzlich hatte ich eine «Flättere» an der Hüfte und am Kopf.
Wie reagierten Sie darauf?
Ich schlug ihm eine zurück und bin dann so schnell wie noch nie in meinem Leben in unsere Kabine gerannt.
Sie sind mittlerweile 75 Jahre alt. Wie sieht Ihr Leben heute aus?
Damit ich nicht zu dick werde, mache ich noch ein bisschen Fitness (lacht). Zudem bin ich oft mit meiner Frau in Zermatt. Und ich arbeite noch immer ein bisschen in der Firma für Sicherheitselemente aus Metall, die ich 1981 zusammen mit meinem Partner Kurt Oberli aufgebaut, aber mittlerweile verkauft habe.
